Frau Moosmann zitiert Nirvana und trinkt Malvasier

by lisimoosmann

Ich bin baff.

Die Unterhaltung älterer Herren gehört nicht zu meinen Lebenzielen.  Und ich sehe mich weder neigungs- noch talentmäßig als Entertainerin. Also sage ich das, was mir immer assoziativ einfällt, wenn jemand für sich Entertainment einfordert: oh well, whatever, nevermind. Gleichzeitig lege ich meine Serviette auf den Tisch und erhebe mich. Ich denke mir, es wäre ganz nett gewesen, das rohe Fleisch zu kosten. Aber nicht so nett, dass ich bereit bin, dafür als Hofnarr aufzutreten.

Meine Reaktion scheint den Esquire zu erstaunen. Mir kommt fast vor, sein Gesicht errötet noch ein bisschen mehr. Gerade, als ich mich verabschieden will, beugt er sich vor, räuspert sich. Und sagt, dass er sich für sein Verhalten entschuldige. Ich solle ihm nicht böse sein, die übermäßige Sonneneinstrahlung auf seinen Kopf während des Tages habe wohl seine Denkfähigkeit beeinträchtigt. Natürlich gehe es nicht darum, ihn zu unterhalten. Sondern um kompetente Arbeit. Ob ich nicht so nett sein wolle, wieder Platz zu nehmen, und ihm meine Sprachkenntnisse zu erläutern. Und ihm zu erklären, wie der Erste Weltkrieg in Österreich heute öffentlich wahrgenommen wird.

Ich bin in einem Land mit einer Entschuldigungspraxis nach Art des inzwischen ins Walhalla aufgefahrenen national-sozialen Opportunisten Jörg Haider aufgewachsen. Mir wurde also massenmedial eingetrichtert, dass jede Entschuldigung zuerst so lange wie möglich hinausgezögert werden muss und schlussendlich, wenn sie nicht mehr vermieden werden kann, mit einem „von mir aus tut es mir halt leid, wenn sich jemand durch mich idiotischerweise beleidigt fühlen sollte, weil er meine Worte unbedingt falsch verstehen wollte“, zu qualifizieren ist. Also bin ich erstaunt über das prompte und ganz unzweideutige „I´m very sorry“ des Esquire, denke mir, eine vorbehaltlose Entschuldigung soll belohnt werden und setze mich wieder.

Er nimmt das sichtlich erfreut zur Kenntnis, wiederholt nochmals, dass er sein Verhalten bedaure, und beginnt, über den Wein zu plaudern. Er nimmt einen kleinen Schluck, zutzelt und spricht von Terroir und Tanninen.

Ich gehöre, wie die meisten Studentinnen, schon aus ökonomischen Gründen zum Lager der Biertrinkerinnen und habe mich mit Wein bisher kaum beschäftigt. Aber, was er mir erzählt, über Böden, Rebstöcke, Rebsorten, klingt interessant. Und bald landet er auch wieder bei Oswald von Wolkenstein, der bei einem Schiffbruch durch ein Malvasier-Fass  gerettet worden sein soll. Der Malvasier habe seinen Namen von der peloponnesischen Hafenstadt Monemvasia, die Venezianer hätten im Mittelalter mit dem wegen seiner Süße begehrten Wein regen Handel betrieben, weshalb jedes Mittelmeerschiff voll von Malvasierfässern gewesen sei. Oswalds Intimfeind, der Brixner Bischof, habe große Malvasiervorräte in Brixen angehäuft, einmal sogar Oswald damit bewirtet, wofür sich dieser aber mit einem Faustschlag bedankt habe und ihn gefangengesetzt habe.

Ich beobachte, wie die Anekdoten aus ihm heraussprudeln und er dabei die Rotweinflasche im Alleingang leert, während ich an meinem Glas nippe und Mineralwasser trinke. Als die Flasche gleichzeitig mit den Vorspeisentellern endgültig leer ist, winkt er den Kellner zu sich, und bittet ihn, uns nun eine Flasche eines bestimmten Malvasier-Weines zu bringen. Der Kellner nickt, leicht pikiert, und verlässt den Tisch. Verschwörerisch wendet sich der Esquire mir zu und flüstert, wir seien nun als Banausen verschrien, weil wir zum roten Fleisch Weißwein trinken würden. Aber, weil ich ja von seiner Assistentin als unkonventionell zertifiziert worden sei, wage er so einen Fauxpas mit mir. Zumal mein bescheidener Rotweinzuspruch ja keinen anderen Schluss zulasse, als dass ich eine Weißweintrinkerin sei. Was als Österreicherin  nur natürlich sei, weil in Österreich ja Weißweine von exzellenter Qualität produziert würden.

Als der Kellner die Weinflasche bringt und einschenkt, bittet er mich, nun auch einen adäquaten Beitrag zum Weinkonsum zu leisten. Und ich entschließe mich, dieser Bitte Folge zu leisten.

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