Come on you Spurs

by lisimoosmann

Mein Vater lebte Ende der 60-er Jahre einige Zeit in London. Seine damalige Wohnung lag im Stadtteil Haringey, genauer: in der Seven Sisters Road.

Der örtliche Fußballclub war der Tottenham Hotspur F.C., dessen Stadion nur einige hundert Meter entfernt lag. Und, mein Vater, der eigentlich seit der Weltmeisterschaft 1966, bei der Bobby Moore, Martin Peters und Geoff Hurst entscheidend am englischen Titelgewinn beteiligt waren, Anhänger von West Ham United war, begann, Spiele in diesem Stadion zu besuchen.

Bei einem dieser Stadionbesuche lernte er einen etwa gleichaltrigen Fan kennen, mit dem er sich anfreundete. Dieser Mann, Nick, wurde bald zu seinem besten Freund.

Als meine Schwester in den Siebzigerjahren geboren wurde, wurde Nick ihr Taufpate (was damals in der österreichischen Provinz eine Provinzposse auslöste, weil der Mann jüdischen Glaubens war, aber das ist eine andere Geschichte). Der Kontakt riss nie ab. Er war, auch nachdem ich geboren wurde,  in unserem Familienleben selten, aber regelmäßig präsent. Im Sommer besuchte er uns, wir fuhren gelegentlich zu ihm und seiner Familie nach London.

So auch zu Weihnachten 1994. Ich war 5 Jahre alt, ein Papamädchen. Mit Fußball hatte ich damals, außer, dass ich schon im Garten mit anderen Kindern einen Ball herumgekickt hatte, nichts am Hut.

Aber als sich am zweiten Weihnachtsfeiertag (oder am Tag danach) mein Vater und Nick aufmachten, das  Feiertagsspiel der Spurs – so nannten sie den Verein, den Nick unterstützte – zu besuchen, und ich vor die Alternative gestellt wurde, entweder mitzugehen oder einen ausgedehnten Spaziergang mit meiner Mutter zu machen, entschloss ich mich, sie zu begleiteten.

Wir fuhren mit der U-Bahn zur Station „Seven Sisters“. Von dort trotteten wir dann, in einer langen Reihe von Fans, die alle Schals, Kappen, Leiberl mit einem Wappen, auf dem ein Gockel auf einem Ball zu stehen schien, trugen, in Richtung Stadion. Mein Vater zeigte auf Häuser, an denen wir vorbeigingen und erzählte Geschichten. Darüber, wo er gewohnt, eingekauft, wie er seine Freizeit verbracht hatte. Mir war das alles kurzweilig, auch, weil die Fußballfans rund um uns in ihrer Verkleidung lustig aussahen und inbrünstig komische, unverständliche Sachen grölten.

Nach einiger Zeit hatten wir das Stadion erreicht. Das Gebäude selbst sah mächtig, fast furchterregend, aber gar nicht wie ich mir ein Stadion vorstellte, aus. Die Eingänge waren erstaunlicherweise kaum größer als gewöhnliche Wohnungseingänge.

Wir stellten uns an das Ende einer Menschenschlange, die sich langsam nach vor bewegte. Irgendwann erreichten wir ein Drehkreuz, vor dem ein uniformierter Mann stand. Er betrachtete unsere Karten und forderte uns dann mit einem Winken auf, durch das Drehkreuz in das Gebäude zu gehen. Ich folgte meinem Vater. Wir befanden uns in einem engen Stiegenhaus, wie es in ein Mehrfamilienhaus gepasst hätte. Angeschoben von den nachdrängenden Leuten stiegen wir einige Stockwerke hoch, gingen durch einen Eingang. Und dann standen wir plötzlich auf der Zuschauertribüne eines Stadions.

