Frau Moosmann erinnert sich an eine Begegnung mit Tony Benn, bei der dieser eine Banane verspeiste

Vor einigen Wochen ist Tony Benn gestorben.

Er war ein Politiker aus einer anderen Zeit, aus einer anderen Welt. Ein Kriegsveteran und ehemaliger Minister, der mehr als ein halbes Jahrhundert lang Unterhausabgeordneter war. Vor allem aber: ein Sozialist aus Überzeugung (der dennoch nie die Labour Party verließ).

Ich habe ihn einmal getroffen.

Im Frühjahr 2003 besuchte ich in London die Schule und war damit beschäftigt, für den Geschichtsunterricht eine Projektarbeit über Winston Churchill vorzubereiten. Bei meinen „Recherchen“ hatte ich gerade gelesen, dass der Vater von Tony Benn als für Indien zuständiger Minister der Labour-Regierung 1929-31 in Konflikt mit Churchill geraten war, als Churchill erbittert gegen Autonomiebestrebungen der indischen Bevölkerung kämpfte.

Kurz danach wurde eine politische „Informationsveranstaltung“ zum bevorstehenden Irakkrieg im örtlichen Community Center beworben, an der, so die Ankündigung, auch Tony Benn teilnehmen würde. Naiv, wie ich war, dachte ich mir, ich könnte versuchen, Benn nach dieser Veranstaltung auf die Auseinandersetzung Churchills mit Vater Benn, dem späteren Viscount Stansgate, anzusprechen, um irgendetwas für mein Schulprojekt Verwertbares zu erfahren.

In dieser Hoffnung begab ich mich kurz vor dem angekündigten Veranstaltungsbeginn in das Community Center. Der Versammlungssaal war gut gefüllt, in erster Linie, wie mir schien, von organisierten Gruppen, die lautstark Antikriegs-Slogans skandierten.

Obwohl damals in den meisten Dingen noch ahnungsloser als heute, lehnte ich instinktiv – schon damals allerdings nicht als Pazifistin – eine Militärintervention im Irak ab. Die einförmigen Manifestationen im Saal strotzten aber vor dumpfer antiisraelischer Propaganda und erweckten deshalb meinen Widerwillen.

Ich fand einen Platz in einer der vorderen Reihen. Die Diskussion fing an. Bald stellte sich heraus, dass, wie so oft bei solchen Veranstaltungen, alle Diskussionsteilnehmer der gleichen Meinung waren und deshalb begannen, sich wechselseitig vorzuwerfen, die eigentlich unstrittige gemeinsame Position nicht glaubhaft genug zu vertreten.

Als ein Diskussionsteilnehmer begann, unwidersprochen antisemitische Verschwörungstheorien zu verbreiten, hob ich unsicher die Hand, in der Hoffnung, das Wort erteilt zu bekommen, um meinem Befremden Ausdruck zu verleihen.

Der Diskussionsleiter ignorierte mich, der “Experte” am Podium schwafelte weiter von „zionistischen Kriegstreibern“, und niemand fand sich bemüßigt, daran etwas zu ändern. Ich stand also auf und wollte den Saal verlassen, als auch Benn endlich das antisemitische Gerede zu viel zu werden schien und er den Diskussionsleiter bat, „antijüdische“ Statements zu unterbinden.

Benns Eingreifen zeigte Wirkung, der gerüffelte Anstisemit schwieg beleidigt, ich setzte mich wieder, und die Diskussion plätscherte ihrem vorhersehbaren Ende, an dem sich alle einig waren, dass die „amerikanischen Kriegstreiber“ gemeinsam bekämpft werden müssten, entgegen.

Nachdem die Diskussionsteilnehmer beklatscht worden und von ihren Plätzen aufgestanden waren, näherte ich mich Benn, der neben dem Podium Hof hielt.

Ich sprach ihn, als er in meine Richtung schaute, schüchtern an, ob ich ihm eine Frage zu Winston Churchill stellen dürfe, über den ich für die Schule eine Arbeit zu erstellen hätte.

