I guess I´ll have to do it while I´m here

Intellektuell inkonsistent

What is truth?

Ich habe in diesem Monat mit Erstaunen zur Kenntnis genommen, wie viele Analysten schon sehr kurz nach dem überraschenden Wahlergebnis vom 08.11.2016 ganz genau wussten, weshalb Donald Trump die Präsidentenwahl gewonnen hat.

Weil die Analysen zwar mit großer Vehemenz vorgetragen wurden, die verschiedenen Diagnosen jedoch meist miteinander unvereinbar waren – hauptverantwortlich für Trumps Erfolg waren etwa der Feminismus, die Political Correctness, Hillary Clintons Versagen, die Globalisierung -, habe ich mir eine dieser Expertisen eines angesehenen Kommentators genauer angesehen: Thomas Pikettys vom 12.11.2016 datierenden Artikel „We must rethink globalism or Trumpism will prevail“.

Der Artikel beginnt mit einem starken Statement, das Ursache und notwendige Gegenmaßnahme bereits vorwegnimmt:

“Rising inequality is largely to blame for this electoral upset. Continuing with business as usual is not an option 

Let it be said at once: Trump’s victory is primarily due to the explosion in economic and geographic inequality in the United States over several decades and the inability of successive governments to deal with this.

Both the Clinton and the Obama administrations frequently went along with the market liberalization launched under Reagan and both Bush presidencies. At times they even outdid them: the financial and commercial deregulation carried out under Clinton is an example.” 

Piketty lässt hier keinen Raum für Zweifel: Hauptursache für Trumps Sieg ist die seit Jahrzehnten „explodierende“ ungleiche Einkommensverteilung in den USA.

Belege für diese kühne Behauptung führt er nicht an. Ich nehme daher eine kurze Google-Suche vor und finde heraus, dass die  transferbereinigte „Inequality“ in den USA nach dem GINI-Index im Jahr 1994 0,372 betragen hat, im Jahr 2010 0,373.  In den vergangenen 20 Jahren waren die Schwankungen dieses Koeffizienten in den USA insgesamt sehr gering (und deutlich geringer als in Ländern wie Deutschland und Spanien, in denen Rechtspopulisten keine oder eine sehr viel geringere politische Bedeutung als in den USA hatten und haben).

Wenn aber die Ungleichheit in den USA in den letzten 20 Jahren unverändert blieb, dann kann nach den Denkgesetzen der Aufstieg Trumps in den vergangenen 16 Monaten auch nicht „primarily“ durch die „explodierende“ Ungleichheit verursacht worden.

Weiter geht´s im Artikel so:

„What sealed the deal, though, was the suspicion that the Democrats were too close to Wall Street – and the inability of the Democratic media elite to learn the lessons from the Sanders vote.“

Hier statuiert Piketty – ebenfalls ohne Belege -, dass Bernie Sanders mit seinem Programm Trump besiegt hätte, wenn man ihn nur antreten hätte lassen. Der zu zentristische Wahlkampf Clintons sei also entscheidend –  aber nicht „primarily“? – für den Triumph Trumps gewesen.

Diese „Die-Linken-waren-nicht-links-genug“-Argumentation ist mir aus dem UK – etwa nach Millibands Wahlniederlage 2015 – gut bekannt, wird aber zumindest dort durch die Umfrageergebnisse, die den orthodox Linken Jeremy Corbyn und seine Labour Party momentan etwa bei 24% und damit 7 Prozentpunkte hinter dem Wahlergebnis von Ed Millibands linksliberaler Labour Party sehen, nicht gestützt.

Da bis heute noch nicht einmal ein endgültiges Wahlergebnis vorliegt, sind Untersuchungen, wie die Wahl ausgegangen wäre, wenn Sanders statt Clinton als demokratischer Kandidat zur Wahl gestanden wären, hochspekulativ. Es scheint jedoch bisher nicht den geringsten Anhaltspunkt, geschweige einen Beweis, dafür zu geben, dass Sanders ein besseres Wahlergebnis als Clinton erzielt hätte.

Dann führt Piketty aus: “Hillary won the popular vote by a whisker (60.1 million votes as against 59.8 million for Trump, out of a total adult population of 240 million), but the participation of the youngest and the lowest income groups was much too low to enable key states to be won.“

Auch die in diesem Satz aufgestellten Behauptungen sind gefühlt, nicht evidenzbasiert:

Clinton gewann 2 Millionen Stimmen mehr als Trump, und es gibt bis zum heutigen Tag zumindest keine mir zugängliche Datengrundlage für die Behauptung, die ärmsten Bevölkerungsgruppen hätten weit überproportional demokratisch gewählt, wenn sie in größerer Zahl zur Wahl gegangen wären. (Nate Silver spricht demgegenüber etwa davon, dass sich eine “educational gap” feststellen ließe: die weniger formal Gebildeten hätten überproportional Trump gewählt.)

Der Rest des Piketty-Artikels beschäftigt sich dann mit den Maßnahmen, mit denen Politiker wie Trump zukünftig wirksam bekämpft werden können. Sie entsprechen im wesentlichen dem, was Piketty schon seit Jahren fordert: Stärkung des ArbeitnehmerInnenschutzes bei Handelsabkommen, höhere Steuern für Großunternehmen, Verhinderung von Schiedsgerichten in Handelsabkommen und Beschränkung des Investorenschutzes. Dazu werden for good measure noch zwei Absätze zum „Klimaschutz“ eingefügt, der, soweit erkennbar, auch nach Pikettys Ansicht nicht relevant für den Wahlausgang war, aber von ihm – richtigerweise – für bedeutsam gehalten wird.

