I guess I´ll have to do it while I´m here

Intellektuell inkonsistent

Month: August, 2013

Italo Calvino, Il visconte dimezzato

Alle volte uno si crede incompleto ed è soltanto giovane.

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Oh, the humanity! Emilio Lussus “Ein Jahr auf der Hochebene”.

„Lassen Sie ihn trotzdem erschießen“, antwortete der General kühl. „Es muss ein Exempel statuiert werden.“

„Aber wie kann ich einen Soldaten erschießen lassen, ohne jedes Verfahren, und ohne, dass er ein Verbrechen begangen hätte?“

Dem General lag so eine Juristenmentalität fern. Das Argumentieren mit Paragraphen  erregte ihn.

„Sorgen Sie dafür, dass er sofort erschossen wird!“ schrie er. „Zwingen Sie mich nicht, meine Carabinieri auch gegen Sie einschreiten zu lassen.“

Im Gefolge des Generals befanden sich die zwei diensthabenden Carabinieri des Divisionsstabs. Der Hauptmann begriff, dass in dieser Lage irgendein Umweg gefunden werden musste, um den Soldaten, dessen Leben bedroht war, zu retten.

„Zu Befehl, Herr General!“ antwortete Zavatarri. Es klang sehr entschlossen.

„Führen Sie den Befehl aus und erstatten Sie Meldung.“

Der Hauptmann ging wieder zur Spitze seiner Kompanie vor, die stehengeblieben war und auf Befehle wartete. Er ließ von einer Gruppe eine Gewehrsalve auf einen Baumstumpf abgeben und befahl den Sanitätern, den Leichnam eines zuvor gefallenen Spähers auf die Bahre zu legen. Nachdem dies geschehen war, erschien er, gefolgt von der Bahre, wieder vor dem General. Die übrigen Soldaten hatten keine Ahnung von dem makabren Manöver und sahen einander entsetzt an.

„Die Erschießung ist durchgeführt“, meldete er.

Der General erblickte die Tragbahre, erstarrte im Habacht und salutierte stolz. Er war gerührt.

„Lasst uns die Märtyrer des Vaterlandes grüßen! Im Krieg ist die Disziplin schmerzlich, aber unerlässlich. Lasst uns unsere Toten ehren!“

Ich habe zum Glück keine Ahnung, wie das ist, im Krieg. Wenn rundherum geschossen wird. Wenn man nicht weiß, wann man die nächste Mahlzeit bekommt. Oder ob man sie überhaupt erlebt.

Ich habe zum Glück auch keine Ahnung, wie das ist, beim Militär. Wenn man gezwungen ist, Befehlen, seien sie noch so stupide, bedingungslos zu folgen. Wenn man nichts hinterfragen darf. Sondern den Vorgesetzten hilflos ausgeliefert ist.

Aber ich versuche, im Wissen darum, dass das nie ganz möglich sein wird, so gut es eben geht, zu begreifen, wie und was Krieg eigentlich ist.

Emilio Lussus im Jahr 1936 verfasster Augenzeugenbericht über das Jahr zwischen Juni 1916 und dem Sommer 1917, das er selbst als Oberleutnant, später Hauptmann, einer sardinischen Brigade auf der Hochebene von Asiago an einer der Hauptkampflinien im Gebirgskrieg zwischen Italien und Österreich-Ungarn verbracht hat, hat mir dabei geholfen, soviel geholfen, wie dies ein einzelnes Buch überhaupt kann.

Nicht nur, weil er, aus der Perspektive des distanziert-ironischen Beobachters das, was er unmittelbar erlebte, beschreibt. Nicht im pathetisch-blumigen Stil der berühmten italienischen Kriegsliteratur Carlo Emilio Gaddas oder Piero Jahiers. Sondern in einer kargen, sparsamen Sprache, die der Absurdität, Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Geschehens gerecht wird.

Auch nicht, weil er, wie so viele andere Autoren, zeigt, wie eine bornierte und unvorbereitete Armeeführung ohne jede moralische Hemmung täglich tausende Soldaten in sinnlose Offensivaktionen zwingt, deren einzige Rechtfertigung ist, dass die Armeeführung fürchtet, ein Abbruch dieser Aktionen könnte als Einverständnis strategischer und taktischer Fehler verstanden werden. (Ob die Angst, das Gesicht zu verlieren, in den Jahrtausenden menschlicher Geschichte nicht das häufigste Motiv für Morde und Massenmorde gewesen ist?)

