Frau Moosmann führt Tresengespräche und gelangt zur Erkenntnis, dass das Schönste nicht unbedingt schön sein muss

Eine der angenehmen Nebenerscheinungen des Lebens in Italien ist, dass, wenn vielleicht auch nicht weniger getrunken, so doch weniger gesoffen wird.

Das bringt mit sich, dass in Lokalen zu später Stunde nicht überwiegend illuminierte Geistesgrößen anzufinden sind, die anwesende Frauen auf mehr oder weniger appetitliche Art anmachen, sondern auch Arbeiter, die nach Schichtende noch ein Glas Wein trinken oder Studenten, die eine Lernpause einlegen und sich mit Kaffee stärken. Leute, mit denen man auch um zwei Uhr morgens noch Gespräche führen kann.

Ich habe mir deshalb angewöhnt, ab und zu abends vor dem Schlafengehen noch einen Sprung in die Bar ums Eck zu gehen, ein Glas Merlot zu trinken, dazu ein paar Erdnüsse zu knabbern, und eine halbe Stunde mit den gerade Anwesenden am Tresen zu plaudern.

Unsere Unterhaltungen drehen sich um Belangloses. Die neueste Dummheit Umberto Bossis oder Silvio Berlusconis. Eine Restaurantneueröffnung in der Stadt. Das Kinoprogramm. Und Fußball. Früher oder später kommen wir meistens auf Fußball zu sprechen.

Vor einigen Tagen mäanderten wir – in diesem Fall: Renzo, der Barkeeper; Giorgio, der Eisenbahner; Paolo, der Psychologiestudent; und Laura, die Universitätsassistentin – von einer Äußerung des Papstes zur Abtreibung über die Golden-Globe-Verleihung und die richtige Art, Polenta zuzubereiten, auf verschlungenen Pfaden zum Thema Stadionarchitektur.

Renzo, ein Juventus-Fan, erzählte von seinem Besuch in der neuen Juventus-Arena und schwärmte von ihren Vorteilen gegenüber dem trostlosen Stadio delle Alpi, in dem Juventus die letzten Jahrzehnte die Heimspiele ausgetragen hatte. Laura schilderte, sie sei während eines Studienaufenthaltes in Heidelberg im Stadion der TSG Hoffenheim gewesen und halte seither architektonisch und atmosphärisch wenig von den Mode gewordenen Arenen, die auf Wiesen mit Autobahnanschluss stehen. Giorgio schwärmte von mitten in der Innenstadt erbauten englischen Stadien. Ich berichtete von der White Hart Lane mit ihren schmalen Eingängen und engen Stiegenaufgängen, und Paolo, der aus dem Friaul stammt, erläuterte die Trostlosigkeit alter Betonschüsseln wie des Stadio Friuli, in dem sein Heimatverein Udinese immer noch spielen muss.

Und dann stellte Renzo die Frage: Qual’è secondo voi lo stadio di calcio più bello del mondo?

Das Stadion unseres Lieblingsvereines müssten wir bei der Auswahl selbstverständlich ignorieren, der Objektivität halber.

Wir suchten mögliche Maßstäbe für die einigermaßen objektiven Beurteilung der Stadienschönheit, kamen aber zu keinem schlüssigen Ergebnis. Der Wein war inzwischen ausgetrunken, die Erdnüsse waren aufgegessen, und so verabschiedete ich mich und ging nach Hause, ohne die gestellte Frage beantwortet zu haben.

Daheim legte ich mich schlafen und dachte nicht mehr an Fußballstadien.  Bis zwei Tage später das Musikabspielgerät während meines Abendlaufes den Geist aufgab und ich gezwungen war, mich bei der Sportausübung von der Kraft meiner eigenen Gedanken antreiben zu lassen.

Ich suchte, vor mich hin trabend, zunächst wieder nach Kriterien, die ein Stadion schön machen könnten. Pittoreske Lage. Architektonische Avanciertheit. Stilistische Geschlossenheit. Komfort für den Besucher. Sie erschienen offensichtlich. Und vollkommen falsch, wenn ich an die Stadien dachte, die mir instinktiv überhaupt in Frage zu kommen schienen.

Das Stadion, für das ich mich entschieden hätte, wenn Renzo auf einer Antwort bestanden hätte, liegt in einem wenig vornehmen Randgebiet einer zentraleuropäischen Großstadt, zwischen mehr oder weniger heruntergekommenen Wohnsilos.