Während die erste Hälfte seines Artikels – der Teil Ursachenforschung – also mit Fakten, vornehm ausgedrückt, sehr kreativ umgeht und keine Truth sucht, sondern Truthiness statuiert, gibt die zweite Hälfte des Artikels das, was der Autor immer schon für gut und wichtig erachtet hat, als notwendige Lehre aus Trumps Erfolg aus. Insoweit unterscheidet sich auch dieser angesehene Ökonom methodisch nicht relevant von den medialen Meinungsschleuderern, die täglich auf alle Fragen sofort eine Antwort haben.

Ich weiß auch nicht, was „die Ursache“ für Trumps Wahlsieg ist. Ich vermute, es ist kompliziert. Und wäre froh, wenn mehr Menschen dieser Vermutung nachgingen.

Podcasts

Momentan hat ja medial so ziemlich alles Digitale eine schlechte Nachrede. Me, I like me my Internet. Es macht mich gescheiter, weil es mir einfachen Zugriff aus sehr viele interessante und amüsante Dinge ermöglicht, von denen ich früher vermutlich nie gehört hätte.

Zugreisen, Autofahrten, Spaziergänge ohne diese Podcasts mag ich mir gar nicht mehr vorstellen:

– This American Life

Life, liberty and the pursuit of happiness. As good as it gets.

– Football Weekly

Seit der elften Schulstufe zweimal wöchentlich meine Laufbegleitung. Ich mag gerade jetzt Gary Lineker sehr. Aber James Richardson ist der perfekte Fußballmoderator: humorvoll, geistreich, europhil, belesen, an allem interessiert. Ein Crush seit über 10 Jahren. What else can I say?

– Talk Nerdy

Cara Santa Maria führt Interviews mit WissenschaftlerInnen. Die Themen sind weit gefächert: vom Berglöwen über Atheismus, von Dinosauriern bis zum Weltraumteleskop Hubble und zur Amundsen-Scott-Südpolstation.

– Serial

“This-American-Life”-Spinoff. Von Sarah Koenig. Season 2 erzählt die Geschichte Bowe Bergdahls, der als US-Soldat in Afghanistan das Army-Lager verließ, von den Taliban entführt und 5 Jahre lang gefangengehalten wurde, bis er 2014 in einem Gefangenenaustausch frei kam. Was das Medium Podcast optimalerweise sein könnte: Serial zeigt es.

– Longform

Wöchentlich ein ausführliches  Gespräch mit einer Nonfiction-AutorIn. Ziemlich diverses Themenspektrum. Doreen St. Félix war vor 14 Tagen Gast, Emily Witt vor drei Wochen.

– Startup

Alex Blumberg gibt seine Stelle als Produzent bei “This American Life” auf, um ein Podcast-Startup, Gimlet Media, zu gründen und macht einen Podcast über seine Erfahrungen dabei. Sehr meta, aber gleichzeitig sehr real.

– Freakonomics Radio

Stephen Dubner über Wirtschaft im weitesten Sinn. Uber, das Lob des Inkrementalismus, Wahrscheinlichkeit, Flugangst. Kulturgeschichtlicher Background immer inklusive.

– n+1 Podcast

“n+1” ist neben der “Paris Review” das mir am nächsten stehende Artsfartsy-Magazin. Der Podcast erscheint unregelmäßig. Aber: wer sich für Gespräche über den patriotischen Hymnenfetischismus im US-Sport, moderne Liebe oder Heroin interessiert, nimmt das gerne in Kauf.

– Collinas Erben

Von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Die beiden Moderatoren beweisen, dass talentierte Menschen alles interessant machen können, wenn sie sich bemühen. Sogar Schiedsrichtertaktik. Auch sprachlich unübertroffen. Der beste deutschsprachige Podcast, den ich kenne.

– Tiny Desk Concerts

Konzerte im Kammerl. Von NPR. Aufgrund der Prämissen zwangsläufig indie- und songwriterlastig.

– TLS Voices

Wöchentlicher Podcast des Times Literary Supplement, über TLS-Themen. Oft – aber immer noch zu selten – mit Mary Beard. Not totally sold on Stig Abell. Hearting Thea Lenarduzzi, though.

– In Our Time

Podcast über die “History of Ideas”. Melvyn Bragg und wechselnde ExpertInnen sprechen wöchentlich über ein Thema. Das kann Turners “Fighting Temeraire” oder “Aurora Leigh” sein. Diversity rules.

The Secret History of Hollywood

Adam Roche erzählt ausführlich Geschichten aus der großen Zeit Hollywoods. Leider ist das Archiv mit Ausnahme der Warner-Brothers-Geschichte “Bullet and Blood” zumindest im Moment nicht mehr frei zugänglich. Unglaublich polished.

– My Dad Wrote A Porn

Sein Vater schrieb einen Porno, “Belinda blinks”.. Er liest ihn vor, ein Freund und eine Freundin kommentieren. Funny stuff.

– The Canon

Amy Nicholson und Devin Faraci schauen sich in jeder Episode einen klassischen Film an und diskutieren, ob der Film in den Kanon der All-Time-Greats gehört. Am besten mit anderen zusammen genossen, nachdem man sich in der Gruppe den thematisierten Film gemeinsam angesehen hat. Mein Montagabendvergnügen im Herbst und Winter.