Oder weil er, darstellt, wie sich Soldaten widerspruchslos und in voller Kenntnis der vollkommenen Sinnlosigkeit des Ganzen in den sicheren Tod treiben lassen. Weil sie, wie es ihnen anerzogen wurde, akzeptieren, dass ihr sinnloser Tod für etwas Größeres, Mythisches, Abstraktes wie “die Nation” oder “die Aufrechterhaltung der Moral” notwendig ist.

Sondern, weil er in Vignetten die wahnsinnige, grausame, stupide, stumpfe, erschütternde tägliche Realität des Krieges und ihre Auswirkungen auf den einzelnen Menschen vermittelt. Und in kleinen anekdotischen Stücken das bekannte, aber oft so abstrakt-allgemein bleibende, Grauen des modernen Krieges konkretisiert, dabei aber die Stücke zu einem Mosaik, das ein Gesamtbild ergibt, zusammensetzt.

Wenn er erzählt, welche Rolle wichtige Rolle Schnaps spielt, der an die Soldaten in großen Mengen verteilt wird, um sie gefügig zu machen. Der das Antriebsmittel ist, das sie in den sinnlosen Tod treibt. Der vor dem Angriff in solchen Mengen konsumiert wird, dass bei Nachtattacken der anstürmende Feind an der Schnapsfahne wahrzunehmen ist, bevor man ihn hören oder sehen kann.

Wenn er beschreibt, wie mit bloßen Händen Schützengräben ausgehoben werden müssen, die zwar keinen Schutz bieten, sondern zu stinkenden, feuchten Latrinen werden, in denen die Soldaten sich die Cholera holen, an der sie so schnell und zahlreich sterben wie an den Offensiven, die aber eben, genauso wie die Offensiven, von der “Kriegskunst” vorgeschrieben sind.

Und wenn er darlegt, wie sich “der schrecklichste aller Momente im Krieg” anfühlt. Der Moment, der dem Angriff vorausgeht. In dem der Hauptmann das Kommando zum Angriff erteilt. In dem man weiß, dass man von den Maschinengewehren des Gegners erwartet wird. In dem es keinen Ausweg mehr gibt und keine Hoffnung. Der Moment, in dem sich, wie Lussu berichtet, ein Soldat das Gewehr unter das Kinn steckt und abdrückt, um dem Angriff zu entkommen, der ihm als ein schlimmeres Schicksal als der Tod erscheint. In dem ihn ein anderer dabei beobachtet, wie er tot zu Boden sinkt. Und dann das Gleiche tut. Und sich die anderen Soldaten ansehen und sich nicht sicher sind: war das, was die beiden Soldaten gerade getan haben, feig? Oder mutig? Oder verrückt?

Emilio Lussus Werk ist kein Geschichtsbuch. Es ersetzt nicht das Studium der – wenigen – guten historischen Werke über Ursachen, Verlauf und Folgen des Ersten Weltkrieges. Es ist ein Geschichtenbuch, das im deutschen und englischen Sprachraum leider fast unbekannt ist. Das sollte sich so schnell wie möglich ändern.

Come on you Spurs

Mein Vater lebte Ende der 60-er Jahre einige Zeit in London. Seine damalige Wohnung lag im Stadtteil Haringey, genauer: in der Seven Sisters Road.

Der örtliche Fußballclub war der Tottenham Hotspur F.C., dessen Stadion nur einige hundert Meter entfernt lag. Und, mein Vater, der eigentlich seit der Weltmeisterschaft 1966, bei der Bobby Moore, Martin Peters und Geoff Hurst entscheidend am englischen Titelgewinn beteiligt waren, Anhänger von West Ham United war, begann, Spiele in diesem Stadion zu besuchen.

Bei einem dieser Stadionbesuche lernte er einen etwa gleichaltrigen Fan kennen, mit dem er sich anfreundete. Dieser Mann, Nick, wurde bald zu seinem besten Freund.

Als meine Schwester in den Siebzigerjahren geboren wurde, wurde Nick ihr Taufpate (was damals in der österreichischen Provinz eine Provinzposse auslöste, weil der Mann jüdischen Glaubens war, aber das ist eine andere Geschichte). Der Kontakt riss nie ab. Er war, auch nachdem ich geboren wurde,  in unserem Familienleben selten, aber regelmäßig präsent. Im Sommer besuchte er uns, wir fuhren gelegentlich zu ihm und seiner Familie nach London.

So auch zu Weihnachten 1994. Ich war 5 Jahre alt, ein Papamädchen. Mit Fußball hatte ich damals, außer, dass ich schon im Garten mit anderen Kindern einen Ball herumgekickt hatte, nichts am Hut.

