I guess I´ll have to do it while I´m here

Intellektuell inkonsistent

Month: October, 2013

Frau Moosmann sieht ihre Vorurteile auf eine harte Probe gestellt, Part II

Ich stehe etwas unsicher neben dem Kellner, der mit einem Räuspern auf unsere erfolgte Annäherung aufmerksam zu machen versucht. Der rosahemdige Herr scheint sich entweder schwer vom Buch, in das er vertieft ist, lösen zu können, oder schwerhörig zu sein.

Meiner natürlichen Ungeduld nachgebend und meine Chancen- und Hoffnungslosigkeit ausnützend, entschließe ich mich, die Ketten der Etikette zu sprengen und strecke ihm einfach meine Hand über das Buch hinweg ins Gesicht. Weil´s eh wurscht ist.

Er schaut zunächst ein wenig peinlich berührt über solch jugendliches Ungestüm, scheint sich dann aber zu entschließen, aus der Situation das Beste zu machen, erhebt sich und schüttelt mir die Hand. Dann ringt er sich ein mildes Lächeln ab und bittet mich, ihm gegenüber Platz zu nehmen.

Mein Outfit interessiert ihn offensichtlich nicht, was ich als Anregung werte, zukünftig meinem Instinkt zu trauen und mir keine Sorgen mehr um Dinge zu machen, von denen ich mir nicht sehr sicher bin, dass sich das Sorgenmachen um sie lohnt.

Wir tauschen zwei, drei Platitüden über das Wetter aus, bis der Kellner unsere Bestellung aufnehmen will. Der Esquire winkt die hingehaltene Karte mit einer unwirschen Geste weg und fragt mich – mit, mir scheint, bohrendem Blick -, ob ich „Vegetarierin, Veganerin oder Angehörige einer anderen lustfeindlichen Sekte“ bin. Als ich das wahrheitsgemäß verneine, hellt sich sein Gesicht auf, und er bestellt für uns beide zur Vorspeise rohes Fleisch, zur Hauptspeise halbrohes Fleisch, dazu Rotwein einer von mir bisher nie konsumierten Preisklasse.

Um danach die stockende Konversation in Gang zu bringen, frage ich ihn, nachdem seine Gesichtshautfarbe diese Frage aufdrängt, ob er heute gewandert sei. Er nickt, beginnt zu erzählen, wie er morgens vom Hotel aus der Stadt zum Kloster Neustift gegangen sei, der Grabplatte Oswald von Wolkensteins wegen, die sich dort befinde. Und sich dabei verlaufen habe, wovon auch sein Sonnenbrand zeuge. Aber er verlaufe sich gerne, man finde die interessantesten Sachen, wenn man sich verlaufe. Eigentlich habe er sich sein ganzes bisheriges Leben lang immer verlaufen, und das wolle er so beibehalten, weil, wenn man ein Ziel erreiche, sei man doch immer enttäuscht, sodass es nur vernünftig sei, jede Zielerreichung so lange wie möglich hinauszuzögern.

Dann erzählt er mir, bis die Vorspeise serviert wird, Geschichten aus dem Leben Oswald von Wolkensteins, der es ihm sehr angetan zu haben scheint.

Als der Trüffelcarpaccio vor uns steht, und wir mit dem sehr teuren Rotwein anstoßen, sagt er zu mir: „You know, I´m a Die-hard Tory. I´m hoping you´re a Firebrand Lefty. To our political differences.“

Ich bin mir nicht ganz sicher, wie ernst das gemeint ist, lache höflich und nütze die bewährte Taktik, eine direkte Antwort durch eine Gegenfrage zu vermeiden.

Warum er das denn hofft, und ob meine politischen Ansichten für den Job, um den ich mich beworben habe, relevant sind. Natürlich seien sie das grundsätzlich nicht, meint er. Aber er hasse Langweile. Und Langweiler.

Weil der Job ja, gerade weil er auch Übersetzdienste beinhalte, längeres Zusammensein auf Autofahrten usw. erforderlich mache, könne er ihn – leider – an keinen Langweiler vergeben, so qualifiziert dieser auch sein möge.

Und, weil er gerne interessanten Widerspruch habe, könne es  nicht schaden, wenn man politisch ganz gegensätzlicher Meinung sei. Außerdem habe er festgestellt, dass nur „Libertarians, Firebrand Lefties und Die-hard Conservatives“ unkonventionell seien. Da ich ihm ja als unkonventionell beschrieben worden sei, und ich schon von meinem Erscheinungsbild her nicht wie ein Mitglied der „Young Conservatives“ aussähe, habe er einen “Informed Guess” gewagt.

Damit lehnt er sich zurück, lächelt mich an, nimmt einen Schluck aus seinem Rotweinglas und sagt: „So, entertain me.“

Frau Moosmann sieht ihre Vorurteile auf eine harte Probe gestellt, Part I

In Brixen angekommen kontaktiere ich, nachdem ich durch Espressozufuhr den Kreislauf hinreichend in Schwung gebracht habe, den Herrn aus England telefonisch. Er scheint sich erfreulicherweise an mich zu erinnern und weist mich an, ihn um 20.30 zum Abendessen in einem seinem Tiernamen nach nicht besonders nobel klingenden Lokal zu treffen. Ich soll mich „casually“ bekleiden, gibt er mir vor der Verabschiedung noch mit.