Es gibt darüberhinaus natürlich eine Vielzahl weiterer interessanter Podcasts, die ich, wann immer es die Zeit zulässt, gerne konsumiere: Radiorebell, The Long View, Rasenfunk, Second Captains, You must remember this, Chunky Glasses. Gerade neu begonnen habe ich mit Tell me something I don´t know. Und Crimetown, das in den nächsten Tagen startet, klingt auch hörenswert.

P.S. Für Empfehlungen bin ich immer dankbar. Sowohl Podcasts als auch  Lesestoff betreffend.

 

 

 

(What’s so funny ’bout) peace, love, and understanding?

  1. Der Versuch, mehr oder weniger willkürlich und oft biologistisch definierte Gruppen nach Art des Inquisitionsverfahrens zu Verantwortlichen  zu erklären, ist weder progressiv noch zielführend.
  2. Ängste um den eigenen Status und der Wunsch, diesen Status von einem starken Staat vor jeder Veränderung schützen zu lassen, sind ebenso wie Ressentiments nicht gruppenspezifisch.
  3. Ökonomische Faktoren erklären nicht alles.
  4. In manchen Situationen reichen die kleinen Tugenden nicht aus.
  5. Es ist kompliziert.
  6. Was Winston Churchill sagt: meanwhile, never flinch, never weary, never despair.
  7. The planet goes on being round.
  8. Was Heinz Kamke sagt: weiter bin ich noch nicht.

P.S.: Ketzerischer Gedanke: ob die Menschen, die Trump gewählt haben, hauptverantwortlich für den Trump-Erfolg gewesen sein könnten?

 

Lesestoff

 

– Hillary Chute, Disaster Drawn, Visual Witness, Comics, and Documentary Form

Goya´s effect on the world of comics has been profound.

 

– Wendy Cope, Two Cures for Love

1. Don’t see him. Don’t phone or write a letter.
2. The easy way: get to know him better.

 

– Lisa Ginzburg, Spietati i mansueti

How ruthless are the gentle—
How cruel are the kind—
God broke his contract to his Lamb
To qualify the Wind—

Sabine mangia pochissimo. Del trauma che ha conosciuto, l’inappetenza è la sola spia visibile. Una traccia che Didier però si ostina a ignorare. Illuso di saperle offrire ciò di cui lei ha bisogno, tutte le sere fa da mangiare; dedito, cieco.

 

Jennifer Keishin Armstrong, Seinfeldia: How a show about nothing changed everything

Jerry Seinfeld ventured into a Korean deli one night in November 1988 with fellow comic Larry David after both had performed at the Catch a Rising Star comedy club on the Upper East Side of New York City. Seinfeld needed David’s help with what could be the biggest opportunity of his career so far, and this turned out to be the perfect place to discuss it.

 

– Nathalie Léger,  Suite for Barbara Loden

Someone who knew Barbara Loden well told me, She said it is easy to be avant-garde, but it is really difficult to tell a simple story well. 

 

– Laura Cumming, The Vanishing Velazquez

He was Velasco, Valasky, Valasca, Valesques, like the conjugations of an irregular verb.

 

Dorothea Lasky, Rome

This has and has always been about
The real
Bloody and awful
Twisting and twisting
Love is a strange dance
I do with myself
But I won’t give up

 

– Una, Becoming Unbecoming

People did try to help me, but this consisted mainly of demonstrating concern about my behaviour, my state of mind, or my school work. From this I understood I was either mad, bad, or thick.

 

– Elsa Morante, L´isola di Arturo

Intorno alla nostra nave, la marina era tutta uniforme, sconfinata come un oceano. L’isola non si vedeva più.

 

– Sarah Bakewell, At the Existentialist Cafe

You can talk about this cocktail and make philosophy out of it.

 

– Sophie Pinkham, Black Square: Adventures in the Post-Soviet World

Ever since we´d met, Kotik the golden-haired guitarist had been telling me about the Crimean cape of Meganom. Once a Soviet military base, Meganom had remained undeveloped, without houses, resorts, public beaches, or roads, unlike the rest of Crimea, which was packed with tourists. Kotik was a hippie at heart, and Meganom was his imaginative home, the dream of paradise around which he organized his existence.

 

– Merritt Tierce, Love Me Back

I´m a hard worker, I tell the manager.

 

– Claudia Roth Pierpont, American Rhapsody

Writing a story called “Beatrice Palmato,” Edith Wharton got no further than an outline and a single two-page scene, exquisitely detailed and explicitly pornographic, in which a father lovingly completes the sexual initiation of his daughter.

 

– Lara Feigel, The Bitter Taste of Victory

Entering Cologne in March 1945, Gellhorn wondered if what she saw was too nightmarish to be real. This seemed not so much a city as ‘one of the great morgues of the world’. But she did not grieve for the devastation because she was too appalled by the spectacle of ‘a whole nation passing the buck’: no one was prepared to admit to being a Nazi. This was a view shared by the photographer Lee Miller, who found the inhabitants of Cologne ‘repugnant in their servility, hypocrisy and amiability’.

 

– Emily Witt, Future Sex

I had never had a coregasm and my sexual expectations conformed to widely held, government-sanctioned ideals. I was single, and now in my thirties, but I still envisioned my sexual experience eventually reaching a terminus, like a monorail gliding to a stop at Epcot Center. I would disembark, find myself face-to-face with another human being, and there we would remain in our permanent station in life: the future.

 

– Rossella Milone, Il silenzio del lottatore

Mi sentivo sopraffatta, quasi violentata: c’era improvvisamente troppa vita che mi spingeva via, che mi allontanava da tutto ciò che mi era familiare. Intuivo che ce n’era un’altra, in agguato e del tutto estranea, pronta a fagocitarmi.

