I guess I´ll have to do it while I´m here

Intellektuell inkonsistent

Ungeordnete Gedanken zu Courtney Barnetts “Sometimes I sit and think, and sometimes I just sit” und einige Empfehlungen

“Hey hey, my my
Rock and roll can never die.”

Neil Young sang vor bald 40 Jahren vor dem Hintergrund der Punk Revolution und dem Tod von Elvis Presley seine Hymne an die angebliche Unsterblichkeit der Rockmusik, die sich (“The king is gone but he’s not forgotten, is this the story of Johnny Rotten?”) ständig selbst erneuere. Jede Generation, so unterstellte Young hoffnungsvoll, werde ihre eigenen Teenage Kicks in Rockmusik kanalisieren.

Ich hatte schon lange Zweifel an der beschworenen Selbsterneuerungsfähigkeit der Rockmusik, in denen mich jede erfolgreiche Stadiontour reicher Rockherren im Pensionsalter bestärkte.

Eine Kunstgattung, deren Fachpresse ganz unironisch feierte, wenn der 70-jährige Paul McCartney mit dem 65-jährigen Billy Joel oder dem bald 50-jährigen Dave Grohl I saw her standing there (“Well, she was just seventeen, and you know what I mean, and the way she looked was way beyond compare”) in irgendeinem vollständig bestuhlten Riesenauditorium vor zehntausenden wohlsituierten Herrschaften meist gehobenen Alters vortrug, wirkte auf mich wie ihre eigene Karikatur.

Ich investierte also in den letzten Jahren nicht viel Geld in Rockmusik.

Das hat sich auch, nachdem ich Courtney BarnettsSometimes I sit and think, and sometimes I just sit im Frühjahr erworben habe, nicht wesentlich geändert. Und dennoch, zum ersten Mal in meinem Erwachsenenleben erzeugte bei mir ein neuerschienenes Rockalbum das Gefühl, direkt angesprochen zu werden. Warum das so war, das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen.

Musikalisch innovativ ist Courtney Barnett nicht. Aber musikalisch innovativ kann Rockmusik wahrscheinlich gar nicht mehr sein. Ich mag ihre hübschen Melodien, ihre Hooks, ihr oft aggressives Gitarrenspiel. Und ich war immer schon ein kleines bisschen in den angloaustralischen Akzent verliebt. Barnett wirkt sympathisch-charismatisch und gleichzeitig unsicher-schüchtern, eine Mischung, die mich immer anspricht. Aber all das ist nicht außergewöhnlich und erklärt nicht, weshalb Barnett in mir ein Gefühl der Nähe und Verbundenheit auslöst, das selbst Sleater-Kinney nicht bewirken.

Es müssen also die Texte sein.

Irgendwo las ich, “Sometimes I sit and think, and sometimes I just sit” fühle sich an wie eine vertonte Kurzgeschichtenanthologie. Das scheint mir eine treffende Beschreibung zu sein. Eine Kurzgeschichtenanthologie einer Frau meines Alters, die einen ähnlichen Mikrokosmos zu bewohnen scheint wie ich. Und die sich als “pedestrian at best” einschätzt.

All der selbstgerechte Bombast, der mir die Rockmusik in den letzten Jahre oft vergällt hat, fehlt Barnetts Songs.

Es bleiben: Beobachtungen auf der Wohnungssuche

(You said we should look out further, I guess it wouldn’t hurt us
We don’t have to be around all these coffee shops
Now we’ve got that percolator, never made a latte greater
I’m saving twenty three dollars a week“),

Selbstzweifel

(“I’m sorry for all of my insecurities, but they’re just a part of me
“Envy is thin because it bites but never eats”
That’s what a nice old Spanish lady once told me
“Hey Debbie-Downer turn that frown upside down and just be happy“),

Gedanken beim Autofahren

(“More people die on the road than they do in the ocean

Maybe we should mull over culling cars instead of sharks
Or just lock them up in parks where we can go and view them“)

oder im Supermarkt

(“Jen insists that we buy organic vegetables
And I must admit that I was a little skeptical at first
A little pesticide can’t hurt
Never having too much money, I get the cheap stuff at the supermarket”).

Dinge, die unsereiner so durch den Kopf geht, wenn uns etwas durch den Kopf geht.

Außerdem geht´s mir wie Courtney Barnett: ich mag Velvet Underground. Und: I’m not that good at breathing in.

P.S. Was ich in letzter Zeit auch oft und gerne hörte:

Kendrick Lamar, To pimp a butterfly

Sleater-Kinney, No cities to love

Vince Staples, Summertime 06

Father John Misty, I love you, honeybear

Napalm Death, Apex Predator – Easy Meat

Mbongwana Star, From Kinshasa

Natalie Prass, Natalie Prass

Donnie Trumpet & The Social Experiment, Surf

Fragmente eines sehr großen Sommers

Ich hatte in diesem Sommer viel Zeit.

Zeit zu reisen, Zeit zu lesen, Zeit, lange Aufgeschobenes nachzuholen. Making love, making waves and not making sense.

Soundtrack dieses langen, heißen Sommers war für mich Courtney Barnetts “Sometimes I sit and think, and sometimes I just sit“. Manchmal auch Kendrick Lamars “To pimp a butterfly“. Und “Numero 9” von Ntò feat. Stirpe Nova.

