I guess I´ll have to do it while I´m here

Intellektuell inkonsistent

Month: September, 2013

Giuseppe Tomasi di Lampedusa, Il gattopardo

Poi tutto trovò pace in un mucchietto di polvere livida.

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The little things in life

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Frau Moosmann fährt nach Südtirol und verstört den Anführer einer Gruppe Halbwüchsiger

Ich habe die Bewerbung schon vergessen, als mich, während ich in Italien am Strand liege, meine Mutter anruft. Und mir mitteilt, dass ein Brief für mich gekommen ist. Aus London. In einem sehr nobel aussehenden Kuvert. Kann nichts wichtiges sein, denke ich, sage ihr, sie soll ihn auf meinen Schreibtisch legen, und gehe ein bisschen plantschen.

Nachdem mir einfällt, dass niemand, den ich in London kenne, nobel aussehende Kuverts benutzt, werde ich doch neugierig. Ich rufe meine Mutter zurück, erteile ihr den Auftrag, den Brief zu öffnen und mir seinen Inhalt vorzulesen.

Verblüfft höre ich ihr zu. Mein Bewerbungsschreiben für den Übersetzer-/Rechercheposten sei auf Interesse gestoßen. Und ich wolle doch bitte möglichst bald unter einer angegebenen Telefonnummer anrufen und einen Termin für ein Vorstellungsgespräch vereinbaren.

Das tue ich dann auch. Eine sehr vornehm sprechende Dame informiert mich, dass der zu unterstützende  Autor erst übernächste Woche zu erreichen sei, weil er sich urlaubsbedingt „auf dem Kontinent“ befinde. Und schlägt mir einen Termin für eine Vorsprache in London in etwa 14 Tagen vor.

Ich habe schon Pläne für die Woche, in der dieser Termin liegt. Da ich mir keine Chancen auf den Job ausrechne, und eine sinnlose Reise nach London auch aus Kostengründen vermeiden will, frage ich frech, ob es, nachdem ich mich auch „auf dem Kontinent“ befinde, nicht möglich ist, das Gespräch schon früher, etwa im Urlaubsort des Autors, zu führen. Die Dame reagiert erkennbar verschnupft auf mein Ansinnen, lässt sich aber meine Telefonnummer geben und stellt in Aussicht, sich „nach Vornahme von Abklärungen und Rücksprachen“ mit mir in Verbindung zu setzen.

Am Abend des gleichen Tages  läutet mein Telefon.  Es meldet sich ein Mann, der auf englisch – sehr laut, mit kehliger Stimme, lachend, – sagt, er ruft wegen des Weltkriegsbuchprojektes an und will mich kennenlernen, weil ihm seine Assistentin wegen –  mit gesenkter Stimme – „Unkonventionalität“ davon abgeraten hat, mich zu kontaktieren. Er ist in Brixen auf Wanderurlaub. Ob ich am kommenden Tag zum Abendessen bei ihm vorsprechen kann.

Ich bin zwar einige hundert Kilometer von Brixen entfernt, sage aber intuitiv zu. Wir vereinbaren, dass ich mich telefonisch melde, sobald ich in Brixen angekommen bin, und er mir dann den konkreten Treffpunkt bekannt gibt.

Nach dem Abendessen packe ich schnell einige Kleider, ein Buch und die Zahnbürste in einen Rucksack, setze ich mich ins Auto und fahre nach Norden.

Ich erreiche Südtirol etwa um 4 Uhr morgens, stelle das Auto an einem Nebenfluß des Eisack ab und versuche, auf der Rückbank einige Stunden zu schlafen. Gegen 7.00 Uhr werde ich von einer Pfadfindergruppe geweckt, die ihr Zeltlager offenbar in der Nähe hat und einige Meter von mir entfernt unter lautstarken Kommandos eines uniformierten Pensionisten ihre Morgenturnübungen verrichtet.

Ich versuche, mich möglichst unauffällig anzuziehen, was mir nur zum Teil gelingt, wenn ich das plötzliche Verstummen der jungen Herren, während ich mir das T-Shirt über den Kopf ziehe und einen BH anlege, richtig interpretiere.

Entschlossen, nicht in den Spiegel zu blicken, bevor ich die Morgenhygiene erledigt habe, nehme ich die Zahnbürste und marschiere, nüchtern, aber dennoch schwankenden Schrittes, zum Fluss.