Einen bestimmten Stil kann man ihm nicht zuordnen, weil es im Verlauf seiner fast 90-jährigen Existenz so oft umgebaut, modifiziert, erweitert, ergänzt wurde, dass es objektiv gesehen eine architektonische Monstrosität sui generis wurde. Eigentlich eine mit nach unklaren Kriterien verteilten großen runden Betonpfeilern gestützte hohe, graue, Riesenkasserolle, an der oben an den Ecken rostrote Metallstreben befestigt sind, als ob sie das Heben der Schüssel vom Herd erleichtern sollen.

Und Komfort bietet es der Besucherin mit seinen steilen Stiegen, die schon das Erreichen des zugewiesenen Platzes zur heiklen Aufgabe machen, und den schmalen Plätzen ohne Beinfreiheit, wenig. Die Luftzirkulation in ihm ist so schlecht, dass schon vor Jahren ein Rauchverbot verordnet wurde, weil der Gestank sich von selbst nicht und nicht verzog.

Die Akustik ist allerdings für ein Fußballstadion, wohl aufgrund der steilen Tribünen, gut.

Schön im Sinne ästhetischer Perfektion ist am Stadio Giuseppe Meazza in Mailand, San Siro, also nichts.

Und dennoch: es gibt für mich kaum einen schöneren Anblick, als den, der sich an einem kalten November- oder Februarabend bietet, wenn man an der Piazza Axum aus dem Bus aussteigt, den Weg an der Pferderennbahn vorbei zu den erleuchteten Betonpfeilern in einem Strom singender Fans beschreitet, über den großen Stadionvorplatz an den gestikulierenden, schreienden Schwarzhändlern und den Vereinsdevotionalienverkäufern vorbei einen der Betonpfeiler betritt, die Rampe in ihm nach oben geht, durch die Betonöffnungen die Lichter der Pferderennbahn und der Stadt sieht, und oben, am Ende der Rampe angekommen, den Blick ins Stadioninnere wirft.

Über die steil abfallenden Tribünen nach unten auf die einlaufenden Spieler, während die Lautsprecheranlage die einfältige, schmierige, ergreifende Interhymne abspielt und zigtausend Leute mitgröhlen.

Mir vermittelt keine von Stararchitekten errichtete Arena und kein hübsch „historisch“ saniertes Stadion so gut wie dieser alte Betontopf an der Mailänder Peripherie die vielschichtige Schönheit des modernen Stadionerlebnisses, weil das Stadio Giuseppe Meazza die dem modernen Fußball inhärenten Widersprüche nicht versteckt, sondern sie offenlegt.

Das Spannungsverhältnis zwischen dem zunehmend gentrifizierten Publikum, das sich „Atmosphäre“ wünscht, die es selber nicht erzeugen kann, und den „Ultras“, die es fürchtet und gleichzeitig braucht, verdeutlicht schon ein Schwenk von der Haupttribüne zur Curva Nord.

Auch der Widerspruch zwischen der Loyalität der Fans zum als Organismus verstandenen „Verein“, dem Bedürfnis nach „Authentizität“, historischer Kontinuität und ihrem Wunsch, Stars in der Mannschaft zu sehen, um welchen Preis auch immer, und sei es den des Verkaufs der Identität, springt einer sofort ins Auge: Die „Ultras“ schwenken Fahnen mit den Bildern von Mazzola, Meazza, Herrera, Bergomi. Die unzähligen Werbetafeln wechseln alle 30 Sekunden ihre Botschaft. In den neu eingerichteten VIP-Bereichen halten Herren und Damen in Designerkleidung Champagnerkelche, während vor dem Tunnel, durch den schon Giacinto Facchetti  aus den Katakomben aufs Spielfeld gelangt ist, Fernsehkameras und Sponsorenschilder aufgebaut sind. Und der große Javier Zanetti, Inter-Spieler seit fast 20 Jahren, im Scheinwerferlicht Interviews gibt.

Vielleicht ist das im richtigen Leben auch so, rede ich mir ein, während ich, wieder zuhause, die Mütze abnehme und verschwitzt, mit zerstrubeltem Haar, in den Spiegel sehe. Und Schönheit hat manchmal gar nichts mit schön zu tun.

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