 

– Gail Buckland, Who shot Sports? A Photograpic History, 1843 to the Present

The decisive moment.

 

– Kristin Dombeck, The Selfishness of Others: An Essay on the Fear of Narcissism

But the moment you begin to find that the other lacks empathy – when you find him inhuman – is a moment when you can´t feel empathy, either.

 

– Ubah Cristina Ali Farah, Il comandante del fiume

Se qualcuno pensa che mi metterò a recitare il mea culpa si sbaglia di grosso.

 

– Lavinia Greenlaw, The Importance of Music to Girls

Growing up in Seventies provincial England was like being subjected to a stronger form of gravity.

 

– Jen George, The Babysitter at Rest

I was sexually attractive, which is highly valued in college and art circles as well as in other hierarchical scenes mimicking the structure of capitalism wherein older men with large hands finger younger women who read novels and possibly write or paint or play an instrument and make declarative statements such as, “If I had to work at an office in Midtown nine to five I’d jump off the George Washington Bridge” or “I’ve never been out of the country.”

 

– Lalla Romano, Una giovinezza inventata

Suppongo che a quel tempo le valige fossero tutte a soffietto; comunque la nostra io la portavo con disinvoltura. Era di pellecome faceva notare mammae non pareva che in fatto di valige si potesse andare più in là.

 

– Meredith Trede, Tenement Threnody und andere Gedichte

Here’s looking at you, kid.

Men said things like that.

You know how to whistle, don’t you?

Just put your lips together and blow.

We know a woman said that,

At least in the movies. The camera

Was there. But she didn’t write

The lines; they were scripted for her.

 

Niina Polari, Dead Horse

the doctor said “Do you feel tenderness”
She was touching me

No, I said, not mostly
She said “You have very fibrous breast tissue I would not be surprised
If you felt tenderness during your period”

 

– Lauren Holmes, Barbara the Slut and Other People

James didn’t do well with the rules, so I had to make more rules–no surprising me outside of my classes on the days we weren’t supposed to hang out, and then no surprising me even on the days we were supposed to hang out. Then no surprising me with my favorite breakfasts from the dining hall when I was on my way out of my dorm. And then no surprising me at all, for any reason. Basically, my first year of college was a total bust. I didn’t make any friends, and I didn’t do well in any of my classes, and I didn’t learn anything about life. All I did was date James. And by the end of the year I didn’t even want to do that.

 

– Alona Frankel, Girl: My Childhood and the Second World War

They were always with me. The lice. My lice.

 

– Yaa Gyasi, Homegoing

That night, Baaba woke Effia up while she was sleeping on the floor of their hut. Effia felt the warmth of her mother’s breath against her ear as she spoke. “When your blood comes, Effia, you must hide it. You must tell me and no one else,” she said. “Do you understand?” She handed Effia palm fronds that she had turned into soft, rolled sheets. “Place these inside of you, and check them every day. When they turn red, you must tell me.”

 

– Gina Wynbrandt, Somebody please have sex with me?

I didn´t know vaginas could stretch so much…

 

– Candice Millard, Hero of the Empire, The Making of Winston Churchill

What an awful thing it will be if I don’t come off … It will break my heart for I have nothing else but ambition to cling to.

 

– Joann Fletcher, The Story of Egypt

Within their rich body of myth and legend, the Egyptians believed that ‘in the beginning’ was complete darkness.

 

– Robin R. Cutler, Such Mad Fun, Ambition and Glamour in Hollywood´s Golden Age

My mother was twenty-three when Fitzgerald brought her this copy of Tender is the Night. She’d been an art student and aspiring author on its publication date in 1934. Three years later, the snappy dialogue in her short stories caught the interest of celebrated Hollywood agent, H. N. (“Swanie”) Swanson; within a few months she was hard at work at MGM.

 

– Erika Lust, Blog

Sex and all that.

Ungeordnete Gedanken zu Courtney Barnetts “Sometimes I sit and think, and sometimes I just sit” und einige Empfehlungen

“Hey hey, my my
Rock and roll can never die.”

Neil Young sang vor bald 40 Jahren vor dem Hintergrund der Punk Revolution und dem Tod von Elvis Presley seine Hymne an die angebliche Unsterblichkeit der Rockmusik, die sich (“The king is gone but he’s not forgotten, is this the story of Johnny Rotten?”) ständig selbst erneuere. Jede Generation, so unterstellte Young hoffnungsvoll, werde ihre eigenen Teenage Kicks in Rockmusik kanalisieren.

Ich hatte schon lange Zweifel an der beschworenen Selbsterneuerungsfähigkeit der Rockmusik, in denen mich jede erfolgreiche Stadiontour reicher Rockherren im Pensionsalter bestärkte.

Eine Kunstgattung, deren Fachpresse ganz unironisch feierte, wenn der 70-jährige Paul McCartney mit dem 65-jährigen Billy Joel oder dem bald 50-jährigen Dave Grohl I saw her standing there (“Well, she was just seventeen, and you know what I mean, and the way she looked was way beyond compare”) in irgendeinem vollständig bestuhlten Riesenauditorium vor zehntausenden wohlsituierten Herrschaften meist gehobenen Alters vortrug, wirkte auf mich wie ihre eigene Karikatur.

Ich investierte also in den letzten Jahren nicht viel Geld in Rockmusik.