Nick, der sich im Stadion offensichtlich gut auskannte, führte uns zu den Plätzen. Wir nahmen Platz und sahen auf dem Rasen einige Spieler, die, wie mir schien, planlos den Ball herumkickten. Ich fragte, ob das Spiel schon begonnen hatte. Mein Vater erklärte mir, dass Spieler sich vor Spielbeginn aufwärmen müssten, und dass die Spieler, die ich da unten sah, zur Auswärtsmannschaft Crystal Palace, dem Gegner der Spurs, gehörten. Diese Mannschaft sei nach einem riesigen Glaspalast benannt, der vor langer Zeit für eine große Ausstellung errichtet worden, später aber abgebrannt sei. Ich wurde neugierig und befragte ihn zu Palast und Brand. Mich interessierte vor allem, wie Glas abbrennen konnte, das sich doch, wie ich meinte, gar nicht anzünden ließ. Unser Gespräch wurde unterbrochen, als Jubel aufbrauste, weil die Heimmannschaft das Spielfeld betrat. Vater und Nick begannen, sich über die Spieler zu unterhalten, wobei sich ihre Diskussion in erster Linie um einen blonden Spieler zu drehen schien, auf den beide deuteten. Mein Vater bezeichnete ihn mit abwertender Gestik als “Flipper”, während Nick ihn verteidigte und seine Schnelligkeit lobte. Mich interessierte aber mehr ein riesiger dunkelhäutiger Spieler, der wie der Chef auf dem Platz wirkte.

Als das Spiel begann, verfolgte ich nicht den Lauf des Balles, sondern beobachtete diesen Spieler, der in der Nähe des einen Tores herumsprintete, gestikulierte, dirigierte. Dann auch die zuerst singenden, immer öfter aber nur noch stöhnenden Fans. Und den goldenen Gockel auf dem goldenen Ball, der am Stadiondach angebracht war. Aber immer wieder diesen einen Spieler, der Bälle, die in seine Nähe  gelangten, einfach wegdrosch oder wegköpfte.

Mein Vater und Nick beklagten mit zunehmender Spieldauer die mangelnde Qualität des Spiels. Bald schimpften beide einvernehmlich über den blonden Mann, den sie vor Spielbeginn noch so gegensätzlich bewertet hatten.

Ich erhielt Schokoriegel und Limonade, mich störte das Verhalten des Blonden überhaupt nicht.

Die Zeit verging mir schnell. Erstaunlich erschien, dass immer wieder Leute um mich herum pfiffen und sich fürchterlich aufregten, ohne dass mir ein plausibler Grund für ihr Verhalten ersichtlich war. Mich faszinierte, wie der große Spieler, den ich bewunderte, manchmal sogar andere Spieler mit solcher Wucht rammte, dass sie erst nach drei, vier Überschlägen am Boden liegen blieben.

Als das Spiel beim Spielstand von 0:0 abgepfiffen wurde, buhten die um mich herumsitzenden Fans. Mein Vater stand auf, da flog ihm ein Fanschal vor die Füße, den jemand, wohl aus Enttäuschung über den Spielausgang oder die Leistung der Mannschaft, weggeworfen hatte. Nick und Vater drehten sich um, suchten den Werfer, aber vergeblich.  Mir gefiel der auf dem Schal aufgestickte Gockel. Als ich sah, dass Nick den Schal auf seinem Sitz zurücklassen wollte, fragte ich meinen Vater, ob ich ihn mitnehmen dürfe. Er nickte, und so trabte ich, den neuen Schal umgelegt, an seiner Hand aus dem Stadion.

Auf dem Heimweg erklärte mir Nick, dass der Spieler, der mich so beeindruckt hatte, Sol Campbell sei, der beste junge Verteidiger, den die Spurs seit langem gehabt hätten.

Ich war beeindruckt. Vom Spieler. Vom Schal. Vom Verein.

Meine Bewunderung für Sol Campbell endete 2001, als er zum Lokalrivalen Arsenal wechselte. Den Schal habe ich im Dezember 2001 bei einem Ligacup-Spiel gegen Bolton (6:0) verloren. Der Verein ist mir geblieben.

PS: Die Saison 2013/14 startet für die Spurs am 18.08.2013 um 13.30 Uhr, in Selhurst Park, gegen Crystal Palace.

Advertisements