Frau Moosmann sitzt am Platz, an dem Cesare Battisti militärjustizermordet wurde und versucht, Clarks „Schlafwandler“-These durchzudenken

by lisimoosmann

1957

Wenn es das Wetter zulässt, gehe ich am Mittag gerne eine halbe Stunde an die frische Luft und esse mein Jausenbrot an einem ruhigen Plätzchen. Manchmal nehme ich ein Buch mit und blättere beim Essen darin.

In Trento bietet sich dafür der Garten des Castello del Buonconsiglio, eines auf einer Anhöhe am Rand der Altstadt errichteten, mittelalterlichen Schlosses, das früher einmal Sitz der örtlichen Fürsterzbischöfe war, an.

Der ruhigste Ort in diesem Garten ist der nördliche Graben, heute eine von den alten Schlossmauern eingefasste Wiese mit Blick auf die Dächer der Stadt.  In diesem Graben wurde am 12. Juli 1916 der Trentiner Reichsratsabgeordnete Cesare Battisti, der als italienischer Soldat in österreichisch-ungarische Gefangenschaft geriet, gehenkt.

Das Bild, das dokumentiert, wie ein selbstzufrieden-dumm grinsender fettleibiger Scharfrichter den getöteten Battisti wie ein erlegtes Raubtier stolz lächelnden Gaffern präsentiert, hat eine gewisse Berühmtheit erlangt, weil es von Karl Kraus als „Gruppenbild des k.k. Menschentums“ bezeichnet wurde.

Ich sitze also an einem sonnigen Wintertag im Schlossgraben, konsumiere mein Schinkenbrot und blättere – gegenüber des noch gut erkennbaren „Richtplatzes“  – in Christopher Clarks Buch „The Sleepwalkers“.

In ihm vertritt der Autor in eleganten Sätzen die These, der Erste Weltkrieg sei von niemandem (vielleicht mit Ausnahme des garstigen  „Serbien“ – der Autor liebt es, Länder zu personalisieren) verschuldet, sondern von den politischen und militärischen Akteuren aller Länder durch – von einer Krise der Männlichkeit angetriebenes – schlafwandlerisches Stolpern ausgelöst worden.

Viele Anekdoten in Clarks Buch belegen auch schön, dass in den Staatskanzleien und Generalstabsbüros aller beteiligten Länder viele Idioten arbeiteten, die sich oft der Tragweite ihrer Handlungen nicht bewusst waren, diese fehleinschätzten oder sich einfach gar nichts dachten, sondern einfach weiter das taten, was immer schon getan wurde.

Was ich bei Clark lese, stößt mir dennoch unangenehm auf, ohne dass ich zunächst genau weiß, warum.

Gegen die Fakten, die Clark präsentiert, ist nicht viel einzuwenden.

Seine Auswahl der präsentierten Fakten ist schon problematischer, weil ja auch die selektive Präsentation für sich nicht zu beanstandender Fakten ein falsches Gesamtbild ergibt. Schon auf den ersten Blick fällt auf, dass die starke Betonung der Rolle „Serbiens“ das Handeln anderer Beteiligter in ein falsches Verhältnis setzt. Das spricht nicht dafür, dass der Autor versucht hat, so objektiv, wie es eben möglich ist, zu sein. Kann aber von der halbgebildeten Leserin verschmerzt werden, weil sie – einigermaßen – in der Lage ist, das Dargebotene selbst zu werten, rede ich mir ein.

Und blicke auf die Steinplatte, die anzeigt, wo das Leben des Cesare Battisti, eines Publizisten, Geographen, Sozialisten, der – aus der Gedankenwelt der damaligen Zeit und aufgrund der Behandlung der italienischsprachigen Minderheit durch die österreichisch-ungarischen Autoritäten nachvollziehbar – die Abtretung seiner italienischsprachigen Heimat (nicht aber Südtirols) an das damalige  Königreich Italien wünschte, beendet wurde. Von Staatsfunktionären, die wie Clarks „Schlafwandler“ Schritt für Schritt von Dummheit zu Dummheit voranstolperten, bis Battisti endlich erdrosselt war.

Eigentlich, denke ich mir, ist das Grundproblem an Christopher Clarks Buch nicht, dass er Tatsachen unrichtig oder unvollständig darstellt.

Sondern seine These, deren Untermauerung alle präsentierten Fakten dienen.

Wenn niemand an einem bestimmten Ereignis schuld ist, nur weil er die Konsequenzen seines Tuns nicht bedenkt, diese nicht richtig einschätzt oder die Folgen seiner Handlungen nicht zutreffend vorhersieht, ist niemand für irgendetwas verantwortlich.

Dann ist aber die These Clarks nicht nur auf den Ersten Weltkrieg, ja nicht nur auf die Mehrzahl aller Konflikte und Kriege der Menschheitsgeschichte, sondern sogar auf die Mehrzahl aller Verbrechen anwendbar.

Die Schreibtischmörder, die Cesare Battisti töten ließen, wären diesfalls an seinem Tod ebenso wenig schuld, wie etwa Saddam Hussein oder Ajatollah Khomeini an den hunderttausenden Toten im ersten Golfkrieg.

Sie taten ja alle nur das, was ihnen aus ihren vorigen Handlungen und ihrer beschränkten Sicht als folgerichtig erschien, ohne die Konsequenzen zu bedenken oder abzuschätzen. Auch wenn diese Konsequenzen für die Opfer ihrer Handlungen mörderisch waren.

Eine solche These, die jene, denen man sich in Loyalität verbunden fühlt, ihrer subjektiven Verantwortung enthebt, ist natürlich populär, wie der Erfolg von Clarks Buch gerade im deutschen Sprachraum beweist.

Aber sie ist falsch. Nicht nur moralisch, sondern auch historisch. Weil sie zwar alles erklärt, aber nichts versteht.

Und damit das Andenken Cesare Battistis und der Millionen Opfer des Ersten Weltkrieges beleidigt, aus deren sinnlosem Tod nicht einmal Lehren gezogen werden.

Ich stecke Clarks Buch in meine Tasche, stehe auf und gehe vorbei an den an der Mauer in Schaukästen ausgestellten Fotos, die Cesare Battistis letzte Lebensminuten dokumentieren, zum Kaffeehaus im Schlosshof, um einen Espresso trinken.

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