Was ist intellektuelle Konsistenz?

by lisimoosmann

Ich bin im „Rockin´-in-the free-world“-Jahr 1989 geboren. Ich kann also nicht bestreiten, dass ich  – was mir in Diskussionen gerne vorgeworfen wird – “jung und naiv” bin. Und wenn ich, wie mir auch schon gesagt wurde, Dinge zu sehr “aus weiblicher Perspektive” (was immer das bedeuten soll) sehe und als “weltanschaulich nicht ausreichend gefestigt” erscheine, dann habe ich damit zu leben.

Jetzt wurde ich in aber einem Gespräch auch als “intellektuell inkonsistent” bezeichnet. Zunächst dachte ich mir, wer ist schon immer konsistent, also wird das wohl stimmen. Bis mich stutzig machte, dass mein Gesprächspartner nicht meine vielleicht tatsächlich inkohärenten  Argumente mit mächtigen logischen Hammerschlägen zerschmetterte. Sondern mir entgegenhielt, er könne mich als Diskussionspartnerin nicht ernst nehmen. Das sei natürlich keineswegs frauenfeindlich zu verstehen, ganz im Gegenteil, “sein eigener untadeliger (sic!) Feminismus” stehe wohl “außer Streit”.

Er stütze diese „Bewertung“  – streng objektiv –  ausschließlich auf meine Interessen. Wer, wie ich, seine Zeit damit verbringe, Fußballspiele zu besuchen, „durch die Gegend zu laufen“ (gemeint war wohl, sportliche Aktivitäten zu setzen), Kleidergeschäfte zu frequentieren, sein Aussehen zu verändern (????), Modeblogs zu durchstöbern, Comics zu lesen, Fernsehserien (vorwurfsvoll die Stimme senkend: “amerikanische Scheiße”) anzuschauen und in “Erbauungsliteratur” (wie er diesen Begriff definierte, konnte ich nicht mehr klären) zu schmökern, sei für ihn “im Diskurs nicht satisfaktionsfähig.” Ernsthaft auseinandersetzen könne man sich nur mit ernsthaften Leuten. Ernsthafte Leute hätten aber ernsthafte Interessen und beschäftigten sich nicht mit solchem “oberflächlichem Quatsch“.

Ich würde gerne sagen, ich hätte auf diesen Vorhalt mit einem geistreichen Bonmot reagiert. Allein, es fiel mir nichts Besseres ein, als aufzustehen, dem Herrn zuzurufen, er solle sich doch ernsthafte Gesprächspartner suchen, wo er wolle. Und danach den Raum zu verlassen.

Wie so oft, wenn ich durch ein Ereignis auf irgendetwas, das ich vorher nicht wahrgenommen habe, hingewiesen wurde, achtete ich in der Folge stärker darauf, ob irgendwo Ähnliches vorkommt. Und mir fiel auf, dass unter Leuten, die sich selbst als Intellektuelle sehen, die Sichtweise meines Gesprächspartners weit verbreitet zu sein schien.

Sogenannte “Opinion Leader”, die ihr Wissen grundsätzlich gerne in bildungsbürgerlicher Manier im Bauchladen vor sich hertrugen und nicht davor zurückschreckten, auf die Unkenntnis Anderer mit verachtender Herablassung zu reagieren, statuierten auf sozialen Netzwerken oder in Interviews stolz ihr Desinteresse für Sport (zu einfach, zu anstrengend), Naturwissenschaften (zu kompliziert), Philosophie (zu sperrig), Ökonomie (zu undurchschaubar), Film und Fernsehen (zu trivial), Computerspiele (zu infantil), Wein (zu affig), Mode (zu oberflächlich), Landwirtschaft (zu bäurisch), Technik jeder Art (zu mechanisch), Religion (zu idiotisch), und moderne Musik (zu laut und überhaupt unhörbar).

Bei näherer Betrachtung war festzustellen, dass die Interessen dieser Herrschaften – es mag Zufall sein, dass sich darunter keine Frauen befanden – im Regelfall genau das eigene Fachgebiet und hin und wieder noch ein diesem nahestehendes Gebiet umfassten. Der Innenpolitikjournalist interessierte sich zusätzlich ein bisschen für die Geschichte des eigenen Landes, der Politologe noch ein wenig für Nationalökonomie, der Literaturkritiker in Maßen für klassische Musik.

Allen gemein war aber, dass sie – wohl unwillkürlich – Auguste Comtes “Enzyklopädisches Gesetz” auf die eigenen Interessen umzulegen schienen und analog zu Comte zur Erkenntnis gelangten: Es gibt eine Rangfolge der Interessen. Und die eigenen Interessen sind, wenn nicht die einzig akzeptablen, jedenfalls die ranghöchsten.

Dieses Denkmuster ist befremdlich.

Meinem Verständnis nach ist Wissen nie nutzlos. Egal, was es ist, das man weiß. Und Ignoranz nie etwas, auf das man stolz sein kann. Egal, was es ist, das man nicht weiß.

Die apriorische Selbstbeschränkung auf wenige – auch noch so weit gefasste – Interessengebiete beschränkt darüberhinaus auch zwangsläufig die sozialen Kontakte zu all jenen, die nicht ein fast deckungsgleiches Interessengebiet haben. Man kommuniziert ja nicht gerne mit Menschen, für deren Äußerungen man sich von vornherein nicht interessiert.

Was langfristig wiederum dazu führt, dass die Meinungen des beschränkten Personenkreises, der noch wahrgenommen wird, als repräsentativ für die „Allgemeinheit“ missverstanden werden. Und letztlich auch die Kompetenz im eigenen “Fachgebiet” beschnitten wird, weil ja jedes “Fachgebiet” Interaktionen mit der Außenwelt verlangt und unbekannte Interaktionen leicht falsch einschätzt werden.

Unabhängig von solchen utilitaristischen Kriterien ist es aber meiner naiven, weltanschaulich nicht gefestigten, weiblich-perspektivischen Ansicht nach leichter, froh zu werden, wenn man sich für möglichst viele verschiedene Dinge interessiert und möglichst viele verschieden interessierte Menschen kennenlernt.

Meine – geringe – Erfahrung sagt: auch Interessen können anstecken. Dafür muss man sich aber der Ansteckungsgefahr aussetzen.

Wenn intellektuelle Konsistenz also ist, als was sie mein Gesprächspartner definiert hat, nämlich eine auf das eigene „Fachgebiet“ und seine Ränder beschränkte Myopie, dann bin ich gerne intellektuell inkonsistent.

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