Frau Moosmann bekommt einen Schwips und einen Job

by lisimoosmann

Nachdem er mir vorhin erzählt hat, dass der Malvasier im Spätmittelalter wegen seiner außergewöhnlichen Süße so begehrt gewesen ist, stelle ich mich auf ein Geschmackserlebnis nach Art der Beerenauslesen, die in vornehmen Restaurants zum Dessert gereicht werden, ein, und beginne etwas widerwillig am Glas zu nippen.

Erfreut stelle ich fest, dass entweder im Mittelalter eine andere Vorstellung von Süße dominiert hat als heutzutage, oder sich der Malvasier über die Jahrhunderte verändert hat. Er schmeckt nicht unähnlich einem Neuburger oder Grünen Veltliner, also keineswegs übersüß.

Ich trinke das Glas relativ zügig aus, bekomme sofort nachgeschenkt, nehme noch ein, zwei Schlucke und bemerke, wie ich beginne, locker vor mich hin zu plaudern, die Befangenheit abzulegen. Normalerweise ist das kein gutes Zeichen. Es geht ja um einen Job. Befangenheit schützt einen davor, Sachen zu sagen, die irgendwie kontroversiell sein oder missverstanden werden könnten. Und alles Kontroversielle oder Missverständliche reduziert die Chancen in einem Bewerbungsgespräch. Lernt man in Ratgebern.

Das ist mir durchaus bewusst. Einerseits. Andererseits rechne ich mir aber eh keine Chancen auf den Job aus. Und der Malvasier mundet.

Ich beginne also von meiner Kindheit in London zu erzählen (unkontroversiell), und taste mich über die Schilderung meiner Liebe zum Tottenham Hotspur F.C. (ein bisschen kontroversiell, weil sich der gerötete Herr als Fan des FC Arsenal zu erkennen gibt und sogar irgendwie mit der Familie Bracewell Smith, die lange einen beträchtlichen Teil der Anteile an diesem Club hielt, verwandt zu sein behauptet) zur zustimmenden Zitierung John Stuart Mills, der die Tories als „stupid party“ bezeichnete (sehr kontroversiell, weil der Herr schon jahrzehntelang Mitglied dieser „stupid party“ ist, wie er anmerkt).

Die Nachspeise (Semifreddo, vorzüglich)  kommt, eine zweite Flasche Malvasier (immer noch ausgezeichnet-süffig) wird geliefert, und ich ertappe mich dabei, wie ich den Londoner Bürgermeister Boris Johnson (stupid party, Eton, Balliol College) als populistischen Vollidioten bezeichne.

Der Esquire lächelt mich an und teilt mir süffig mit, dass er den guten Bekannten Boris bei einem der nächsten Treffen über meine Bewertung informieren wird.

Dass ich damit einen Volltreffer gelandet habe, mit dem ich, wenn ich jemals irgendwelche Chancen auf die Stelle gehabt haben sollte, diese Chancen auf Null reduziert habe, ist mir sogar im Zustand der alkoholinduzierten Bewusstseinserweiterung klar. Also entscheide ich mich, chancenlos wie ich bin, immerhin meine Würde zu wahren und meine unvornehm-verkürzte Einschätzung Boris Johnsons argumentativ zu unterfüttern. Ich setze also zu einer Suada an, in der ich meine inhaltlichen Einwände gegen Johnsons „Euroskeptizismus“, seine populistisch-klischeehafte Ausländerfeindlichkeit und seinen Snobismus darlege, dann Johnsons absurd-bescheuerten Äußerungen über die Bewohner Liverpools kritisiere, aber immerhin, um nicht unausgewogen zu wirken, sein volles Haar lobe.

Als ich damit fertig bin, mich erschöpft zurücklehne und einen tiefen Schluck aus meinem Glas nehme, stellt er das Glas ab, blickt mir in die Augen und sagt, dass ich überzeugend argumentieren kann. Und: „You´ve got a point.“

Das erstaunt mich, und ich frage etwas verunsichert, wie er das meint. Er erläutert mir eingehend, dass er die populistische Europafeindlichkeit, die Menschen wie Boris Johnson und die meisten großen englischen Zeitungen ständig befeuerten, für eine Geißel seines Landes und seiner Partei hält. Und sich schon seit Jahren dagegen engagiert, im Gefolge des ehemaligen Schatzkanzlers Kenneth Clarke.

Dann fragt er mich unvermutet, ob ich bereit bin, für ihn zu arbeiten.

Ich bin.

Wir schütteln uns die Hände. Er bestellt, um auf unsere Zusammenarbeit anzustoßen, Schnaps. Ich mag keinen Schnaps. Finde aber, dass ich heute schon kontroversiell genug war, und lehne also nicht ab, sondern schütte mir das Gesöff todesmutig die Kehle hinunter. Es schüttelt mich. Widerlich.

Er erläutert mir die Modalitäten der Stelle, lässt sich meine Mailadresse geben, um mir den Vertrag und Instruktionen zu übermitteln. Dann bezahlt er. Wir verlassen das Lokal gemeinsam. Er erklärt mir, dass sich sein Hotel nur zwei Straßen weiter befinde und fragt mich, wo ich abgestiegen bin.

Zu sagen, dass ich kein Hotelzimmer gebucht habe und mir in meinem Zustand nichts übrig bleibt, als zu versuchen, auf der Rückbank des Autos irgendwie einzuschlafen, erscheint mir inopportun. Also brabble ich irgendetwas hoffentlich unverständliches von einem Hotel, das in der entgegengesetzten Richtung zu seinem Weg liegt, bedanke mich für das Essen, verabschiede mich und gehe einige hundert Meter so die Straße entlang, als ob ich ein Ziel hätte.

Dann bleibe ich stehen, versichere mich, dass er nicht mehr zu sehen ist, warte sicherheitshalber noch einige Minuten. Und drehe dann um, zurück zum Parkplatz. Zurück zum Auto.

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