Da ich prinzipiell nicht dazu neige, mir Gedanken über Bekleidungsvorschriften zu machen, nehme ich das zur Kenntnis, ohne nachzufragen, was konkret damit gemeint ist, und denke mir, ich werde für den Besuch eines Tiernamensgasthauses schon etwas hinreichend Vornehmes eingepackt haben.

Ich besichtige die Stadt, verbringe einige Zeit in den überraschend gut sortierten Buchhandlungen, gehe nobler, als es ökonomisch sinnvoll erscheint, speisen, und lege mich dann für ein Nickerchen in eine Wiese. Als ich vor mich hindöse, fällt mir ein, dass gerade in England Dresscodes bei semioffiziellen Anlässen sehr ernst genommen werden. Also entschließe ich mich, nach Beendigung der Mittagsruhe den – interessanterweise massenmedial oft so genannten – „Internetnachrichtendienst“ Twitter zur Klärung, was mit „casually“ nun konkret gemeint sein könnte, zu bemühen.

Auf meine Frage hin erhalte ich widersprüchliche Antworten, die sich nur in einem Punkt einig sind: Jeans und T-Shirt, also meine Standardbekleidung, fallen nicht unter diesen Dresscode.

Ein Blick in die Tasche lässt erkennen, dass ich nur ein Badekleid eingepackt habe, das den Dresscodeanforderungen auch nicht entsprechen dürfte. Also stellt sich die Frage: soll ich mir für das Gespräch ein neues Kleid kaufen, um meine von vornherein minimalen Chancen auf den Job zu wahren. Oder soll ich auf den Dresscode pfeifen, in der Kleidung, die mir nun eben zur Verfügung steht, auftauchen, mir den Bauch vollschlagen und wieder zurückfahren, weil´s eh egal ist?

Nach einigem Überlegen entscheide ich mich als gute Österreicherin für einen schicksalergebenen Kompromiss, und entschließe mich, das erste Kleidergeschäft, an dem ich vorbeikomme, zu betreten, und mir, wenn ich dort ein adäquates preiswertes Kleid finde, dieses zu kaufen. Für den Fall, dass ich dort keines finde, beschließe ich, dem Unglück seinen Lauf zu lassen und seiner Lordschaft in Jeans und T-Shirt gegenüberzutreten.

Ich biege in die erste Laubengasse ein und stehe vor einer kleinen Boutique, die einen Ausverkauf bewirbt. Ich betrete sie, und sehe an einer Schaufensterpuppe ein hübsches leichtes kurzes schwarzes Kleidchen mit weißen Knöpfen, das auf 50 Euro reduziert ist und zumindest den Dresscode-Minimalanforderungen genügen würde.

Kurzentschlossen probiere ich das Kleid, bezahle es, und lasse es, nachdem ich ja aus Kostengründen kein Hotelzimmer gebucht habe und Umkleidemanöver im Auto nach dem morgendlichen Desaster vermeiden will, gleich an.

Dann setze ich mich in einen Gastgarten, lese und warte, bis es Abend wird. Gegen 20 Uhr gehe ich zum Auto, um mich auf den Weg zum Gasthaus zu machen. Als ich meine Schminksachen suche, stelle ich fest, dass ich auch die im Zimmer am Meer vergessen habe. Glücklicherweise finde ich im Handschuhfach noch einen alten Mascara-Stift, mit dem sich zumindest die Augen bearbeiten lassen. Und treffe dann im neuen Kleidchen, aber ansonsten im wesentlichen die ungeschminkte Wahrheit darstellend, kurz vor dem vereinbarten Zeitpunkt vor dem Tiernamengasthaus ein.

Als ich das Lokal betrete, stelle ich fest, dass sich meine Erwartungen nicht erfüllt haben und auch Tiernamensgasthäuser durchaus nicht nur vornehm, sondern geradezu nobel sein können.

Ich stehe etwas deplatziert im Eingangsbereich und beobachte durch eine offene Terrassentüre Gasttische, an denen vornehme Damen, die in Haute-Couture-Kleidern in sommerlichen Designeranzügen gekleideten Herren, die urbane Weltläufigkeit versprühen, gegenübersitzen und aperolspritzgefüllte Gläser hin- und herschwenken. Und einen Tisch, an dem ein Mann mittleren Alters in einem kurzärmeligen rosa Hemd, an dem die obersten drei Knöpfe geöffnet sind, mit pink gefärbtem Gesicht, offenbar als Folge einer nicht ausreichenden Sonnenschutzverwendung, alleine sitzt und in einem Buch liest, während er einen tiefen Zug aus einem Weißbierglas nimmt.

Ein Kellner fragt mich, was ich hier will und ich teile ihm mit, dass mich Mister Soundso, Esquire, erwartet. Er nickt wissend, bittet mich, ihm zu folgen, und führt mich in den Gastgarten. An den Tisch des Herren im rosa Hemd.

Monte Grappa

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« Arsiero, Asiago,
Half a hundred more,
Little border villages,
Back before the war,
Monte Grappa, Monte Corno,
Twice a dozen such,
In the piping times of peace
Didn’t come to much. »

Ernest Hemingway