Frau Moosmann hat Mitleid mit Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff, die immer noch im Mittelalter lebt

Menschen im Mittelalter lebten in ständiger Angst. Angst vor Missernten, die Hungersnöte mit sich brachten. Angst vor Krankheiten, die unausweichlich zum Tod führten. Angst vor unabwendbaren Naturkatastrophen. Angst vor dem Fegefeuer, das als Strafe auch für die kleinste Verfehlung angedroht wurde. Und Angst vor Geistern, Gespenstern, und „Halbwesen“, die hinter jedem Baum, in jedem Gemäuer stecken und – so der Aberglaube – ohne sichtbar zu werden, verführen, gefährden, zerstören konnten.

Überall lauerten Bedrohungen, denen man sich hilflos ausgesetzt sah. Einziges Gegenmittel war das Gottvertrauen, die Hoffnung, dass ein allwissender, allmächtiger Gott es doch nicht zum Schlimmsten kommen lassen würde, wenn nicht schon auf der Erde, so doch wenigstens im Jenseits.

Ein Leben, das sich darum drehte, die von der ihn im Diesseits vertretenden Kirche aufgestellten Regeln möglichst genau zu befolgen, um diesen Gott gnädig zu stimmen, erschien mir immer schon wenig attraktiv.

Vielleicht, weil ich nie gut darin war, Regeln zu befolgen, und schon gar nicht, wenn ich diese Regeln nicht hinterfragen durfte. Noch mehr aber, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass Ängste die Handlungsoptionen einschränken. „Hate is an automatic response to fear, for fear humiliates“, sagt Graham Greene in „The Human Factor“. Je ängstlicher jemand ist, desto fremdbestimmter wird sein Leben.

Ich bin nicht gerne fremdbestimmt. Die meisten Leute sind das nicht.

Umso unglücklicher wirken auf mich die Personen, die auch heute ihr Leben noch von Ängsten leiten lassen. Die Handlungsfreiheit, Entscheidungsfreiheit nicht kennen, weil die Furcht sie zu einem bestimmten Verhalten zwingt. Und in ihnen, wie Greene sagt, letztendlich Abscheu, ja Hass erzeugt.

Personen, die also heute noch in der Geisteswelt des Mittelalters leben. Wie Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff, die in einer Rede im Dresdner Schauspielhaus (ich erspare mir, die unappetitlichsten und abstrusesten Aussagen zu zitieren) – „übertrieben“ nicht nur ein Onanieverbot für „weise“ hielt, sondern künstliche Befruchtung als „widerwärtig“ und Kinder, die auf diesem Weg entstanden sind, als „Halbwesen“, die ihre Abscheu erregten, bezeichnete.

Ich bin nicht gläubig. Aber mich hat der christliche Schriftsteller Graham Greene in seinen Werken gelehrt, dass nach den Grundsätzen des christlichen Glaubens kein Mensch Abscheu verdient, auch dann nicht, wenn er noch so große Fehler, ja Verbrechen begangen hat.  Jemand, der wie Lewitscharoff sogar Menschen, die ihr und anderen nichts getan haben, abscheulich findet, weil sie sich  durch ihren – hier christlichen – Aberglauben offenbar dazu gezwungen fühlt, diese Menschen zu fürchten, verdient Mitleid.

„Hate is a lack of imagination“, sagt Greene in seinem Roman „The Power and the Glory“.

Frau Lewitscharoff beweist mit ihren Aussagen nicht nur, dass sie in einer mittelalterlichen Welt des Aberglaubens, der Geisterwesen und der Furcht verhaftet ist, sie bricht damit auch die Grundsätze des Glaubens, den sie zu stützen vorgibt. Und sie beweist eine erschütternde Vorstellungsarmut. Keine guten Voraussetzungen für eine Schriftstellerin.

Arme Frau Lewitscharoff.