Großen Spaß machte es, mit dem 1915 erschienenen Buch “Old Calabria” von Norman Douglas durch Kalabrien zu ziehen und festzustellen, wie viel sich in 100 Jahren verändert hat. Und: dass sich manche Dinge nie verändern.

Leichte Strandlektüre boten die zwischen scharfsinnigen Beobachtungen, parteiischen Wertungen und amüsantem Klatsch oszillierenden Tagebücher von Margot Asquith aus den Jahren 1914-1916.

In den Überresten des antiken Pompeii hätte ich mir keine bessere Begleiterin wünschen können als Mary Beard, die in “Pompeii – The Life of a Roman Town” etwa nachweist, dass es – entgegen allen Mythen – in Pompeii wahrscheinlich nur ein einziges Bordell gab, und auch erklärt, wie diese Stadt durch eine vornehmlich aus Eingeweiden hergestellte fermentierte Fischsauce zu Reichtum kam.

Neapel ist die Stadt Elena Ferrantes. Mit Blick auf das Castel dell’Ovo die “Storia della bambina perduta“, den abschließenden Band der “L’amica geniale”Saga gelesen zu haben: das wird mir lange in Erinnerung bleiben.

Mit Lyrik ergeht es mir leider allzu oft gleich wie Marianne Moore: I too dislike it. Aber Charles Reznikoff gelang das seltene Kunststück, in seinem Found Poem “Testimony: The United States (1885 – 1915)“, wie von Moore gefordert, “imaginary gardens with real toads” zu schaffen. Charles Simic schreibt dazu in der New York Review of Books: “It should not be surprising that “Testimony” is rarely assigned at our colleges and universities these days; it causes too much discomfort to those who prefer to know nothing about what goes on in the world. This may be precisely what Reznikoff intended with a book like this. Let whoever reads it be upset.” Er hat recht.

Der Bildband “Capa in Color” veränderte den Eindruck, den ich bisher von diesem berühmten Magnum-Fotografen hatte. Er zeigt keine Kriege, Grausamkeiten und menschlichen Tragödien, sondern optimistische Bilder von einer Nachkriegswelt im Aufbruch. Und oh my, wie schön Ava Gardner war.

Ein Artikel von Rory Stewart brachte mich – wenn die WLAN-Versorgung am Strand ausreichend war – dazu, im Gertrude-Bell-Archiv der Universität Newcastle zu stöbern. Die darin zugänglich gemachten Briefe, Fotos und Tagebücher bieten faszinierende Einblicke in Leben und Handeln einer hochintelligenten, mutigen und kreativen Frau, die – wie alle ihre Nachfolger bis heute – an der Aufgabe scheiterte, aus dem von Kurden sowie sunnitischen und schiitischen Arabern bewohnten Gebiet zwischen Dohuk und Basra einen kohärenten und stabilen Staat zu machen.

Erstmals mit Eric Ravilious konfrontiert wurde ich in Robert MacFarlanes Buch “The Old Ways“, in dem der Autor in einem Kapitel seine Wanderung durch die Marlborough Downs auf den Spuren von Ravilious beschreibt. Ein ungeplant lange dauernder Zwischenstopp auf der Rückreise aus Italien in London ermöglichte mir, einige Tage vor Ausstellungsende noch die erste große Sammelausstellung von Wasserfarbengemälden dieses Malers in der Dulwich Picture Gallery anzuschauen. Ich bin mir noch nicht sicher, wie Ravilious’s Werk einzuordnen ist. “Realist though they are, his paintings move towards dislocation, even abstraction, conjuring both past and present“, meint Jenny Uglow.

Der Sommer ist nun vorüber.

“‘Cause I love you more than ever now that the past is gone.”

Der diskrete Charme des Oskar Beck

Der Fußballer Ciro Immobile hat Borussia Dortmund nach nur einer Saison wieder verlassen, was den Sportjournalisten Oskar Beck dazu veranlasste, einen erstaunlichen Text zu schreiben.

Unter dem meinungsstarken Titel „Die groteske Berufsauffassung der Mimose Ciro Immobile“ lässt er, der „bereits von 10 Fußball-Weltmeisterschaften berichtete“ und daher zumindest seit den Zeiten von Boss Rahn eine groteske Berufsauffassung erkennt, wenn er sie sieht, sich über die verweichlichten modernen Stars aus, die – früher am Schluchsee oder in Malente hätte es das nie gegeben – nicht verstehen, dass in Deutschland jungen Männern eben kein „Puderzucker in den Hintern“ geblasen wird.

Dass Zeiten, in denen Fußballer sich in der Schönheitsfarm Gurkenscheiben ins Gesicht legten, die Fingernägel lackierten oder Tattoos mit chinesischen Philosophien stechen ließen“, nicht mit der goldenen Vergangenheit, in der echte Männer noch um 20.000 bis 30.000 Mark gepokert, bis zum Morgengrauen gebumst haben und wie nasse ­Lappen zum Training gekrochen kamen, mithalten können, das ist für Herrn Beck so sicher, wie dass Leute „mit einem gepiercten Diamanten“  zu „sensibel und labil“ sind, um es mit fußballerischen Kalibern wie „Keule Kohler“ aufnehmen zu können.