Das hat sich auch, nachdem ich Courtney BarnettsSometimes I sit and think, and sometimes I just sit im Frühjahr erworben habe, nicht wesentlich geändert. Und dennoch, zum ersten Mal in meinem Erwachsenenleben erzeugte bei mir ein neuerschienenes Rockalbum das Gefühl, direkt angesprochen zu werden. Warum das so war, das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen.

Musikalisch innovativ ist Courtney Barnett nicht. Aber musikalisch innovativ kann Rockmusik wahrscheinlich gar nicht mehr sein. Ich mag ihre hübschen Melodien, ihre Hooks, ihr oft aggressives Gitarrenspiel. Und ich war immer schon ein kleines bisschen in den angloaustralischen Akzent verliebt. Barnett wirkt sympathisch-charismatisch und gleichzeitig unsicher-schüchtern, eine Mischung, die mich immer anspricht. Aber all das ist nicht außergewöhnlich und erklärt nicht, weshalb Barnett in mir ein Gefühl der Nähe und Verbundenheit auslöst, das selbst Sleater-Kinney nicht bewirken.

Es müssen also die Texte sein.

Irgendwo las ich, “Sometimes I sit and think, and sometimes I just sit” fühle sich an wie eine vertonte Kurzgeschichtenanthologie. Das scheint mir eine treffende Beschreibung zu sein. Eine Kurzgeschichtenanthologie einer Frau meines Alters, die einen ähnlichen Mikrokosmos zu bewohnen scheint wie ich. Und die sich als “pedestrian at best” einschätzt.

All der selbstgerechte Bombast, der mir die Rockmusik in den letzten Jahre oft vergällt hat, fehlt Barnetts Songs.

Es bleiben: Beobachtungen auf der Wohnungssuche

(You said we should look out further, I guess it wouldn’t hurt us
We don’t have to be around all these coffee shops
Now we’ve got that percolator, never made a latte greater
I’m saving twenty three dollars a week“),

Selbstzweifel

(“I’m sorry for all of my insecurities, but they’re just a part of me
“Envy is thin because it bites but never eats”
That’s what a nice old Spanish lady once told me
“Hey Debbie-Downer turn that frown upside down and just be happy“),

Gedanken beim Autofahren

(“More people die on the road than they do in the ocean

Maybe we should mull over culling cars instead of sharks
Or just lock them up in parks where we can go and view them“)

oder im Supermarkt

(“Jen insists that we buy organic vegetables
And I must admit that I was a little skeptical at first
A little pesticide can’t hurt
Never having too much money, I get the cheap stuff at the supermarket”).

Dinge, die unsereiner so durch den Kopf geht, wenn uns etwas durch den Kopf geht.

Außerdem geht´s mir wie Courtney Barnett: ich mag Velvet Underground. Und: I’m not that good at breathing in.

P.S. Was ich in letzter Zeit auch oft und gerne hörte:

Kendrick Lamar, To pimp a butterfly

Sleater-Kinney, No cities to love

Vince Staples, Summertime 06

Father John Misty, I love you, honeybear

Napalm Death, Apex Predator – Easy Meat

Mbongwana Star, From Kinshasa

Natalie Prass, Natalie Prass

Donnie Trumpet & The Social Experiment, Surf

Fragmente eines sehr großen Sommers

Ich hatte in diesem Sommer viel Zeit.

Zeit zu reisen, Zeit zu lesen, Zeit, lange Aufgeschobenes nachzuholen. Making love, making waves and not making sense.

Soundtrack dieses langen, heißen Sommers war für mich Courtney Barnetts “Sometimes I sit and think, and sometimes I just sit“. Manchmal auch Kendrick Lamars “To pimp a butterfly“. Und “Numero 9” von Ntò feat. Stirpe Nova.

Großen Spaß machte es, mit dem 1915 erschienenen Buch “Old Calabria” von Norman Douglas durch Kalabrien zu ziehen und festzustellen, wie viel sich in 100 Jahren verändert hat. Und: dass sich manche Dinge nie verändern.

Leichte Strandlektüre boten die zwischen scharfsinnigen Beobachtungen, parteiischen Wertungen und amüsantem Klatsch oszillierenden Tagebücher von Margot Asquith aus den Jahren 1914-1916.

In den Überresten des antiken Pompeii hätte ich mir keine bessere Begleiterin wünschen können als Mary Beard, die in “Pompeii – The Life of a Roman Town” etwa nachweist, dass es – entgegen allen Mythen – in Pompeii wahrscheinlich nur ein einziges Bordell gab, und auch erklärt, wie diese Stadt durch eine vornehmlich aus Eingeweiden hergestellte fermentierte Fischsauce zu Reichtum kam.

Neapel ist die Stadt Elena Ferrantes. Mit Blick auf das Castel dell’Ovo die “Storia della bambina perduta“, den abschließenden Band der “L’amica geniale”Saga gelesen zu haben: das wird mir lange in Erinnerung bleiben.

Mit Lyrik ergeht es mir leider allzu oft gleich wie Marianne Moore: I too dislike it. Aber Charles Reznikoff gelang das seltene Kunststück, in seinem Found Poem “Testimony: The United States (1885 – 1915)“, wie von Moore gefordert, “imaginary gardens with real toads” zu schaffen. Charles Simic schreibt dazu in der New York Review of Books: “It should not be surprising that “Testimony” is rarely assigned at our colleges and universities these days; it causes too much discomfort to those who prefer to know nothing about what goes on in the world. This may be precisely what Reznikoff intended with a book like this. Let whoever reads it be upset.” Er hat recht.

