Oh, the humanity! Emilio Lussus “Ein Jahr auf der Hochebene”.

by lisimoosmann

„Lassen Sie ihn trotzdem erschießen“, antwortete der General kühl. „Es muss ein Exempel statuiert werden.“

„Aber wie kann ich einen Soldaten erschießen lassen, ohne jedes Verfahren, und ohne, dass er ein Verbrechen begangen hätte?“

Dem General lag so eine Juristenmentalität fern. Das Argumentieren mit Paragraphen  erregte ihn.

„Sorgen Sie dafür, dass er sofort erschossen wird!“ schrie er. „Zwingen Sie mich nicht, meine Carabinieri auch gegen Sie einschreiten zu lassen.“

Im Gefolge des Generals befanden sich die zwei diensthabenden Carabinieri des Divisionsstabs. Der Hauptmann begriff, dass in dieser Lage irgendein Umweg gefunden werden musste, um den Soldaten, dessen Leben bedroht war, zu retten.

„Zu Befehl, Herr General!“ antwortete Zavatarri. Es klang sehr entschlossen.

„Führen Sie den Befehl aus und erstatten Sie Meldung.“

Der Hauptmann ging wieder zur Spitze seiner Kompanie vor, die stehengeblieben war und auf Befehle wartete. Er ließ von einer Gruppe eine Gewehrsalve auf einen Baumstumpf abgeben und befahl den Sanitätern, den Leichnam eines zuvor gefallenen Spähers auf die Bahre zu legen. Nachdem dies geschehen war, erschien er, gefolgt von der Bahre, wieder vor dem General. Die übrigen Soldaten hatten keine Ahnung von dem makabren Manöver und sahen einander entsetzt an.

„Die Erschießung ist durchgeführt“, meldete er.

Der General erblickte die Tragbahre, erstarrte im Habacht und salutierte stolz. Er war gerührt.

„Lasst uns die Märtyrer des Vaterlandes grüßen! Im Krieg ist die Disziplin schmerzlich, aber unerlässlich. Lasst uns unsere Toten ehren!“

Ich habe zum Glück keine Ahnung, wie das ist, im Krieg. Wenn rundherum geschossen wird. Wenn man nicht weiß, wann man die nächste Mahlzeit bekommt. Oder ob man sie überhaupt erlebt.

Ich habe zum Glück auch keine Ahnung, wie das ist, beim Militär. Wenn man gezwungen ist, Befehlen, seien sie noch so stupide, bedingungslos zu folgen. Wenn man nichts hinterfragen darf. Sondern den Vorgesetzten hilflos ausgeliefert ist.

Aber ich versuche, im Wissen darum, dass das nie ganz möglich sein wird, so gut es eben geht, zu begreifen, wie und was Krieg eigentlich ist.

Emilio Lussus im Jahr 1936 verfasster Augenzeugenbericht über das Jahr zwischen Juni 1916 und dem Sommer 1917, das er selbst als Oberleutnant, später Hauptmann, einer sardinischen Brigade auf der Hochebene von Asiago an einer der Hauptkampflinien im Gebirgskrieg zwischen Italien und Österreich-Ungarn verbracht hat, hat mir dabei geholfen, soviel geholfen, wie dies ein einzelnes Buch überhaupt kann.

Nicht nur, weil er, aus der Perspektive des distanziert-ironischen Beobachters das, was er unmittelbar erlebte, beschreibt. Nicht im pathetisch-blumigen Stil der berühmten italienischen Kriegsliteratur Carlo Emilio Gaddas oder Piero Jahiers. Sondern in einer kargen, sparsamen Sprache, die der Absurdität, Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Geschehens gerecht wird.

Auch nicht, weil er, wie so viele andere Autoren, zeigt, wie eine bornierte und unvorbereitete Armeeführung ohne jede moralische Hemmung täglich tausende Soldaten in sinnlose Offensivaktionen zwingt, deren einzige Rechtfertigung ist, dass die Armeeführung fürchtet, ein Abbruch dieser Aktionen könnte als Einverständnis strategischer und taktischer Fehler verstanden werden. (Ob die Angst, das Gesicht zu verlieren, in den Jahrtausenden menschlicher Geschichte nicht das häufigste Motiv für Morde und Massenmorde gewesen ist?)

Oder weil er, darstellt, wie sich Soldaten widerspruchslos und in voller Kenntnis der vollkommenen Sinnlosigkeit des Ganzen in den sicheren Tod treiben lassen. Weil sie, wie es ihnen anerzogen wurde, akzeptieren, dass ihr sinnloser Tod für etwas Größeres, Mythisches, Abstraktes wie “die Nation” oder “die Aufrechterhaltung der Moral” notwendig ist.

Sondern, weil er in Vignetten die wahnsinnige, grausame, stupide, stumpfe, erschütternde tägliche Realität des Krieges und ihre Auswirkungen auf den einzelnen Menschen vermittelt. Und in kleinen anekdotischen Stücken das bekannte, aber oft so abstrakt-allgemein bleibende, Grauen des modernen Krieges konkretisiert, dabei aber die Stücke zu einem Mosaik, das ein Gesamtbild ergibt, zusammensetzt.

Wenn er erzählt, welche Rolle wichtige Rolle Schnaps spielt, der an die Soldaten in großen Mengen verteilt wird, um sie gefügig zu machen. Der das Antriebsmittel ist, das sie in den sinnlosen Tod treibt. Der vor dem Angriff in solchen Mengen konsumiert wird, dass bei Nachtattacken der anstürmende Feind an der Schnapsfahne wahrzunehmen ist, bevor man ihn hören oder sehen kann.

Wenn er beschreibt, wie mit bloßen Händen Schützengräben ausgehoben werden müssen, die zwar keinen Schutz bieten, sondern zu stinkenden, feuchten Latrinen werden, in denen die Soldaten sich die Cholera holen, an der sie so schnell und zahlreich sterben wie an den Offensiven, die aber eben, genauso wie die Offensiven, von der “Kriegskunst” vorgeschrieben sind.

Und wenn er darlegt, wie sich “der schrecklichste aller Momente im Krieg” anfühlt. Der Moment, der dem Angriff vorausgeht. In dem der Hauptmann das Kommando zum Angriff erteilt. In dem man weiß, dass man von den Maschinengewehren des Gegners erwartet wird. In dem es keinen Ausweg mehr gibt und keine Hoffnung. Der Moment, in dem sich, wie Lussu berichtet, ein Soldat das Gewehr unter das Kinn steckt und abdrückt, um dem Angriff zu entkommen, der ihm als ein schlimmeres Schicksal als der Tod erscheint. In dem ihn ein anderer dabei beobachtet, wie er tot zu Boden sinkt. Und dann das Gleiche tut. Und sich die anderen Soldaten ansehen und sich nicht sicher sind: war das, was die beiden Soldaten gerade getan haben, feig? Oder mutig? Oder verrückt?

Emilio Lussus Werk ist kein Geschichtsbuch. Es ersetzt nicht das Studium der – wenigen – guten historischen Werke über Ursachen, Verlauf und Folgen des Ersten Weltkrieges. Es ist ein Geschichtenbuch, das im deutschen und englischen Sprachraum leider fast unbekannt ist. Das sollte sich so schnell wie möglich ändern.

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