John Terry wurde ja, erklärt uns Herr Beck, nur deshalb eine von Kindern weltweit nachgeahmte Fußballerlegende von der Titanengröße eines Phil „Kettensäge“ Neville, weil er anderen die kalte Klobrille wärmte und sich nicht beschwerte, dass nicht „italienisch“ mit ihm „gesprochen wurde“.

„Immobile braucht Liebe“. Mehr braucht man mit den „Kategorien der herkömmlichen Methoden der” Journalistik über den unsäglichen Charakter eines „größten Weicheis“ nicht zu verlieren.

Ob Herr Beck eine Physiotherapeutin braucht, die ihm vor dem Kolumnenschreiben „die Cojones krault“, das ist jedenfalls keine der „Fragen, die dringend geklärt gehören“.

6 Bücher, die mich 2015 beeindruckt haben (und ein P.S.)

Sarah Helm, If this is a woman, Ravensbrück, Life and Death in Hitler´s Concentration Camp for Women

Eine umfangreiche Geschichte des Schicksals der Gefangenen im Konzentrationslager Ravensbrück, die den Mythos, dass die Opfer sich widerstandslos in ihr Schicksal ergeben hätten, eindrücklich widerlegt. Nicht nur eine erschütternde Anklage gegen die Naziverbrecher, sondern vor allem ein Denkmal für Katharina Waitz, Yevgenia Klemm, Vera Vanchenko, Else Krug und viele andere Heldinnen, die bewiesen, dass es möglich ist, unter den grauenhaftesten Umständen Mut und Menschlichkeit zu beweisen. Wie die ehemalige Gefangene Jeannie Rousseau, die sich weigerte, Waffen für die Nazis zu erzeugen, der Autorin erzählt: “You can refuse what is happening, or go along with it. I was in the refusal camp.” Inspirierend.

Sofja Tolstaja, Eine Frage der Schuld

Die literarische Antwort Sofja Tolstajas auf die schwer erträgliche „Kreutzersonate“ ihres berühmten Ehemannes. Wie der Kritikers Ron Rosenbaum zusammenfasst: „Thematically, she counters her husband’s rage against sex and love with what is, cumulatively, a deeply affecting defense of love. A portrait of love from a woman’s point of view unlike any you can find in Tolstoy.“

Robert MacFarlane, The Old Ways

Ich stapfte immer schon gerne irgendwelchen kaum erkennbaren Pfaden entlang. Robert MacFarlane erklärt mir, warum. Das Buch beschreibt Reisen durch Devon, durch die Äußeren Hebriden, durch das Westjordanland, in den Himalaja und in die kastilische Hochebene. Vor allem aber ist es eine „geographische Biographie“, eine Wanderung auf den Spuren des Dichters Edward Thomas, ein Buch „about the landscape and the human heart“.

John Hooper, The Italians

John Hooper, langjähriger Italienkorrespondent des „Economist“, hat ein Buch geschrieben, mit dem er versucht, Luigi Barzinis berühmtes „Porträt der italienischen Bevölkerung“ aus den 60er-Jahren in der Gegenwart neu zu schreiben. Natürlich driftet dieses Buch wie jeder journalistische Versuch einer Mentalitätsgeschichte ins Anekdotische ab, natürlich generalisiert der Autor unzulässigerweise. Aber das Buch erläutert auch sehr vergnüglich typisch italienische Konzepte, vom menefreghismo über die dietrologia bis zur furbezza. Ein unterhaltsames Begleitbuch für Italienurlaube.

Julie Welch, The Biography of Tottenham Hotspur

Die liebevolle Darstellung der Geschichte meines Lieblingsfußballklubs seit seiner Gründung durch einige Schulbuben aus Nordlondon im Jahre 1882. (Die Autorin Julie Welch war 1969 die erste Frau, die bei einer englischen Zeitung als Sportjournalistin beschäftigt wurde.)

Elena Ferrante, I giorni dell’abbandono

„Un pomeriggio d´aprile, subito dopo pranzo, mio marito mi annunciò che voleva lasciarmi.“ 

Ein elegant-beiläufiger Anfangssatz, der die Geschichte einer Frau einleitet, “who is, in effect, razed to the ground by her husband’s leaving her, but who rebuilds herself over time, after looking at herself from the outside, as if observing someone else.” Elsa Ferrante ist die wohl bedeutendste italienische Schriftstellerin der Gegenwart. „Her novels are intensely, violently personal, and because of this they seem to dangle bristling key chains of confession before the unsuspecting reader.“  Jedes ihrer Bücher ist wert, gelesen zu werden.

P.S.: Enttäuscht war ich von Kim Gordons “Girl in a Band”, einer sehr konventionellen Rockstarautobiografie voller ödem Celebrityklatsch. Ich musste nach der Lektüre “Goo”, “Dirty” und “Daydream Nation” mehrfach anhören, bevor ich Mrs. Gordon wieder Bewunderung entgegenbringen konnte.

Aber das ist keine Frechheit. Das ist Verzweiflung.