Aber als sich am zweiten Weihnachtsfeiertag (oder am Tag danach) mein Vater und Nick aufmachten, das  Feiertagsspiel der Spurs – so nannten sie den Verein, den Nick unterstützte – zu besuchen, und ich vor die Alternative gestellt wurde, entweder mitzugehen oder einen ausgedehnten Spaziergang mit meiner Mutter zu machen, entschloss ich mich, sie zu begleiteten.

Wir fuhren mit der U-Bahn zur Station „Seven Sisters“. Von dort trotteten wir dann, in einer langen Reihe von Fans, die alle Schals, Kappen, Leiberl mit einem Wappen, auf dem ein Gockel auf einem Ball zu stehen schien, trugen, in Richtung Stadion. Mein Vater zeigte auf Häuser, an denen wir vorbeigingen und erzählte Geschichten. Darüber, wo er gewohnt, eingekauft, wie er seine Freizeit verbracht hatte. Mir war das alles kurzweilig, auch, weil die Fußballfans rund um uns in ihrer Verkleidung lustig aussahen und inbrünstig komische, unverständliche Sachen grölten.

Nach einiger Zeit hatten wir das Stadion erreicht. Das Gebäude selbst sah mächtig, fast furchterregend, aber gar nicht wie ich mir ein Stadion vorstellte, aus. Die Eingänge waren erstaunlicherweise kaum größer als gewöhnliche Wohnungseingänge.

Wir stellten uns an das Ende einer Menschenschlange, die sich langsam nach vor bewegte. Irgendwann erreichten wir ein Drehkreuz, vor dem ein uniformierter Mann stand. Er betrachtete unsere Karten und forderte uns dann mit einem Winken auf, durch das Drehkreuz in das Gebäude zu gehen. Ich folgte meinem Vater. Wir befanden uns in einem engen Stiegenhaus, wie es in ein Mehrfamilienhaus gepasst hätte. Angeschoben von den nachdrängenden Leuten stiegen wir einige Stockwerke hoch, gingen durch einen Eingang. Und dann standen wir plötzlich auf der Zuschauertribüne eines Stadions.

Nick, der sich im Stadion offensichtlich gut auskannte, führte uns zu den Plätzen. Wir nahmen Platz und sahen auf dem Rasen einige Spieler, die, wie mir schien, planlos den Ball herumkickten. Ich fragte, ob das Spiel schon begonnen hatte. Mein Vater erklärte mir, dass Spieler sich vor Spielbeginn aufwärmen müssten, und dass die Spieler, die ich da unten sah, zur Auswärtsmannschaft Crystal Palace, dem Gegner der Spurs, gehörten. Diese Mannschaft sei nach einem riesigen Glaspalast benannt, der vor langer Zeit für eine große Ausstellung errichtet worden, später aber abgebrannt sei. Ich wurde neugierig und befragte ihn zu Palast und Brand. Mich interessierte vor allem, wie Glas abbrennen konnte, das sich doch, wie ich meinte, gar nicht anzünden ließ. Unser Gespräch wurde unterbrochen, als Jubel aufbrauste, weil die Heimmannschaft das Spielfeld betrat. Vater und Nick begannen, sich über die Spieler zu unterhalten, wobei sich ihre Diskussion in erster Linie um einen blonden Spieler zu drehen schien, auf den beide deuteten. Mein Vater bezeichnete ihn mit abwertender Gestik als “Flipper”, während Nick ihn verteidigte und seine Schnelligkeit lobte. Mich interessierte aber mehr ein riesiger dunkelhäutiger Spieler, der wie der Chef auf dem Platz wirkte.

Als das Spiel begann, verfolgte ich nicht den Lauf des Balles, sondern beobachtete diesen Spieler, der in der Nähe des einen Tores herumsprintete, gestikulierte, dirigierte. Dann auch die zuerst singenden, immer öfter aber nur noch stöhnenden Fans. Und den goldenen Gockel auf dem goldenen Ball, der am Stadiondach angebracht war. Aber immer wieder diesen einen Spieler, der Bälle, die in seine Nähe  gelangten, einfach wegdrosch oder wegköpfte.

Mein Vater und Nick beklagten mit zunehmender Spieldauer die mangelnde Qualität des Spiels. Bald schimpften beide einvernehmlich über den blonden Mann, den sie vor Spielbeginn noch so gegensätzlich bewertet hatten.

Ich erhielt Schokoriegel und Limonade, mich störte das Verhalten des Blonden überhaupt nicht.