Ich mache einen Schritt ins Wasser, stoße, erschrocken über die Eiseskälte, einen kurzen Schrei aus. Und sehe aus dem Augenwinkel, wie die Pfadfinderbuben mich verstört betrachten. Ich führe dieses Interesse auf meine unwillkürliche Unmutsäußerung zurück und bücke mich, um mit den Händen Wasser zu schöpfen, damit ich mir das Gesicht waschen kann.

Dabei stelle ich fest, dass ich vergessen habe, mir eine Hose anzuziehen und in der Unterhose im Wasser stehe. Was das offenkundige Interesse der Buben an mir noch plausibler erklärt.

Nonchalance schadet nie, sage ich mir, tue so, als ob ich meinen Auftritt genauso geplant hätte, und beginne, mir die Zähne zu putzen, ohne weiter auf die jungen Menschen zu achten.

Plötzlich höre ich, wie der Pfadfinderkommandant beginnt, unkontrolliert in einer nordischen Sprache, es könnte Dänisch oder Schwedisch sein, zu brüllen. Ich drehe mich um, sehe, wie er auf mich deutet und die ihm untergebenen Buben, vermute ich, lautstark darauf hinweist, was ihr trauriges Schicksal sein wird, wenn sie sich dem Anblick offenkundig moralisch verrotteter Wesen wie mir aussetzen.

Die so große Erregung eines reiferen Mannes so früh am morgen geht mir nahe, und ich denke mir, ich sollte dem Herrn, um ihn auch moralisch zu beruhigen, vielleicht doch die Harmlosigkeit meiner Situation erläutern. Ich lege deshalb die Zahnbürste zur Seite und winke den Herrn freundlich, höchstens minimal lasziv, zu mir, um ihm die Sorge um mich zu nehmen. Unerwarteterweise reagiert er auf meine Gesten jedoch mit keiner Annäherung, sondern durch Erröten im Gesicht, eine sofortige Kehrtwende und die Erteilung des Abmarschbefehles an seine Kompanie in die meinem Standort diametral entgegengesetzte Richtung.

Als der Trupp sich befehlsgemäß in Marsch setzt und von mir entfernt, begebe ich mich, ein klein wenig traurig, dass ich das offenkundige Missverständnis nicht aufklären konnte, zum Auto, ziehe mich an und fahre nach Brixen, um zu frühstücken.

On the beach

On the beach

Frau Moosmann fadisiert sich und schreibt zum Zeitvertreib eine Bewerbung

Ein öder Tag auf der Universität. Ich habe Übungsklausurenbeaufsichtigerin zu spielen. Der Notebook-Akku ist leer. Buch habe ich keines dabei. Also: Langeweile. Nach 15 Minuten schaue ich in den Mistkübel unter meinem Tisch. In ihm steckt eine englische Tageszeitung von vorgestern. Ich nehme sie heraus, blättere sie durch. Nicht einmal yesterday´s news, sondern die von vor drei Tagen.

Öde. Ich sehe, die Zeitung hat ein „Education Supplement“. Auch nichts, was mein Herz dazu bringt, höher zu schlagen. Aber gut, man muss nehmen, was man bekommt.

Beim Überfliegen einer Geschichte über das Jubiläum einer Privatschule in EssexSussexSuffolkoderso sticht mir eine Anzeige auf der gegenüberliegenden Seite ins Auge. Sie beschreibt ein Buchprojekt, das den Verlauf des Ersten Weltkriegs an der Italienfront beschreiben will. Zu Recherchezwecken werden Studenten gesucht, die historisch interessiert sind, wissenschaftliches Arbeiten gelernt haben. Und, am wichtigsten, deutsch, italienisch und slowenisch sprechen, um den Buchautor, der nur über eingeschränkte Kenntnisse dieser Sprachen verfügt, einige Monate bei Reisen durch das ehemalige Frontgebiet zu unterstützen.

Auffällig am Inserat ist, neben der angebotenen fürstlichen Bezahlung, dass Bewerber darauf hingewiesen werden, dass die Vorlage von Zeugnissen und Zertifikaten entbehrlich ist. Bewerber sollen vielmehr in einem handschriftlichen Aufsatz darlegen, was sie nach eigener Ansicht für die Aufgabe qualifiziert.  Die Bewerbung ist ausschließlich auf dem Postweg zu übermitteln.

Einige Monate durch Norditalien zu reisen, mich dabei historisch weiterzubilden und dafür noch bezahlt zu werden. Das hätte schon seinen Reiz. Ich denke mir: danke, Schulsystem meines Heimatlandes, das mir nicht ermöglicht hat, eine offizielle Amtssprache, nämlich Slowenisch, zu erlernen und  die Voraussetzungen für diesen Job zu erfüllen. Und lege die Zeitung weg.

