Herr Professor Rauchensteiner schreibt ein 1200-seitiges Buch über seine Vorurteile und nennt es „Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie“

by lisimoosmann

Daran, dass es zum Ersten Weltkrieg kommt, ist zweifellos niemand schuld. Aber es gibt zwei Verantwortliche: Zeitgeist und Zugfahrplan.

Ein Mann, oder auch viele Männer, hätten den Krieg nicht verhindern können, egal in welcher Position sie auch waren. Außer Erzherzog Franz Ferdinand. Wenn der nicht in Sarajevo erschossen worden wäre, hätte er wegen des Attentats von Sarajevo keinen Krieg angefangen.

Ach ja, eine Frau spielt auch eine Rolle (im Buch). Allerdings keine positive. Sophie Hohenberg, die mitermordete Gemahlin des Erzherzogs Franz Ferdinand, ist nicht hochwohlgeboren genug und sorgt daher für fürchterliches protokollarisches G´schiss bei der Beisetzung des Erzherzoges.

Immer das G´schiss mit den Frauen. Grad ein Glück für den Ersten Weltkrieg, dass keine zweite Frau für ihn relevant war.

Gut, Kaiser Franz Joseph, Außenminister Berchtold, Generalstabschef Conrad von Hötzendorf und die meisten Entscheidungsträger in der Donaumonarchie wollen den Krieg. Deshalb formulieren sie ein Ultimatum an Serbien, von dem sie wissen, dass es zum Krieg führen muss. Graf Hoyos holt rechtzeitig die aufgrund des Bündnissystems für die Kriegserklärung nötige Blankovollmacht des Deutschen Reiches in Berlin ein. Das ist gar nicht so einfach für Graf Hoyos, weil in Deutschland in Anbetracht der vorhersehbaren Konsequenzen doch einigen wichtigen Leute die Knie schlottern.

Aber Serbien einfach so davonkommen lassen für ein Attentat, das auf österreichisch-ungarischem Hoheitsgebiet stattgefunden hat, das kann von einer Großmacht wirklich niemand verlangen. Auch wenn man dadurch einen Krieg mit Rußland vom Zaun bricht. Im letzten Moment wollen die Briten mit ihren üblichen scheinvernünftigen Angeboten das Losschlagen verhindern. Vergeblich, natürlich.

Dass Frankreich den Krieg erklärt, ist klar. Aber dass England die deutsche Invasion in Belgien, die aufgrund des gottgegebenen Schlieffen-Planes unvermeidbar ist, zum Anlass für eine Kriegserklärung nehmen würde, tja, ein Universitätsprofessor ist zu vornehm, hier „perfides Albion“ zu sagen.

Mit Italien ist, Bündnis hin, Bündnis her, nicht zu rechnen, das ist jedem vernünftigen Mann evident. Die spätere italienische Kriegserklärung im Mai 1915 wird dann aber doch als „walscher Verrat“ verstanden. Nachvollziehbarerweise.

Die ersten kriegerischen Aktionen der stolzen kakanischen Armee sind kein großer Erfolg. Naja, shit happens. Kann ja nicht gleich alles funktionieren, wenn man Jahrzehnte lang keinen g´scheiten Krieg führen darf. Und, „Conrad war hin- und hergerissen“, wie während des gesamten Krieges. (194)

Nach 300 Seiten ist es Zeit für ein bissl allgemeine Stereotypisierung, also passt ein Kapitel „Von Helden und Feiglingen“ gut.

„In den Einleitungsschlachten des Kriegs wurden die Truppen- und Heereskörper dezimiert“, da muss man schauen, ob „ganze Truppenkörper versagt“ haben, und wenn ja, warum. Am besten macht man das, indem Gruppen, eingeteilt nach ihrer Muttersprache, untersucht werden. Und „die Juden“.

Also. „Im Fall der Ruthenen kam das Verhalten vor dem Feind nicht von ungefähr.“ (337) Zu „den Polen“ ist zu sagen: „Die Soldaten waren letztlich ein Abbild des Landes (341).“ Eh klar. „Das galt selbstverständlich auch für die Rumänen“. Was ja nur logisch ist, weil, warum sollte für „die Rumänen“ nicht gelten, was für „die Polen“ gilt. Dass von „den Italienern … einige Hundert Soldaten wegen Feigheit zurückgeschickt und abgeurteilt werden mussten“ (343), wird niemanden wundern. Zu den „Tschechen“ kann man zwar viel sagen, aber nur wenig Gutes. Der Vergleich „zwischen den Truppen der verschiedenen Nationalitäten“ fällt „immer wieder zum Nachteil der Tschechen aus.“ (350)

„Die Kroaten und die Slowenen“ wie die „Slowaken und Bosniaken“ gelten „als bedingungslos einsatzwillig und treu.“ Aber, Slowaken hin, Bosniaken her, „es waren aber wohl Ungarn und Deutsche, die sich die Spitze der Loyalitätspyramide und den Ruf besonderer Tapferkeit streitig machten. … Ihr Blutzoll war denn auch enorm.“ (353)

Der Autor ist kein Antisemit. Deshalb überlegt er sich, was ein Antisemit über „die Juden“ denken könnte. Und hält folgerichtig fest: „nicht einmal Antisemiten konnten den Juden …. Desertionsneigung nachsagen.“ (353)

Aber dass „sie überdeutlich das Bestreben zeigten, sich vom Wehrdienst befreien zu lassen“, muss man schon sagen dürfen. (353) Wenn schon irgendein uralter apokrypher Artikel gefunden wurde, mit dem man diese Unterstellung befußnoten kann.

