Frau Moosmann sieht ihre Vorurteile auf eine harte Probe gestellt, Part II

by lisimoosmann

Ich stehe etwas unsicher neben dem Kellner, der mit einem Räuspern auf unsere erfolgte Annäherung aufmerksam zu machen versucht. Der rosahemdige Herr scheint sich entweder schwer vom Buch, in das er vertieft ist, lösen zu können, oder schwerhörig zu sein.

Meiner natürlichen Ungeduld nachgebend und meine Chancen- und Hoffnungslosigkeit ausnützend, entschließe ich mich, die Ketten der Etikette zu sprengen und strecke ihm einfach meine Hand über das Buch hinweg ins Gesicht. Weil´s eh wurscht ist.

Er schaut zunächst ein wenig peinlich berührt über solch jugendliches Ungestüm, scheint sich dann aber zu entschließen, aus der Situation das Beste zu machen, erhebt sich und schüttelt mir die Hand. Dann ringt er sich ein mildes Lächeln ab und bittet mich, ihm gegenüber Platz zu nehmen.

Mein Outfit interessiert ihn offensichtlich nicht, was ich als Anregung werte, zukünftig meinem Instinkt zu trauen und mir keine Sorgen mehr um Dinge zu machen, von denen ich mir nicht sehr sicher bin, dass sich das Sorgenmachen um sie lohnt.

Wir tauschen zwei, drei Platitüden über das Wetter aus, bis der Kellner unsere Bestellung aufnehmen will. Der Esquire winkt die hingehaltene Karte mit einer unwirschen Geste weg und fragt mich – mit, mir scheint, bohrendem Blick -, ob ich „Vegetarierin, Veganerin oder Angehörige einer anderen lustfeindlichen Sekte“ bin. Als ich das wahrheitsgemäß verneine, hellt sich sein Gesicht auf, und er bestellt für uns beide zur Vorspeise rohes Fleisch, zur Hauptspeise halbrohes Fleisch, dazu Rotwein einer von mir bisher nie konsumierten Preisklasse.

Um danach die stockende Konversation in Gang zu bringen, frage ich ihn, nachdem seine Gesichtshautfarbe diese Frage aufdrängt, ob er heute gewandert sei. Er nickt, beginnt zu erzählen, wie er morgens vom Hotel aus der Stadt zum Kloster Neustift gegangen sei, der Grabplatte Oswald von Wolkensteins wegen, die sich dort befinde. Und sich dabei verlaufen habe, wovon auch sein Sonnenbrand zeuge. Aber er verlaufe sich gerne, man finde die interessantesten Sachen, wenn man sich verlaufe. Eigentlich habe er sich sein ganzes bisheriges Leben lang immer verlaufen, und das wolle er so beibehalten, weil, wenn man ein Ziel erreiche, sei man doch immer enttäuscht, sodass es nur vernünftig sei, jede Zielerreichung so lange wie möglich hinauszuzögern.

Dann erzählt er mir, bis die Vorspeise serviert wird, Geschichten aus dem Leben Oswald von Wolkensteins, der es ihm sehr angetan zu haben scheint.

Als der Trüffelcarpaccio vor uns steht, und wir mit dem sehr teuren Rotwein anstoßen, sagt er zu mir: „You know, I´m a Die-hard Tory. I´m hoping you´re a Firebrand Lefty. To our political differences.“

Ich bin mir nicht ganz sicher, wie ernst das gemeint ist, lache höflich und nütze die bewährte Taktik, eine direkte Antwort durch eine Gegenfrage zu vermeiden.

Warum er das denn hofft, und ob meine politischen Ansichten für den Job, um den ich mich beworben habe, relevant sind. Natürlich seien sie das grundsätzlich nicht, meint er. Aber er hasse Langweile. Und Langweiler.

Weil der Job ja, gerade weil er auch Übersetzdienste beinhalte, längeres Zusammensein auf Autofahrten usw. erforderlich mache, könne er ihn – leider – an keinen Langweiler vergeben, so qualifiziert dieser auch sein möge.

Und, weil er gerne interessanten Widerspruch habe, könne es  nicht schaden, wenn man politisch ganz gegensätzlicher Meinung sei. Außerdem habe er festgestellt, dass nur „Libertarians, Firebrand Lefties und Die-hard Conservatives“ unkonventionell seien. Da ich ihm ja als unkonventionell beschrieben worden sei, und ich schon von meinem Erscheinungsbild her nicht wie ein Mitglied der „Young Conservatives“ aussähe, habe er einen “Informed Guess” gewagt.

Damit lehnt er sich zurück, lächelt mich an, nimmt einen Schluck aus seinem Rotweinglas und sagt: „So, entertain me.“

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