Eine Kolumne von Lisi Moosmann, zurzeit in ihrem Büro

Immer wenn man denkt, es geht nicht mehr, kommt ein neuer Gipfel daher. Die Zeitschriftenhändlerin in Manhattan Beach riet mir, für die aktuelle “Vanity Fair”-Ausgabe lieber eine Vorbestellung zu hinterlassen, als ich mich am vergangenen Donnerstag bei ihr nach dem neuen Heft erkundigte. Die Geschichte ist ja auch einfach spektakulär: Die griechischen Botschaften, so konnte man neulich lesen, wurden angehalten, ihre Bargeldbestände nach Hause zu schicken. Jeder Cent zählt. Der österreichische Journalist Robert Misik hat neulich darauf aufmerksam gemacht. Aber der Balkan-Byzantinismus ist nicht so schnell kleinzukriegen.

Auf Deutschland übertragen wäre das so, als ob Franz Beckenbauer erklären würde, er habe immer im falschen Körper gelebt und nun im Abendkleid sein wahres Ich gefunden. Deshalb wird auch mit allen Kräften versucht, die Grenze zu überwinden, wenn man bei Geburt auf der falschen Seite gelandet ist.

Natur ist hier nur Natur bis zum Menschen, danach verliert sie ihre Macht.

Eine Ohrfeige für die Deutschen.

(Alle Sätze verdanke ich den SPON-Kolumnen der Alphaqualitätskolumnisten Augstein und Fleischhauer vom 4.6.2015 bzw. 9.6.2015.)

Fino alla fine

juve

Gestern hat Juventus gewonnen und ich habe mich darüber gefreut.

Das ist nicht selbstverständlich, weil ich keine Juventus-Anhängerin bin.

Ich bin einige Jahre in der Nähe von Mailand aufgewachsen. Juventus war in meinem Leben seit meiner Kindheit präsent: Mein Vater war Juventino, der von den großen Juventus-Mannschaften der Vergangenheit schwärmte, mir von Gaetano Scirea, Dino Zoff, Omar Sivori, John Charles erzählte. Das erste Champions-League-Finale, an das ich mich erinnern kann – vor allem weil ich meinen Vater selten so ausgelassen gesehen habe – wurde von Juventus gewonnen. Und Heini Kamke, der Held eines meiner Lieblingskinderbücher, „Elf Freunde müsst ihr sein“, war ein Verehrer des Juventus-Spielers Raimondo Orsi.

Aber in meinem Umfeld dominierten Inter-Anhänger. Und so wurde der F.C. Internazionale mein italienischer Lieblingsverein. Pazza Inter, die unberechenbare und chronisch hinter den Erwartungen zurückbleibende Inter, gleichsam die Antithese zur konstant erfolgreichen Juve.

Juventus war in Italien immer der Klub des nördlichen Establishments, den die (einfluss-)reiche Familie Agnelli so steuerte, dass Konkurrenz zwar – weil gut fürs Geschäft – zugelassen wurde, aber nie übermächtig werden konnte. Die Juve hatte im italienischen Fußball Prima inter Pares zu sein und zu bleiben. In der Regel ließ sich das mit zulässigen Mitteln – mit Geld, harter Arbeit, guter Organisation – bewerkstelligen. Und wenn diese zulässigen Mitteln ausnahmsweise nicht ausreichten, dann musste eben auf andere Weise nachgeholfen werden.

Für solche Fälle hielten sich die stilsicheren offiziellen oder inoffiziellen Lenker der Geschicke des Vereines aus der Familie Agnelli immer treue Adlaten, die keine Anweisungen brauchten, sondern selber wussten, wann was zu tun war. Leute wie Luciano Moggi und Antonio Giraudo, denen klar war, dass die Familie Agnelli niemals unsportliches oder gar ungesetzliches Treiben bei ihrer Juve tolerieren hätte können. Leute, die handelten, wenn es notwendig war und wie es notwendig war.

Das notwendige Handeln mochte durchaus auch Schiedsrichterbesetzungen oder medizinisch avancierte Spielerbehandlungen betreffen. Und sorgte dafür, dass Juventus in einem durchschnittlichen Jahrzehnt vier- bis fünfmal den italienischen Meistertitel gewann. Es kam vor, dass – wie Ende der 80er-Jahre, als Silvio Berlusconi obszöne Geldmengen in die A.C. Milan steckte, um es dem Turiner Establishment, das auf ihn herabschaute, zu zeigen – einige Jahre nichts von Bedeutung gewonnen wurde.

Aber Italien wusste: vulgäre Neureiche wie Berlusconi oder Craxi, die Staub aufwirbeln, kommen und gehen. Wenn sich der Staub dann gesetzt hat, stellt sich die natürliche Ordnung der Dinge wieder her und die ewigen Institutionen übernehmen wieder die ihnen zustehende Herrschaftsrolle: Institutionen wie der Juventus F.C. oder die Democrazia Cristiana.

Die Frage, ob das gut oder schlecht war (und wenn ja, für wen), stellte sich nicht. Es war.

