Frau Moosmann fährt nach Südtirol und verstört den Anführer einer Gruppe Halbwüchsiger

by lisimoosmann

Ich habe die Bewerbung schon vergessen, als mich, während ich in Italien am Strand liege, meine Mutter anruft. Und mir mitteilt, dass ein Brief für mich gekommen ist. Aus London. In einem sehr nobel aussehenden Kuvert. Kann nichts wichtiges sein, denke ich, sage ihr, sie soll ihn auf meinen Schreibtisch legen, und gehe ein bisschen plantschen.

Nachdem mir einfällt, dass niemand, den ich in London kenne, nobel aussehende Kuverts benutzt, werde ich doch neugierig. Ich rufe meine Mutter zurück, erteile ihr den Auftrag, den Brief zu öffnen und mir seinen Inhalt vorzulesen.

Verblüfft höre ich ihr zu. Mein Bewerbungsschreiben für den Übersetzer-/Rechercheposten sei auf Interesse gestoßen. Und ich wolle doch bitte möglichst bald unter einer angegebenen Telefonnummer anrufen und einen Termin für ein Vorstellungsgespräch vereinbaren.

Das tue ich dann auch. Eine sehr vornehm sprechende Dame informiert mich, dass der zu unterstützende  Autor erst übernächste Woche zu erreichen sei, weil er sich urlaubsbedingt „auf dem Kontinent“ befinde. Und schlägt mir einen Termin für eine Vorsprache in London in etwa 14 Tagen vor.

Ich habe schon Pläne für die Woche, in der dieser Termin liegt. Da ich mir keine Chancen auf den Job ausrechne, und eine sinnlose Reise nach London auch aus Kostengründen vermeiden will, frage ich frech, ob es, nachdem ich mich auch „auf dem Kontinent“ befinde, nicht möglich ist, das Gespräch schon früher, etwa im Urlaubsort des Autors, zu führen. Die Dame reagiert erkennbar verschnupft auf mein Ansinnen, lässt sich aber meine Telefonnummer geben und stellt in Aussicht, sich „nach Vornahme von Abklärungen und Rücksprachen“ mit mir in Verbindung zu setzen.

Am Abend des gleichen Tages  läutet mein Telefon.  Es meldet sich ein Mann, der auf englisch – sehr laut, mit kehliger Stimme, lachend, – sagt, er ruft wegen des Weltkriegsbuchprojektes an und will mich kennenlernen, weil ihm seine Assistentin wegen –  mit gesenkter Stimme – „Unkonventionalität“ davon abgeraten hat, mich zu kontaktieren. Er ist in Brixen auf Wanderurlaub. Ob ich am kommenden Tag zum Abendessen bei ihm vorsprechen kann.

Ich bin zwar einige hundert Kilometer von Brixen entfernt, sage aber intuitiv zu. Wir vereinbaren, dass ich mich telefonisch melde, sobald ich in Brixen angekommen bin, und er mir dann den konkreten Treffpunkt bekannt gibt.

Nach dem Abendessen packe ich schnell einige Kleider, ein Buch und die Zahnbürste in einen Rucksack, setze ich mich ins Auto und fahre nach Norden.

Ich erreiche Südtirol etwa um 4 Uhr morgens, stelle das Auto an einem Nebenfluß des Eisack ab und versuche, auf der Rückbank einige Stunden zu schlafen. Gegen 7.00 Uhr werde ich von einer Pfadfindergruppe geweckt, die ihr Zeltlager offenbar in der Nähe hat und einige Meter von mir entfernt unter lautstarken Kommandos eines uniformierten Pensionisten ihre Morgenturnübungen verrichtet.

Ich versuche, mich möglichst unauffällig anzuziehen, was mir nur zum Teil gelingt, wenn ich das plötzliche Verstummen der jungen Herren, während ich mir das T-Shirt über den Kopf ziehe und einen BH anlege, richtig interpretiere.

Entschlossen, nicht in den Spiegel zu blicken, bevor ich die Morgenhygiene erledigt habe, nehme ich die Zahnbürste und marschiere, nüchtern, aber dennoch schwankenden Schrittes, zum Fluss.

Ich mache einen Schritt ins Wasser, stoße, erschrocken über die Eiseskälte, einen kurzen Schrei aus. Und sehe aus dem Augenwinkel, wie die Pfadfinderbuben mich verstört betrachten. Ich führe dieses Interesse auf meine unwillkürliche Unmutsäußerung zurück und bücke mich, um mit den Händen Wasser zu schöpfen, damit ich mir das Gesicht waschen kann.

Dabei stelle ich fest, dass ich vergessen habe, mir eine Hose anzuziehen und in der Unterhose im Wasser stehe. Was das offenkundige Interesse der Buben an mir noch plausibler erklärt.

Nonchalance schadet nie, sage ich mir, tue so, als ob ich meinen Auftritt genauso geplant hätte, und beginne, mir die Zähne zu putzen, ohne weiter auf die jungen Menschen zu achten.

Plötzlich höre ich, wie der Pfadfinderkommandant beginnt, unkontrolliert in einer nordischen Sprache, es könnte Dänisch oder Schwedisch sein, zu brüllen. Ich drehe mich um, sehe, wie er auf mich deutet und die ihm untergebenen Buben, vermute ich, lautstark darauf hinweist, was ihr trauriges Schicksal sein wird, wenn sie sich dem Anblick offenkundig moralisch verrotteter Wesen wie mir aussetzen.

Die so große Erregung eines reiferen Mannes so früh am morgen geht mir nahe, und ich denke mir, ich sollte dem Herrn, um ihn auch moralisch zu beruhigen, vielleicht doch die Harmlosigkeit meiner Situation erläutern. Ich lege deshalb die Zahnbürste zur Seite und winke den Herrn freundlich, höchstens minimal lasziv, zu mir, um ihm die Sorge um mich zu nehmen. Unerwarteterweise reagiert er auf meine Gesten jedoch mit keiner Annäherung, sondern durch Erröten im Gesicht, eine sofortige Kehrtwende und die Erteilung des Abmarschbefehles an seine Kompanie in die meinem Standort diametral entgegengesetzte Richtung.

Als der Trupp sich befehlsgemäß in Marsch setzt und von mir entfernt, begebe ich mich, ein klein wenig traurig, dass ich das offenkundige Missverständnis nicht aufklären konnte, zum Auto, ziehe mich an und fahre nach Brixen, um zu frühstücken.

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