Der Bildband “Capa in Color” veränderte den Eindruck, den ich bisher von diesem berühmten Magnum-Fotografen hatte. Er zeigt keine Kriege, Grausamkeiten und menschlichen Tragödien, sondern optimistische Bilder von einer Nachkriegswelt im Aufbruch. Und oh my, wie schön Ava Gardner war.

Ein Artikel von Rory Stewart brachte mich – wenn die WLAN-Versorgung am Strand ausreichend war – dazu, im Gertrude-Bell-Archiv der Universität Newcastle zu stöbern. Die darin zugänglich gemachten Briefe, Fotos und Tagebücher bieten faszinierende Einblicke in Leben und Handeln einer hochintelligenten, mutigen und kreativen Frau, die – wie alle ihre Nachfolger bis heute – an der Aufgabe scheiterte, aus dem von Kurden sowie sunnitischen und schiitischen Arabern bewohnten Gebiet zwischen Dohuk und Basra einen kohärenten und stabilen Staat zu machen.

Erstmals mit Eric Ravilious konfrontiert wurde ich in Robert MacFarlanes Buch “The Old Ways“, in dem der Autor in einem Kapitel seine Wanderung durch die Marlborough Downs auf den Spuren von Ravilious beschreibt. Ein ungeplant lange dauernder Zwischenstopp auf der Rückreise aus Italien in London ermöglichte mir, einige Tage vor Ausstellungsende noch die erste große Sammelausstellung von Wasserfarbengemälden dieses Malers in der Dulwich Picture Gallery anzuschauen. Ich bin mir noch nicht sicher, wie Ravilious’s Werk einzuordnen ist. “Realist though they are, his paintings move towards dislocation, even abstraction, conjuring both past and present“, meint Jenny Uglow.

Der Sommer ist nun vorüber.

“‘Cause I love you more than ever now that the past is gone.”

Der diskrete Charme des Oskar Beck

Der Fußballer Ciro Immobile hat Borussia Dortmund nach nur einer Saison wieder verlassen, was den Sportjournalisten Oskar Beck dazu veranlasste, einen erstaunlichen Text zu schreiben.

Unter dem meinungsstarken Titel „Die groteske Berufsauffassung der Mimose Ciro Immobile“ lässt er, der „bereits von 10 Fußball-Weltmeisterschaften berichtete“ und daher zumindest seit den Zeiten von Boss Rahn eine groteske Berufsauffassung erkennt, wenn er sie sieht, sich über die verweichlichten modernen Stars aus, die – früher am Schluchsee oder in Malente hätte es das nie gegeben – nicht verstehen, dass in Deutschland jungen Männern eben kein „Puderzucker in den Hintern“ geblasen wird.

Dass Zeiten, in denen Fußballer sich in der Schönheitsfarm Gurkenscheiben ins Gesicht legten, die Fingernägel lackierten oder Tattoos mit chinesischen Philosophien stechen ließen“, nicht mit der goldenen Vergangenheit, in der echte Männer noch um 20.000 bis 30.000 Mark gepokert, bis zum Morgengrauen gebumst haben und wie nasse ­Lappen zum Training gekrochen kamen, mithalten können, das ist für Herrn Beck so sicher, wie dass Leute „mit einem gepiercten Diamanten“  zu „sensibel und labil“ sind, um es mit fußballerischen Kalibern wie „Keule Kohler“ aufnehmen zu können.

John Terry wurde ja, erklärt uns Herr Beck, nur deshalb eine von Kindern weltweit nachgeahmte Fußballerlegende von der Titanengröße eines Phil „Kettensäge“ Neville, weil er anderen die kalte Klobrille wärmte und sich nicht beschwerte, dass nicht „italienisch“ mit ihm „gesprochen wurde“.

„Immobile braucht Liebe“. Mehr braucht man mit den „Kategorien der herkömmlichen Methoden der” Journalistik über den unsäglichen Charakter eines „größten Weicheis“ nicht zu verlieren.

Ob Herr Beck eine Physiotherapeutin braucht, die ihm vor dem Kolumnenschreiben „die Cojones krault“, das ist jedenfalls keine der „Fragen, die dringend geklärt gehören“.

6 Bücher, die mich 2015 beeindruckt haben (und ein P.S.)

Sarah Helm, If this is a woman, Ravensbrück, Life and Death in Hitler´s Concentration Camp for Women

Eine umfangreiche Geschichte des Schicksals der Gefangenen im Konzentrationslager Ravensbrück, die den Mythos, dass die Opfer sich widerstandslos in ihr Schicksal ergeben hätten, eindrücklich widerlegt. Nicht nur eine erschütternde Anklage gegen die Naziverbrecher, sondern vor allem ein Denkmal für Katharina Waitz, Yevgenia Klemm, Vera Vanchenko, Else Krug und viele andere Heldinnen, die bewiesen, dass es möglich ist, unter den grauenhaftesten Umständen Mut und Menschlichkeit zu beweisen. Wie die ehemalige Gefangene Jeannie Rousseau, die sich weigerte, Waffen für die Nazis zu erzeugen, der Autorin erzählt: “You can refuse what is happening, or go along with it. I was in the refusal camp.” Inspirierend.