So wie die Kommunisten, die Radikalen, die Liberalen über Jahrzehnte die Dominanz der Democrazia Cristiana kritisierten, beklagten, akzeptierten und heimlich bewunderten, so wurde die Herrschaft der Juve über die Serie A von Milan-, Inter-, Roma- und Napolifans kritisiert, beklagt, akzeptiert und heimlich bewundert. „Furbizia“, stilvoll-schlaue Gerissenheit, ist das – eigentlich unübersetzbare – Schlüsselwort der italienischen Kultur. Es ist eine allgemein bekannte italienische Wahrheit, dass Furbizia belohnt werden muss. Und niemand war mehr „furba“ als die Juve oder die Democrazia Cristiana.

Bis irgendeinmal das bis dahin Undenkbare geschah und allgemein bekannte Wahrheiten außer Kraft gesetzt wurden. Furbizia wurde unvorhersehbarerweise auf einmal streng bestraft, 1992 bei der Democrazia Cristiana, 2006 bei Juventus.

Am Schicksal der Democrazia Cristiana bestätigte sich der wahre Kern des Sinnspruches „The things that make you live will kill you in the end.“ Die Grande Juventus wurde dafür, dass Unrecht plötzlich als Unrecht gewertet wurde, in die Serie B versetzt, fand sich an Mittwochabenden statt in Old Trafford im Stadio Ezio Scida in Crotone wieder.

Eine Serie A ohne Juventus, das bemerkten aber auch bald die Interisti, die zuerst über die Strafversetzung jubelten, war keine Serie A, die sie wollten. Statt im Derby d`Italia zu verlieren gegen Catania gewinnen? Ein Jahr lang nett, aber nichts auf Dauer Wünschenswertes.

Der Tenor unter den Fans der Konkurrenzvereine, die sich als ewige Opfer der Juve-Furbizia fühlten, war nach kurzer Zeit: Gut, dass Juventus die Flügel gestutzt wurden. Und gut, dass Juventus – nach einem Jahr in der Serie B – in die erste Liga zurückkehrte.

Ich sah das ähnlich. Freute mich, dass Juve ab 2007 wieder da war. Und freute mich auch, dass sie noch einige Jahre brauchte, um annähend die gewohnte Stärke zu erreichen. In Italien ist es ihr aufgrund der allgemeinen Krise der Serie A schon vor drei, vier Jahren gelungen, wieder dominant zu werden. In den Europapokalwettbewerben spielte sie aber seit 2006 keine Rolle.

In den letzten Jahren hat die Juve ein neues, schönes Stadium gebaut, das allen Erfordernissen an eine optimale Vermarktung entspricht. Die Vermarktung erfolgt unter der Catchphrase „fino alla fine“, also: bis zum Ende. Mir gefällt dieser Spruch nicht. Er klingt mir zu sehr nach dem „mia san mia“ des FC Bayern, den ich nicht sehr mag. Ich mag auch Juventus nicht. Aber Juventus gehört zu meinem Leben wie die Furbizia. Fino alla fine.

Gestern hat Juventus zum ersten Mal seit 2006 ein Champions-League-Viertelfinalspiel gewonnen und das ist gut so.

Der vorbildliche Franz Conrad von Hötzendorf

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Vor kurzem habe ich erfahren, dass immer noch Kasernen der Republik Österreich nach dem k.u.k-Feldmarschall Franz Conrad von Hötzendorf benannt sind. Im österreichischen Bundesheer gelte Conrad, so der ehemalige Generalstabschef Edmund Entacher, als „vorbildlicher Offizier“.

Ich überlegte mir, was einen staatlich zertifiziert vorbildlichen österreichischen Offizier ausmachen könnte. Durch Blättern in Conrads eigenen Schriften lernte ich, dass die entscheidenden Kriterien für Vorbildhaftigkeit “Charakter und Leistung” seien.

Der Charakter Conrads war durchaus repräsentativ für die aristokratische Offiziers- und Beamtenkaste, der er entstammte, und hob ihn wenig aus der Masse der führenden Funktionäre der Donaumonarchie heraus:

Er war stolzer Rassist, Sozialdarwinist und hielt es für „besser, 100 Leute zu viel einzusperren, als einen zu wenig.“ Er war unfähig, sich selbst Fehler einzugestehen, und daher auch unfähig, aus Fehlern zu lernen. Er hasste Slawen und Italiener geradezu pathologisch. Er suchte für alle Rückschläge Sündenböcke und schob die Verantwortung für jeden Misserfolg auf andere. Empathie kannte er nicht, nur Selbstmitleid.

Die Leistungen Conrads sind demgegenüber zweifelsfrei außergewöhnlich:

Er war, wie sogar Christopher Clark zugesteht, durch sein jahrelanges Drängen auf einen Präventivkrieg gegen Serbien, Montenegro, Russland, Rumänien und Italien hauptverantwortlich dafür, dass den politischen Verantwortungsträgern der Donaumonarchie im Sommer 1914 ein Krieg als Allheilmittel zur Lösung aller innen- und außenpolitischen Probleme erschien. (K.u.k.-Außenminister Berchtold, einer der anderen Hauptschuldigen am Ersten Weltkrieg, paraphrasierte die Forderungen Conrads an die politischen Entscheidungsträger in den Tagen nach dem Attentat von Sarajewo mit den Worten: „Krieg! Krieg! Krieg!“)

Weil aber die Republik Österreich die Verursachung eines Weltkriegs für sich allein als noch nicht als hinreichenden Grund für die Benennung von Amtsgebäuden zu werten scheint (Berchtold-Kasernen gibt es ja nicht), müssen andere Leistungen des Feldherrn Grundlage seiner Würdigung durch den Staat gewesen sein.