Eine Viertelstunde später nehme ich sie wieder zur Hand, lese die Annonce nochmals durch. In ihr steht, Bewerber sollen optimalerweise alle drei Sprachen beherrschen. Nicht, wie ich dachte, dass sich nur Personen, die alle drei Sprachen beherrschen, bewerben dürfen.

Italienisch und Deutsch spreche ich. Fad ist mir auch. Also beginne ich, ein Bewerbungsschreiben zu verfassen, während die Studenten ihre Arbeiten schreiben.

Nachdem mir die Bewerbung höchstens viertelernst ist – eigentlich soll ich ja im Herbst Prüfungen absolvieren und mein Studium abschließen –, lege ich das Schreiben sehr unbefangen an. Vergeude keine Überlegung an das, was dem potentiellen Arbeitgeber nach den Empfehlungen der Bewerbungsratgeber darzulegen ist.

Sondern erläutere meine Sprachkenntnisse, gestehe meine mangelnde Qualifikation für die Stelle zu. Und erzähle zwei Geschichten. Die meines Urgroßvaters, der als Kaiserjäger im Marmolatagebiet gekämpft hat und dabei zum unverbesserlichen „Walschenfresser“ wurde, dem mein Großvater nicht zu erzählen wagte, dass er mit der Familie Ende der Fünfzigerjahre im Urlaub an die Adria fuhr. Weshalb seine ganze Familie einige Anekdoten über die Ostseeinsel Fehmarn auswendig lernen musste, um dem Urgroßvater plausibel von einem Deutschlandurlaub erzählen zu können.

Und die Geschichte, von der, als ich ein Kind war, der italienische Journalist Indro Montanelli berichtete. Nämlich, dass sein Großvater, ein großbürgerlicher Anhänger Giolittis, immer gegen eine italienische Kriegsbeteiligung gewesen sei, während alle anderen erwachsenenen Familienmitglieder als begeisterte nationalliberale Irredentisten den Kriegseintritt Italiens auf Seiten der Entente nicht nur befürworteten, sondern geradezu herbeisehnten. Am Tage der italienischen Kriegserklärung an Österreich-Ungarn, dem 24. Mai 1915, einem Montag, habe der alte Herr in dem von der ganzen Familie bewohnten toskanischen Palazzo wie jeden Tag, zum Mittagessen läuten lassen.

Die gesamte Familie, glücklich kriegsbegeistert, sei im Speisezimmer eingetroffen  und habe bemerkt, dass am riesigen Esstisch nur ein einziges Gedeck, am Platz des Großvaters, aufgetragen gewesen sei. Als die versammelten Familienmitglieder das erstaunt wahrgenommen hätten, habe der Großvater das Zimmer betreten, sich an seinen Platz gesetzt und mit ruhiger, entschlossener Stimme gesagt: „Ihr wolltet den Krieg. Jetzt habt ihr den Krieg. Also verschwindet und geht euren Krieg austragen. Ab in den Schützengraben!“  (“L’ avete voluta? E ora andate a farla. Da domani, intorno a questa tavola, non voglio vedere piu’ nessuno. Tutti in trincea.”) Er werde, so Montanellis Großvater, zukünftig alleine speisen.

Am Nachmittag des gleichen Tages habe ihn, so Montanelli, der Großvater bei der Hand genommen und sei mit ihm spazierengegangen. Nachdem sie einige Zeit schweigend durch den Garten geschlendert seien, habe der kleine Indro den Großvater gefragt: “Opa, wer wird den Krieg gewinnen?” Und der Großvater habe ihm den Kopf gestreichelt und geantwortet: “Bub, ich habe keine Ahnung, wer den Krieg gewinnen wird. Ich weiß nur, wer ihn mit Sicherheit verlieren wird: Italien.” (“Nonno, ma la guerra chi la vincera’ ?”. Mi carezzo’ la testa, e rispose: “Chi la vincera’, figliolo mio, non lo so. Ma so con sicurezza chi la perdera’ : l’ Italia”.)

Als die Übungszeit abgelaufen ist, sammle ich die Studentenarbeiten ein. Und packe auch das  Bewerbungsschreiben ein, unschlüssig, was ich damit tun soll.

Auf dem Heimweg komme ich an einer Postfiliale vorbei. Kaufe mir ein Kuvert und eine Briefmarke. Und schicke die Bewerbung ab.