Die Zeit verging mir schnell. Erstaunlich erschien, dass immer wieder Leute um mich herum pfiffen und sich fürchterlich aufregten, ohne dass mir ein plausibler Grund für ihr Verhalten ersichtlich war. Mich faszinierte, wie der große Spieler, den ich bewunderte, manchmal sogar andere Spieler mit solcher Wucht rammte, dass sie erst nach drei, vier Überschlägen am Boden liegen blieben.

Als das Spiel beim Spielstand von 0:0 abgepfiffen wurde, buhten die um mich herumsitzenden Fans. Mein Vater stand auf, da flog ihm ein Fanschal vor die Füße, den jemand, wohl aus Enttäuschung über den Spielausgang oder die Leistung der Mannschaft, weggeworfen hatte. Nick und Vater drehten sich um, suchten den Werfer, aber vergeblich.  Mir gefiel der auf dem Schal aufgestickte Gockel. Als ich sah, dass Nick den Schal auf seinem Sitz zurücklassen wollte, fragte ich meinen Vater, ob ich ihn mitnehmen dürfe. Er nickte, und so trabte ich, den neuen Schal umgelegt, an seiner Hand aus dem Stadion.

Auf dem Heimweg erklärte mir Nick, dass der Spieler, der mich so beeindruckt hatte, Sol Campbell sei, der beste junge Verteidiger, den die Spurs seit langem gehabt hätten.

Ich war beeindruckt. Vom Spieler. Vom Schal. Vom Verein.

Meine Bewunderung für Sol Campbell endete 2001, als er zum Lokalrivalen Arsenal wechselte. Den Schal habe ich im Dezember 2001 bei einem Ligacup-Spiel gegen Bolton (6:0) verloren. Der Verein ist mir geblieben.

PS: Die Saison 2013/14 startet für die Spurs am 18.08.2013 um 13.30 Uhr, in Selhurst Park, gegen Crystal Palace.

Meisterwerke aus der Werkstatt des Alphaqualitätsjournalismus, II

“1913 starb August Bebel, Friedrich Ebert übernahm den Vorsitz der SPD, und Willy Brandt wurde geboren. Das ist die große Geschichte der SPD …” 

Jakob Augstein, SPIEGEL Online, 05.08.2013

Meisterwerke aus der Werkstatt des Alphaqualitätsjournalismus, I

“Die “Reichen” in Österreich sind sehr oft hauptsächlich deswegen reich, weil sie ein Eigenheim besitzen.”

Hans Rauscher, Standard, 06.08.2013

Was ist intellektuelle Konsistenz?

Ich bin im „Rockin´-in-the free-world“-Jahr 1989 geboren. Ich kann also nicht bestreiten, dass ich  – was mir in Diskussionen gerne vorgeworfen wird – “jung und naiv” bin. Und wenn ich, wie mir auch schon gesagt wurde, Dinge zu sehr “aus weiblicher Perspektive” (was immer das bedeuten soll) sehe und als “weltanschaulich nicht ausreichend gefestigt” erscheine, dann habe ich damit zu leben.

Jetzt wurde ich in aber einem Gespräch auch als “intellektuell inkonsistent” bezeichnet. Zunächst dachte ich mir, wer ist schon immer konsistent, also wird das wohl stimmen. Bis mich stutzig machte, dass mein Gesprächspartner nicht meine vielleicht tatsächlich inkohärenten  Argumente mit mächtigen logischen Hammerschlägen zerschmetterte. Sondern mir entgegenhielt, er könne mich als Diskussionspartnerin nicht ernst nehmen. Das sei natürlich keineswegs frauenfeindlich zu verstehen, ganz im Gegenteil, “sein eigener untadeliger (sic!) Feminismus” stehe wohl “außer Streit”.

Er stütze diese „Bewertung“  – streng objektiv –  ausschließlich auf meine Interessen. Wer, wie ich, seine Zeit damit verbringe, Fußballspiele zu besuchen, „durch die Gegend zu laufen“ (gemeint war wohl, sportliche Aktivitäten zu setzen), Kleidergeschäfte zu frequentieren, sein Aussehen zu verändern (????), Modeblogs zu durchstöbern, Comics zu lesen, Fernsehserien (vorwurfsvoll die Stimme senkend: “amerikanische Scheiße”) anzuschauen und in “Erbauungsliteratur” (wie er diesen Begriff definierte, konnte ich nicht mehr klären) zu schmökern, sei für ihn “im Diskurs nicht satisfaktionsfähig.” Ernsthaft auseinandersetzen könne man sich nur mit ernsthaften Leuten. Ernsthafte Leute hätten aber ernsthafte Interessen und beschäftigten sich nicht mit solchem “oberflächlichem Quatsch“.