Unstrittig ist unter Historikern,

– dass Conrad als Generalstabschef seit 1906 verantwortlich dafür war, dass die k.u.k.-Armee das unfähigste Offizierkorps aller kriegsführenden Mächte hatte (auf dessen Inkompetenz Conrad dann auch alle Debakel des ersten Kriegsjahres schob);

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– dass die Mobilisationspläne Conrads voller Fehler waren, die dazu führten, dass die k.u.k.-Armee langsamer mobilisierte als jede andere am Krieg beteiligte Armee;

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– dass Conrad, weil er aufgrund von Planänderungen notwendig gewordene Umstellungen – aus Furcht, sein Gesicht zu verlieren – nicht veranlasste (und deshalb Truppen auf einem Umweg von 1000 km über Bosnien nach Galizien transportieren ließ), das verspätete Einlangen von Truppen im Bereich der Front zu Russland verschuldete, was zu den militärischen Debakeln des Herbstes 1914 führte;

– dass Conrad durch die der Armee verordnete veraltete Offensivdoktrin mit ihrer Betonung des Angriffes durch manövrierende Infanterie erreichte, dass es nicht nur keine sinnvolle taktische Abstimmung zwischen den verschiedenen Waffengattungen gab, sondern Infanterieeinheiten in geschlossenen Formationen in aussichtslose Gefechte mit gegnerischer Artillerie gezwungen wurden;

– dass die – in Manövern bereits empirisch falsifizierten und dennoch unverändert umgesetzten – Pläne Conrads, die einer Offensive gegen Serbien halbherzig Priorität gegenüber der Verteidigung der galizischen Front einräumten, zum Scheitern der Offensive gegen Serbien und den Niederlagen in Galizien beitrugen;

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– dass Conrad als faktischer Armeeführer verantwortlich für die rassistisch motivierte (übrigens auch militärisch kontraproduktive) Unterdrückung der Zivilbevölkerung durch die Militärbehörden (insbesondere in Tschechien, Galizien und Serbien)

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und die von der Militärführung aus den gleichen rassistischen Motiven geschürte hysterischen Angst vor „slawischen“ Spionen, die zu Massakern an Zivilisten führten, war;

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–  dass die Offensive Conrads 1916 im Trentino in Anbetracht der vorhersehbaren Brusilow-Offensive nicht nur unverantwortlich, sondern, weil sie aus 1200 km Entfernung vom Operationsgebiet auf Basis veralteter taktischer Ansätze und ohne auf die örtlichen Wetter- und Bodenverhältnisse Rücksicht zu nehmen, geplant wurde, von vornherein zum Scheitern verurteilt war;

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–  dass Conrad jede zweckmäßige Koordinierung mit den Verbündeten aufgrund seiner Eifersucht und seines Eigensinns unterließ;

– dass Conrad aufgrund der Entfernung seines komfortablen Hauptquartiers in Teschen von den zentralen Kriegsschauplätzen und aufgrund seiner Ahnungslosigkeit über die Gegebenheiten an der Front eine Vielzahl leicht vermeidbarer taktischer Fehler machte;

– und dass Conrad im Laufe des Krieges mehrfach das Leben zehntausender Menschen dem Versuch der Verwirklichung absurder Hirngespinste von kühnen Siegesplänen opferte, nur um mit dem dadurch angestrebten Ruhm seine Liebhaberin und spätere Frau zu beeindrucken.

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Wenn ungewöhnliche Verbrechen und Fehlleistungen und ein sehr gewöhnlicher Charakter zusammenwirken, dann entsteht also: ein Held der Republik Österreich.

Tu felix Austria.

(Ein Beitrag zum Projekt *.txt von Dominik Leitner.)

Wünschen oder whatever gets you thru the night (it´s alright, alright)

Ein Beitrag zum Projekt *.txt von Dominik Leitner.

In gewisser Weise fand sie es immer noch erstaunlich.

Wenn sie gefragt hatte, was man gerne zum Abendessen serviert erhalten würde, waren die Antworten meist ziemlich konkret. Lasagne mit besonders viel Béchamelsauce, aber ohne Champignons. Danach Schokoladenpudding mit Schlagobers und kandierten Kirschen. Dazu einen möglichst nicht zu fruchtigen Rotwein.

Auch nachdem das gewünschte Essen auf dem Tisch stand, waren Verbesserungswünsche nicht selten. Ein bisschen Salz. Eine etwas größere Portion Schlagobers. Den Wein vielleicht doch noch 5 Minuten in den Kühlschrank stellen, weil er nur bei 17 Grad seinen Geschmack optimal entfaltet. Und die zweite Portion dann ohne die kandierten Kirschen. Doch zu süß, so ein Pudding mit kandierten Kirschen.

Daran, dass Menschen ihr gegenüber grundsätzlich Vorstellungen nicht zum Ausdruck bringen wollten, konnte es also nicht liegen. In vielen Alltagssituationen hätte sie es durchaus ertragen, weniger detaillierte Anregungen zu erhalten.

