Frau Moosmann fadisiert sich und schreibt zum Zeitvertreib eine Bewerbung

by lisimoosmann

Ein öder Tag auf der Universität. Ich habe Übungsklausurenbeaufsichtigerin zu spielen. Der Notebook-Akku ist leer. Buch habe ich keines dabei. Also: Langeweile. Nach 15 Minuten schaue ich in den Mistkübel unter meinem Tisch. In ihm steckt eine englische Tageszeitung von vorgestern. Ich nehme sie heraus, blättere sie durch. Nicht einmal yesterday´s news, sondern die von vor drei Tagen.

Öde. Ich sehe, die Zeitung hat ein „Education Supplement“. Auch nichts, was mein Herz dazu bringt, höher zu schlagen. Aber gut, man muss nehmen, was man bekommt.

Beim Überfliegen einer Geschichte über das Jubiläum einer Privatschule in EssexSussexSuffolkoderso sticht mir eine Anzeige auf der gegenüberliegenden Seite ins Auge. Sie beschreibt ein Buchprojekt, das den Verlauf des Ersten Weltkriegs an der Italienfront beschreiben will. Zu Recherchezwecken werden Studenten gesucht, die historisch interessiert sind, wissenschaftliches Arbeiten gelernt haben. Und, am wichtigsten, deutsch, italienisch und slowenisch sprechen, um den Buchautor, der nur über eingeschränkte Kenntnisse dieser Sprachen verfügt, einige Monate bei Reisen durch das ehemalige Frontgebiet zu unterstützen.

Auffällig am Inserat ist, neben der angebotenen fürstlichen Bezahlung, dass Bewerber darauf hingewiesen werden, dass die Vorlage von Zeugnissen und Zertifikaten entbehrlich ist. Bewerber sollen vielmehr in einem handschriftlichen Aufsatz darlegen, was sie nach eigener Ansicht für die Aufgabe qualifiziert.  Die Bewerbung ist ausschließlich auf dem Postweg zu übermitteln.

Einige Monate durch Norditalien zu reisen, mich dabei historisch weiterzubilden und dafür noch bezahlt zu werden. Das hätte schon seinen Reiz. Ich denke mir: danke, Schulsystem meines Heimatlandes, das mir nicht ermöglicht hat, eine offizielle Amtssprache, nämlich Slowenisch, zu erlernen und  die Voraussetzungen für diesen Job zu erfüllen. Und lege die Zeitung weg.

Eine Viertelstunde später nehme ich sie wieder zur Hand, lese die Annonce nochmals durch. In ihr steht, Bewerber sollen optimalerweise alle drei Sprachen beherrschen. Nicht, wie ich dachte, dass sich nur Personen, die alle drei Sprachen beherrschen, bewerben dürfen.

Italienisch und Deutsch spreche ich. Fad ist mir auch. Also beginne ich, ein Bewerbungsschreiben zu verfassen, während die Studenten ihre Arbeiten schreiben.

Nachdem mir die Bewerbung höchstens viertelernst ist – eigentlich soll ich ja im Herbst Prüfungen absolvieren und mein Studium abschließen –, lege ich das Schreiben sehr unbefangen an. Vergeude keine Überlegung an das, was dem potentiellen Arbeitgeber nach den Empfehlungen der Bewerbungsratgeber darzulegen ist.

Sondern erläutere meine Sprachkenntnisse, gestehe meine mangelnde Qualifikation für die Stelle zu. Und erzähle zwei Geschichten. Die meines Urgroßvaters, der als Kaiserjäger im Marmolatagebiet gekämpft hat und dabei zum unverbesserlichen „Walschenfresser“ wurde, dem mein Großvater nicht zu erzählen wagte, dass er mit der Familie Ende der Fünfzigerjahre im Urlaub an die Adria fuhr. Weshalb seine ganze Familie einige Anekdoten über die Ostseeinsel Fehmarn auswendig lernen musste, um dem Urgroßvater plausibel von einem Deutschlandurlaub erzählen zu können.

Und die Geschichte, von der, als ich ein Kind war, der italienische Journalist Indro Montanelli berichtete. Nämlich, dass sein Großvater, ein großbürgerlicher Anhänger Giolittis, immer gegen eine italienische Kriegsbeteiligung gewesen sei, während alle anderen erwachsenenen Familienmitglieder als begeisterte nationalliberale Irredentisten den Kriegseintritt Italiens auf Seiten der Entente nicht nur befürworteten, sondern geradezu herbeisehnten. Am Tage der italienischen Kriegserklärung an Österreich-Ungarn, dem 24. Mai 1915, einem Montag, habe der alte Herr in dem von der ganzen Familie bewohnten toskanischen Palazzo wie jeden Tag, zum Mittagessen läuten lassen.

Die gesamte Familie, glücklich kriegsbegeistert, sei im Speisezimmer eingetroffen  und habe bemerkt, dass am riesigen Esstisch nur ein einziges Gedeck, am Platz des Großvaters, aufgetragen gewesen sei. Als die versammelten Familienmitglieder das erstaunt wahrgenommen hätten, habe der Großvater das Zimmer betreten, sich an seinen Platz gesetzt und mit ruhiger, entschlossener Stimme gesagt: „Ihr wolltet den Krieg. Jetzt habt ihr den Krieg. Also verschwindet und geht euren Krieg austragen. Ab in den Schützengraben!“  (“L’ avete voluta? E ora andate a farla. Da domani, intorno a questa tavola, non voglio vedere piu’ nessuno. Tutti in trincea.”) Er werde, so Montanellis Großvater, zukünftig alleine speisen.

Am Nachmittag des gleichen Tages habe ihn, so Montanelli, der Großvater bei der Hand genommen und sei mit ihm spazierengegangen. Nachdem sie einige Zeit schweigend durch den Garten geschlendert seien, habe der kleine Indro den Großvater gefragt: “Opa, wer wird den Krieg gewinnen?” Und der Großvater habe ihm den Kopf gestreichelt und geantwortet: “Bub, ich habe keine Ahnung, wer den Krieg gewinnen wird. Ich weiß nur, wer ihn mit Sicherheit verlieren wird: Italien.” (“Nonno, ma la guerra chi la vincera’ ?”. Mi carezzo’ la testa, e rispose: “Chi la vincera’, figliolo mio, non lo so. Ma so con sicurezza chi la perdera’ : l’ Italia”.)

Als die Übungszeit abgelaufen ist, sammle ich die Studentenarbeiten ein. Und packe auch das  Bewerbungsschreiben ein, unschlüssig, was ich damit tun soll.

Auf dem Heimweg komme ich an einer Postfiliale vorbei. Kaufe mir ein Kuvert und eine Briefmarke. Und schicke die Bewerbung ab.

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