Er nickte freundlich, bat mich, kurz auf ihn zu warten, und verschwand in einer Menschentraube. Nachdem er nach einer Viertelstunde nicht zurückgekehrt war, gab ich auf, schnorrte mir eine Zigarette und setzte mich auf die Stiege vor dem Community Center, um sie noch zu rauchen, bevor ich mich auf den Heimweg machte.

Als ich den Zigarettenstummel ausdämpfen wollte, bemerkte ich, dass sich von hinten jemand näherte. Ich drehte mich um und sah Tony Benn, der mich anlachte und sagte, er freue sich, dass er mich doch noch gefunden habe.

Dann setzte er sich neben mich, öffnete eine Tasche, entnahm ihr eine Banane, begann sie zu schälen und fragte mich, was ich denn wissen wolle. Ich war ein bisschen unsicher und verhaspelte mich nervös. Er bemerkte das, biss in die Banane und begann, um mir die Verlegenheit zu nehmen, selbst zu erzählen.

Wie er als junger Mann 1950 ins House of Commons gewählt worden sei, und dort plötzlich politischen Giganten wie Attlee, Bevan, Eden, Macmillan und Churchill gegenüber gestanden sei. Wie er in den 50er-Jahren versucht habe, eine parteiübergreifende Mehrheit für einen Gesetzesbeschluss zu finden, mit dem den Söhnen von „Hereditary Peers“ ermöglicht wurde, auf den erblichen Adelstitel zu verzichten, um nicht mit dem Tod ihres Vaters automatisch ihre Parlamentssitze zu verlieren, weil sie ins „House of Lords“ gezwungen wurden. Wie er irgendwann einmal, nachdem er gehört habe, dass Churchill nach seinem letzten Rücktritt als Premierminister 1955 einen Adelstitel abgelehnt habe, seinen Mut zusammengenommen habe und diesen um eine Unterredung gebeten habe, um sich um seine Unterstützung für das Gesetzesvorhaben zu bemühen. Wie er von Churchill erfahren habe, dass dieser ein „Dukedom“ abgelehnt habe, um seinem Sohn Randolph, einem politisch erfolglosen Tunichtgut, eine Parlamentskarriere nicht zu verunmöglichen.

Ich fragte ihn – wenig originell – wie Churchill denn gewesen sei. Er sagte, er habe in seinem langen Leben niemand Vergleichbaren getroffen. Und: „He saved us in 1940. And he was never petty.“ (Über die Auseinandersetzung seines Vaters mit Churchill Anfang der 30er-Jahre konnte er nichts sagen, außer, dass er finde, dass Churchill sich in der Indienfrage, wohl in romantischer Verklärung seiner Zeit als subalterner Offizier auf dem Subkontinent zur Jahrhundertwende, vollkommen verrannt habe.)

Er erkundigte sich noch ein wenig nach meiner Herkunft und meiner Schule. Wir plauderten, als eine ärmlich gekleidete ältere Frau an uns vorbei die Stiege passieren wollte. Sie erkannte Benn und begann, auf ihn einzureden. Ob er ihr nicht helfen könne, sie habe Probleme mit dem Council. Ich stand auf, bedankte mich bei Benn, der mir auch höflich die Hand schüttelte, und begab mich noch einmal zurück ins Community Center, um vor dem Heimweg das WC aufzusuchen. Als ich am Rückweg vom Klo die Stiege wieder passierte, saß Benn immer noch dort, die ältere Frau neben sich, mit ihr ins Gespräch vertieft.

Ich könnte jetzt versuchen, darzustellen, in wie vielen Sachfragen ich anderer Meinung war als Tony Benn. Oder zu erläutern, in welchen Punkten ich mit ihm inhaltlich übereinstimmte. Ich glaube aber nicht, dass Tony Benn als weitblickender politischer Denker in Erinnerung bleiben wird. Sondern durch seine umfangreichen Tagebücher als Chronist einer Ära. Und als Politiker, der sich für die Menschen und ihr Leben interessierte. Wenn man mich fragen würde, wie er denn gewesen sei, meiner Wahrnehmung nach, würde ich sagen: „He was no phony.“

P.S.: Alle Benn-Zitate, die ich in meiner Arbeit verwendete, wurden vom Lehrer als Fehler gewertet. “Not adequately sourced.”