Sobald es aber um Sex ging, änderte sich die Bereitschaft zur präzisen Beschreibung. Statt exakten Vorgaben wurden hochtrabende rhetorische Figuren geboten.

Selbst der forsche junge Herr, der sie telefonisch ersucht hatte, zu einem romantischen Abendessen WC-Papier („Vierlagiges, bitte!“) mitzubringen, stotterte auf ihre Frage, welche sexuelle Stimulationen er bevorzuge, nur unschlüssig. Und flüchtete sich schließlich in Abstraktionen und windschiefe Metaphern von “distanzloser Vereinigung” und “tantrischer Explosion”. Was immer das bedeuten mochte.

Leute, die nicht vor der Verlautbarung zurückschreckten, dass sie ein Ribeye-Steak nur medium rare zubereitet für verdaubar hielten, und für die es kein richtiges Leben mit der falschen Zahnpasta („Ich ertrage nur Colgate Max Fresh.“) gab, wollten sexuellen Vorlieben nicht verraten.

Diese nebulösen Andeutungen verunsicherten. Sie versuchte daher, sich irgendwie metaphorisch zu verhalten.

Die Erfolge hielten sich in Grenzen, weil ihr bald klar wurde: die Metaphernmeister mochten vielleicht wissen, was sie wollten. Aber mit den Metaphern, die ihnen entfleucht waren, hatte es jedenfalls nichts zu tun.

Auf Dauer war, schien ihr, niemandem geholfen, wenn sie sich eigene Floskeln zurechtlegte, um vermurkste Turnübungen nachträglich schön zu reden.

Also entschloss sie sich, deutlich zu machen, was sie wollte. Durch Handlungsanweisungen, die frei von Vulkanausbrüchen, Erdbeben und anderen metaphorischen Naturkatastrophen waren.

Erstaunlicherweise erlebte sie keinen Widerstand, sondern fast erleichtert wirkende Kooperation.

Gespräche über Sex blieben weiterhin reich an Tropen und Euphemismen.

Warum das so war, wusste sie immer noch nicht. Aber das Nichtwissen beeinträchtigte ihr Leben nicht mehr.

Juan Román Riquelme oder The Glory Game

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Vorgestern ist Juan Román Riquelme zurückgetreten.

Er hat mir einmal viel bedeutet.

Ich war eine ziemlich eigensinnige Jugendliche mit ziemlich eigenwilligen Vorlieben. Einige Dinge interessierten mich. Alle anderen: nicht.

Und ich hatte Probleme mit Autoritäten. Oder, wie ich damals gesagt hätte: Die Autoritäten hatten Probleme mit mir. Das führte dazu, dass ich in vielen Dingen nicht den Erfolg hatte, den ich mir verdient zu haben glaubte.

Schulnoten waren selbst dort, wo ich gut war, schlechter, als sie sein hätten dürfen. Preise, die, wie ich meinte, mir zustanden, gingen an andere.

Ich tat so, als ob mir das alles nichts ausmachte. Dass ich nicht nur keinen Wert auf irgendwelche Erfolge legte, sondern sie aus Prinzip ablehnte. Eine Pose natürlich. Aber eine, an deren Authentizität ich irgendwann selbst zu glauben begann.

Seit ich den ganz jungen Riquelme um die Jahrtausendwende einmal in der Bombonera spielen hatte sehen, hing sein Poster an der Wand meines Mädchenzimmers.

Ich bewunderte seine mühelos wirkende Eleganz in der Ballführung. Sein Geschick, in einem Spiel, das auf Schnelligkeit ausgerichtet war, paradoxerweise durch gezielt eingesetzte Langsamkeit entscheidende Überraschungsmomente zu schaffen. Seine Eigensinnigkeit, die dazu führte, dass er sich früher oder später mit jedem Trainer überwarf. Seinen, wie mir schien, immer traurig-trotzigen Blick. Vor allem aber bewunderte ich seinen Stil.

Es ging nur darum, alles richtig zu tun. Ob damit irgendein äußerlich messbarer Erfolg erzielt werden konnte, das war bedeutungslos. Der richtige Stil war für sich schon Erfolg genug. Besser im Provinzkaff Villarreal Dritter der Primera División zu werden, vermittelte mir Riquelmes Auftreten, als sich anzupassen und mit dem FC Barcelona die Meisterschaft gewinnen.

Und was für den großen Riquelme recht war, das war für ein 15, 16-jähriges Mädchen mit Allüren nur billig.

Ich und Riquelme, wir waren stilvoll erfolglos und in dieser Erfolglosigkeit glücklich, redete ich mir ein.

Bis ich 2006 sah, wie Riquelme im Halbfinale der Champions League gegen Arsenal in der 89. Minute einen Elfmeter verschoss und danach fassungslos-verzweifelt im Strafraum stand, während das Spiel um ihn herum weiterging und der mir besonders unsympathische Jens Lehmann triumphierte.

Das Bild des entsetzt in der Nähe des Elfmeterpunktes ruhig dastehenden Riquelme zeigte mir: Er war im Misserfolg nicht glücklich. Erfolg war klarerweise nicht alles. Auf Stil kam es an. Aber, wie schon Bob Dylan sang: Failure’s no success at all.