Ich würde gerne sagen, ich hätte auf diesen Vorhalt mit einem geistreichen Bonmot reagiert. Allein, es fiel mir nichts Besseres ein, als aufzustehen, dem Herrn zuzurufen, er solle sich doch ernsthafte Gesprächspartner suchen, wo er wolle. Und danach den Raum zu verlassen.

Wie so oft, wenn ich durch ein Ereignis auf irgendetwas, das ich vorher nicht wahrgenommen habe, hingewiesen wurde, achtete ich in der Folge stärker darauf, ob irgendwo Ähnliches vorkommt. Und mir fiel auf, dass unter Leuten, die sich selbst als Intellektuelle sehen, die Sichtweise meines Gesprächspartners weit verbreitet zu sein schien.

Sogenannte “Opinion Leader”, die ihr Wissen grundsätzlich gerne in bildungsbürgerlicher Manier im Bauchladen vor sich hertrugen und nicht davor zurückschreckten, auf die Unkenntnis Anderer mit verachtender Herablassung zu reagieren, statuierten auf sozialen Netzwerken oder in Interviews stolz ihr Desinteresse für Sport (zu einfach, zu anstrengend), Naturwissenschaften (zu kompliziert), Philosophie (zu sperrig), Ökonomie (zu undurchschaubar), Film und Fernsehen (zu trivial), Computerspiele (zu infantil), Wein (zu affig), Mode (zu oberflächlich), Landwirtschaft (zu bäurisch), Technik jeder Art (zu mechanisch), Religion (zu idiotisch), und moderne Musik (zu laut und überhaupt unhörbar).

Bei näherer Betrachtung war festzustellen, dass die Interessen dieser Herrschaften – es mag Zufall sein, dass sich darunter keine Frauen befanden – im Regelfall genau das eigene Fachgebiet und hin und wieder noch ein diesem nahestehendes Gebiet umfassten. Der Innenpolitikjournalist interessierte sich zusätzlich ein bisschen für die Geschichte des eigenen Landes, der Politologe noch ein wenig für Nationalökonomie, der Literaturkritiker in Maßen für klassische Musik.

Allen gemein war aber, dass sie – wohl unwillkürlich – Auguste Comtes “Enzyklopädisches Gesetz” auf die eigenen Interessen umzulegen schienen und analog zu Comte zur Erkenntnis gelangten: Es gibt eine Rangfolge der Interessen. Und die eigenen Interessen sind, wenn nicht die einzig akzeptablen, jedenfalls die ranghöchsten.

Dieses Denkmuster ist befremdlich.

Meinem Verständnis nach ist Wissen nie nutzlos. Egal, was es ist, das man weiß. Und Ignoranz nie etwas, auf das man stolz sein kann. Egal, was es ist, das man nicht weiß.

Die apriorische Selbstbeschränkung auf wenige – auch noch so weit gefasste – Interessengebiete beschränkt darüberhinaus auch zwangsläufig die sozialen Kontakte zu all jenen, die nicht ein fast deckungsgleiches Interessengebiet haben. Man kommuniziert ja nicht gerne mit Menschen, für deren Äußerungen man sich von vornherein nicht interessiert.

Was langfristig wiederum dazu führt, dass die Meinungen des beschränkten Personenkreises, der noch wahrgenommen wird, als repräsentativ für die „Allgemeinheit“ missverstanden werden. Und letztlich auch die Kompetenz im eigenen “Fachgebiet” beschnitten wird, weil ja jedes “Fachgebiet” Interaktionen mit der Außenwelt verlangt und unbekannte Interaktionen leicht falsch einschätzt werden.

Unabhängig von solchen utilitaristischen Kriterien ist es aber meiner naiven, weltanschaulich nicht gefestigten, weiblich-perspektivischen Ansicht nach leichter, froh zu werden, wenn man sich für möglichst viele verschiedene Dinge interessiert und möglichst viele verschieden interessierte Menschen kennenlernt.

Meine – geringe – Erfahrung sagt: auch Interessen können anstecken. Dafür muss man sich aber der Ansteckungsgefahr aussetzen.

Wenn intellektuelle Konsistenz also ist, als was sie mein Gesprächspartner definiert hat, nämlich eine auf das eigene „Fachgebiet“ und seine Ränder beschränkte Myopie, dann bin ich gerne intellektuell inkonsistent.