Sofja Tolstaja, Eine Frage der Schuld

Die literarische Antwort Sofja Tolstajas auf die schwer erträgliche „Kreutzersonate“ ihres berühmten Ehemannes. Wie der Kritikers Ron Rosenbaum zusammenfasst: „Thematically, she counters her husband’s rage against sex and love with what is, cumulatively, a deeply affecting defense of love. A portrait of love from a woman’s point of view unlike any you can find in Tolstoy.“

Robert MacFarlane, The Old Ways

Ich stapfte immer schon gerne irgendwelchen kaum erkennbaren Pfaden entlang. Robert MacFarlane erklärt mir, warum. Das Buch beschreibt Reisen durch Devon, durch die Äußeren Hebriden, durch das Westjordanland, in den Himalaja und in die kastilische Hochebene. Vor allem aber ist es eine „geographische Biographie“, eine Wanderung auf den Spuren des Dichters Edward Thomas, ein Buch „about the landscape and the human heart“.

John Hooper, The Italians

John Hooper, langjähriger Italienkorrespondent des „Economist“, hat ein Buch geschrieben, mit dem er versucht, Luigi Barzinis berühmtes „Porträt der italienischen Bevölkerung“ aus den 60er-Jahren in der Gegenwart neu zu schreiben. Natürlich driftet dieses Buch wie jeder journalistische Versuch einer Mentalitätsgeschichte ins Anekdotische ab, natürlich generalisiert der Autor unzulässigerweise. Aber das Buch erläutert auch sehr vergnüglich typisch italienische Konzepte, vom menefreghismo über die dietrologia bis zur furbezza. Ein unterhaltsames Begleitbuch für Italienurlaube.

Julie Welch, The Biography of Tottenham Hotspur

Die liebevolle Darstellung der Geschichte meines Lieblingsfußballklubs seit seiner Gründung durch einige Schulbuben aus Nordlondon im Jahre 1882. (Die Autorin Julie Welch war 1969 die erste Frau, die bei einer englischen Zeitung als Sportjournalistin beschäftigt wurde.)

Elena Ferrante, I giorni dell’abbandono

„Un pomeriggio d´aprile, subito dopo pranzo, mio marito mi annunciò che voleva lasciarmi.“ 

Ein elegant-beiläufiger Anfangssatz, der die Geschichte einer Frau einleitet, “who is, in effect, razed to the ground by her husband’s leaving her, but who rebuilds herself over time, after looking at herself from the outside, as if observing someone else.” Elsa Ferrante ist die wohl bedeutendste italienische Schriftstellerin der Gegenwart. „Her novels are intensely, violently personal, and because of this they seem to dangle bristling key chains of confession before the unsuspecting reader.“  Jedes ihrer Bücher ist wert, gelesen zu werden.

P.S.: Enttäuscht war ich von Kim Gordons “Girl in a Band”, einer sehr konventionellen Rockstarautobiografie voller ödem Celebrityklatsch. Ich musste nach der Lektüre “Goo”, “Dirty” und “Daydream Nation” mehrfach anhören, bevor ich Mrs. Gordon wieder Bewunderung entgegenbringen konnte.

Aber das ist keine Frechheit. Das ist Verzweiflung.

Eine Kolumne von Lisi Moosmann, zurzeit in ihrem Büro

Immer wenn man denkt, es geht nicht mehr, kommt ein neuer Gipfel daher. Die Zeitschriftenhändlerin in Manhattan Beach riet mir, für die aktuelle “Vanity Fair”-Ausgabe lieber eine Vorbestellung zu hinterlassen, als ich mich am vergangenen Donnerstag bei ihr nach dem neuen Heft erkundigte. Die Geschichte ist ja auch einfach spektakulär: Die griechischen Botschaften, so konnte man neulich lesen, wurden angehalten, ihre Bargeldbestände nach Hause zu schicken. Jeder Cent zählt. Der österreichische Journalist Robert Misik hat neulich darauf aufmerksam gemacht. Aber der Balkan-Byzantinismus ist nicht so schnell kleinzukriegen.

Auf Deutschland übertragen wäre das so, als ob Franz Beckenbauer erklären würde, er habe immer im falschen Körper gelebt und nun im Abendkleid sein wahres Ich gefunden. Deshalb wird auch mit allen Kräften versucht, die Grenze zu überwinden, wenn man bei Geburt auf der falschen Seite gelandet ist.

Natur ist hier nur Natur bis zum Menschen, danach verliert sie ihre Macht.

Eine Ohrfeige für die Deutschen.

(Alle Sätze verdanke ich den SPON-Kolumnen der Alphaqualitätskolumnisten Augstein und Fleischhauer vom 4.6.2015 bzw. 9.6.2015.)

Fino alla fine

juve

Gestern hat Juventus gewonnen und ich habe mich darüber gefreut.

Das ist nicht selbstverständlich, weil ich keine Juventus-Anhängerin bin.

Ich bin einige Jahre in der Nähe von Mailand aufgewachsen. Juventus war in meinem Leben seit meiner Kindheit präsent: Mein Vater war Juventino, der von den großen Juventus-Mannschaften der Vergangenheit schwärmte, mir von Gaetano Scirea, Dino Zoff, Omar Sivori, John Charles erzählte. Das erste Champions-League-Finale, an das ich mich erinnern kann – vor allem weil ich meinen Vater selten so ausgelassen gesehen habe – wurde von Juventus gewonnen. Und Heini Kamke, der Held eines meiner Lieblingskinderbücher, „Elf Freunde müsst ihr sein“, war ein Verehrer des Juventus-Spielers Raimondo Orsi.

Aber in meinem Umfeld dominierten Inter-Anhänger. Und so wurde der F.C. Internazionale mein italienischer Lieblingsverein. Pazza Inter, die unberechenbare und chronisch hinter den Erwartungen zurückbleibende Inter, gleichsam die Antithese zur konstant erfolgreichen Juve.