Kurz nach diesem Spiel im Frühjahr 2006 begannen sich meine Noten zu verbessern. Riquelme schied mit der argentinischen Nationalmannschaft im WM-Viertelfinale 2006 gegen Deutschland aus, gewann aber danach 2007 mit Boca Juniors die Copa Libertadores und mit Argentinien 2008 das Olympische Fußballturnier.

Ich würde lügen, wenn ich behauptete, sein Wirken in den letzten Jahren intensiv verfolgt zu haben. Den einen oder anderen Superclásico habe ich in instabilen Webstreams verfolgt. Montags suchte ich auf den Sportseiten immer nach den Wochenend-Resultaten seiner Vereine, der Boca Juniors und – im letzten Halbjahr – der Argentinos Juniors. Und selten, in sentimentalen Momenten, schaute ich mir You-Tube-Videos an. Etwa vom Champions-League-Viertelfinalrückspiel Villarreals 2006 gegen den F.C. Internazionale, in dem er Weltstars wie Figo und Veron zeigte, wie durch Spielintelligenz Räume geschaffen und ausgenützt werden können.

Das Riquelme-Poster hängt immer noch in meinem ehemaligen Zimmer im Haus meiner Eltern, glaube ich. Ich war schon lange nicht mehr dort. Wenn ich das nächste Mal hinkomme, werde ich es abnehmen und zu meinen Tagebüchern aus der Teenagerzeit, den Schulzeugnissen und alten Liebesbriefen legen. Meine Jugend ist nun endgültig vorbei.

Gratwanderung

Ein Beitrag von Daniel Kosak zum Projekt *.txt von Dominik Leitner

grat

Ich mache das jetzt mal auf die herkömmliche Art: Wenn ich nicht weiß, worum’s gehen soll, dann google ich mal. Wenn man „Grat“ googlet, dann ist das erste Ergebnis die „Gruppe angepasste Technologie“, ein wissenschaftlicher Verein an der Technischen Universität Wien, der sich für einen umweltverträglichen Umgang mit Technik und ihren Folgen einsetzt. Tolle Sache wahrscheinlich, aber vielleicht auch nicht das, was hier erwartet wird.

Mit dem zweiten Ergebnis kommen wir der Sache schon näher, hier wirft die Suchmaschine den Schweizer Berg „Grat“ als Ergebnis aus. Wobei der Begriff „Berg“ in diesem Fall vielleicht übertrieben ist, es handelt sich um einen 991 Meter hohen Hügel, der aber immerhin der höchste Punkt des Kantons Thurgau ist.

So weit, so uninteressant.

Ich suche nun nach „Gratwanderung“, und zwar in der Bildersuche. Es erscheint dieses Bild. Jetzt bin ich dort, wo ich hin will. Ein Berg mit einem Grat, auf dem Menschen wandern. „Gratwanderung“ dient meistens als Synonym für die Gefahr, auf einer der beiden Seiten runterfallen zu können. Menschen benutzen das Wort, wenn sie beschreiben wollen, dass sie sich nicht zwischen der einen oder anderen Seite entscheiden konnten, als Synonym des Leidens und der Unsicherheit. In vielen Texten ist das Wort auch als Metapher für andere Situationen. Für eine Weggabelung etwa, an der Menschen sich entscheiden mussten, ob sie den einen oder den anderen Weg nehmen. Oder als Tanz auf dem Seil, unsicher und schwankend, ständig fürchtend, dass man ungesichert runterfällt.

Was mir nicht untergekommen ist: Die Gratwanderung als Metapher für etwas Schönes. Wenn man das Bild betrachtet, auf dem Menschen auf einem grünen Bergrücken gehen, dann wirkt das für mich bedrohlich. Man kann auf jedem Grat gehen und die Schönheiten sehen, die sich links und rechts auftun, wenn man runterschaut. Der Blick ins Tal von einem hohen Punkt, auf beide Seiten, auf denen sich unterschiedliche, aber schöne Welten auftun können. Das würde mir als Metapher besser gefallen. Abseits von gekünstelter „Feel-good-Attitüde habe ich oft den Eindruck, dass viele Menschen ihren Fokus auf Gefahr, Bedrohung und Empörung legen. Aufregung und Erregung sind die Säulen, auf denen auch weite Teile der sozialen Medien beruhen. Ungeprüft natürlich, gepostet und geteilt wird meistens ohne zu hinterfragen, die eigene Empörung wird mit „Arg, oder?“ als Kommentar hinzugefügt.

Dieses Verhalten begrenzt sich selbst nicht nur in sozialen Netzwerken, auch Medien funktionieren inzwischen oft so. Und nicht nur am Boulevard. Das emotionslose, aber Wissen schaffende „einerseits-andererseits“, das den Leser seine Schlüsse selbst ziehen lässt, gibt es nicht mehr oft. Meinung machen, Informationen liefern. Oder nur jene Informationen bereitstellen, die die eigene Meinung untermauern.

Ich wünsche mir, dass Gratwanderungen zumindest manchmal auch als etwas anderes gesehen werden. Als eine Möglichkeit einen Blick auf beide Seiten zu werfen. Physisch, aber eben auch metaphorisch.

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