„Die Furcht vor Spionen war allgegenwärtig“, da ist nur zu verständlich, dass im Übereifer im Zuge der Hochverräterbekämpfung auch übers Ziel hinausgeschossen wird, wie, als „die 29. Infanteriedivision an die 80 zivile Gefangene auf dem Kirchhof niedermachen ließ“. (272) Unschön auch für kakanische Offiziere, wenn sie „eine Baumreihe entlang, an der noch ein dutzend Gehenkte baumelten,“ fahren müssen. (273)

Dann gibt´s das in einem Krieg übliche Auf und Ab, den Ärger mit den Deutschen, die unser Oberkommando nicht ernst nehmen und auch das „Feldherrengenie“ Conrad von Hötzendorfs anzweifeln.

Der Kriegseintritt der „kaltblütigen italienischen Machiavellisten“ (402) gibt dem schon ermüdeten Kampfwillen der „nationalen Schicksalsgemeinschaft“ wieder frischen Schwung, der aber trotz „Luftsiegen“ und ähnlichen Teilerfolgen nach der gescheiterten „Strafexpedition“ bis zur Ermordung des Ministerpräsidenten Stürgkh durch Friedrich Adler – wobei man „die Frage, ob ihn lediglich die in seiner Familie grassierende Geisteskrankheit zu dem Anschlag gebracht hat, beiseitelassen“ kann (627) – und zum fast gleichzeitigen Tod Kaiser Franz Josephs, wieder abebbt.

Da schiebt man halt ein paar Kapitel über unsere schönen Waffen, insbesondere den spitzenklassesuperen 30,5-cm-Mörser, um den uns die Welt beneidet, und über „Fabriklichen Krieg und innere Front“ (429) ein, zur Auflockerung.

Kaiser Karl, der jetzt die Bühne betritt ist, kann es einfach nicht. Ein netter Bub, sicherlich. Gutwillig. Aber zu weich. Er hat so eine komische „Neigung, seinem Humanismus und der Achtung vor Menschenleben dadurch Ausdruck zu verleihen, dass er schwerste Strafen androhte, sollten die Soldaten leichtfertig geopfert werden.“ (667) Eine „falsche Haltung, die zu Zögern und Zuwarten führte.“ (667)

Dass mit einem solchen Oberbefehlshaber, der von Giftgasangriffen und Fliegerbombenabwürfen nicht begeistert ist, auch für die beste Armee kein Krieg zu gewinnen ist, braucht nicht betont zu werden. Obwohl Kaiser Karl durchaus grausam sein kann, wie er zeigt, als er das Oberkommando gegen dessen Willen von Teschen nach Baden verlegt und dem großen Conrad von Hötzendorf verunmöglicht, seine geliebte Frau am neuen Kommandoort anzusiedeln.

Die Unfähigkeit des Kaisers wird dadurch belegt, dass er Kreti und Pleti belobigt und auszeichnet, womit er sich den „Spitznamen Sehadler verdiente, weil er nur jemanden sehen musste, um ihn auch schon zu adeln.“ (671)

Der Krieg zieht sich dann noch einige Zeit hin, es gibt von vornherein zum Scheitern verurteilte Friedensbemühungen. Caporetto ist ein schöner Erfolg, der aber säuerlich schmeckt, weil er mit den angeberischen Deutschen geteilt werden muss.

Die Armee ist tapfer und tut ihr Bestes. Die „Nationalitäten“ machen aber Ärger und beginnen, herumzudesertieren. „Den Juden“ könnte, wie schon gesagt, diesbezüglich nicht einmal ein Antisemit einen Vorwurf machen.

Aber es hat nicht sollen sein, und so „resigniert ein Reich“. (965) Man kann für die Resignation Ursachen suchen, wenn man unbedingt will. Auffällig ist halt, dass anders als in den erfolgreichen napoleonischen Kriegen zu wenige Colloredos, Fürstenbergs, Harrachs, Hohenlohes, Laudons, Khevenhüllers, Kinskys die Truppen führen. „Der Rückzug des Hochadels“ (970) aus der Armee ist offensichtlich, und so ein frischvergrafter Dankl oder Scheuchenstuel kann klarerweise keinen Windisch-Graetz ersetzen. Also wird im Herbst 1918 kapituliert.

Schade um die schöne Armee. Schade um das schöne Reich.

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