Juventus war in Italien immer der Klub des nördlichen Establishments, den die (einfluss-)reiche Familie Agnelli so steuerte, dass Konkurrenz zwar – weil gut fürs Geschäft – zugelassen wurde, aber nie übermächtig werden konnte. Die Juve hatte im italienischen Fußball Prima inter Pares zu sein und zu bleiben. In der Regel ließ sich das mit zulässigen Mitteln – mit Geld, harter Arbeit, guter Organisation – bewerkstelligen. Und wenn diese zulässigen Mitteln ausnahmsweise nicht ausreichten, dann musste eben auf andere Weise nachgeholfen werden.

Für solche Fälle hielten sich die stilsicheren offiziellen oder inoffiziellen Lenker der Geschicke des Vereines aus der Familie Agnelli immer treue Adlaten, die keine Anweisungen brauchten, sondern selber wussten, wann was zu tun war. Leute wie Luciano Moggi und Antonio Giraudo, denen klar war, dass die Familie Agnelli niemals unsportliches oder gar ungesetzliches Treiben bei ihrer Juve tolerieren hätte können. Leute, die handelten, wenn es notwendig war und wie es notwendig war.

Das notwendige Handeln mochte durchaus auch Schiedsrichterbesetzungen oder medizinisch avancierte Spielerbehandlungen betreffen. Und sorgte dafür, dass Juventus in einem durchschnittlichen Jahrzehnt vier- bis fünfmal den italienischen Meistertitel gewann. Es kam vor, dass – wie Ende der 80er-Jahre, als Silvio Berlusconi obszöne Geldmengen in die A.C. Milan steckte, um es dem Turiner Establishment, das auf ihn herabschaute, zu zeigen – einige Jahre nichts von Bedeutung gewonnen wurde.

Aber Italien wusste: vulgäre Neureiche wie Berlusconi oder Craxi, die Staub aufwirbeln, kommen und gehen. Wenn sich der Staub dann gesetzt hat, stellt sich die natürliche Ordnung der Dinge wieder her und die ewigen Institutionen übernehmen wieder die ihnen zustehende Herrschaftsrolle: Institutionen wie der Juventus F.C. oder die Democrazia Cristiana.

Die Frage, ob das gut oder schlecht war (und wenn ja, für wen), stellte sich nicht. Es war.

So wie die Kommunisten, die Radikalen, die Liberalen über Jahrzehnte die Dominanz der Democrazia Cristiana kritisierten, beklagten, akzeptierten und heimlich bewunderten, so wurde die Herrschaft der Juve über die Serie A von Milan-, Inter-, Roma- und Napolifans kritisiert, beklagt, akzeptiert und heimlich bewundert. „Furbizia“, stilvoll-schlaue Gerissenheit, ist das – eigentlich unübersetzbare – Schlüsselwort der italienischen Kultur. Es ist eine allgemein bekannte italienische Wahrheit, dass Furbizia belohnt werden muss. Und niemand war mehr „furba“ als die Juve oder die Democrazia Cristiana.

Bis irgendeinmal das bis dahin Undenkbare geschah und allgemein bekannte Wahrheiten außer Kraft gesetzt wurden. Furbizia wurde unvorhersehbarerweise auf einmal streng bestraft, 1992 bei der Democrazia Cristiana, 2006 bei Juventus.

Am Schicksal der Democrazia Cristiana bestätigte sich der wahre Kern des Sinnspruches „The things that make you live will kill you in the end.“ Die Grande Juventus wurde dafür, dass Unrecht plötzlich als Unrecht gewertet wurde, in die Serie B versetzt, fand sich an Mittwochabenden statt in Old Trafford im Stadio Ezio Scida in Crotone wieder.

Eine Serie A ohne Juventus, das bemerkten aber auch bald die Interisti, die zuerst über die Strafversetzung jubelten, war keine Serie A, die sie wollten. Statt im Derby d`Italia zu verlieren gegen Catania gewinnen? Ein Jahr lang nett, aber nichts auf Dauer Wünschenswertes.

Der Tenor unter den Fans der Konkurrenzvereine, die sich als ewige Opfer der Juve-Furbizia fühlten, war nach kurzer Zeit: Gut, dass Juventus die Flügel gestutzt wurden. Und gut, dass Juventus – nach einem Jahr in der Serie B – in die erste Liga zurückkehrte.

Ich sah das ähnlich. Freute mich, dass Juve ab 2007 wieder da war. Und freute mich auch, dass sie noch einige Jahre brauchte, um annähend die gewohnte Stärke zu erreichen. In Italien ist es ihr aufgrund der allgemeinen Krise der Serie A schon vor drei, vier Jahren gelungen, wieder dominant zu werden. In den Europapokalwettbewerben spielte sie aber seit 2006 keine Rolle.

In den letzten Jahren hat die Juve ein neues, schönes Stadium gebaut, das allen Erfordernissen an eine optimale Vermarktung entspricht. Die Vermarktung erfolgt unter der Catchphrase „fino alla fine“, also: bis zum Ende. Mir gefällt dieser Spruch nicht. Er klingt mir zu sehr nach dem „mia san mia“ des FC Bayern, den ich nicht sehr mag. Ich mag auch Juventus nicht. Aber Juventus gehört zu meinem Leben wie die Furbizia. Fino alla fine.

Gestern hat Juventus zum ersten Mal seit 2006 ein Champions-League-Viertelfinalspiel gewonnen und das ist gut so.