Frau Moosmann begibt sich mit einem Erotikcomic in die Formatradiohölle und wundert sich, dass Porno wirkt

by lisimoosmann

Viele Frauen, heißt es, gehen gerne zum Frisör.

Ich gehöre nicht zu diesen Frauen. Aus vielen Gründen. Ich werde nicht gerne stundenlang zwangsimmobilisiert. Ich mag es nicht, formatradiobeschallt zu werden. Ich habe eine Abneigung gegen die einfältige Formatradiomusik.

Ich mag die aufgedreht-lustig daherbrabbelnden Formatradiomoderatoren mit ihren dummen Formatradiogewinnspielen nicht. Und ich schätze auch die Formatradiohörer, die beim Formatradio anrufen, um ihre formatradiohörenden Freunde mit Formatradiomusik zu grüßen, oder ihre formatradiokompatiblen Weisheiten zu formatradiotypischen Diskussionsthemen abzusondern, nicht besonders. Vor allem aber: mich widert Lifestyle-Smalltalk an.

Da Frisörsalons nicht nur gesetzlich verpflichtet sein dürften, als Formatradioabspielstationen zu wirken, sondern die in ihnen tätigen Dienstleister auch dem Gebot zu unterliegen scheinen, ohne Pause auf ihre Kunden einzureden, meide ich sie, so lange es geht.

Aber dennoch: alle paar Wochen gibt es den Moment, an dem der morgendliche Blick in den Spiegel keinen anderen Ausweg mehr ermöglicht.

Als dieser Moment wieder einmal gekommen ist, sitze ich mit einem Bekannten beim Vormittagskaffee und klage ihm mein Schicksal.

Er schaut verständnisvoll, nickt, geht zu seinem Schreibtisch, öffnet die Schublade, holt eine Zeitschrift heraus und übergibt sie mir. Ich solle darin blättern, während ich im Frisörsalon bearbeitet würde, das werde nicht nur mich ablenken, sondern auch das anwesende Personal zum Verstummen bringen. Er handhabe das schon länger so, und genieße dadurch ungestörte Haarschnitte.

Ich nehme das Heft, schaue es an und sehe, dass es sich um einen Erotikcomic handelt.

Oh well, whatever, nevermind, denke ich mir und stecke das Heft in meinen Rucksack. Wir plaudern noch ein wenig, und ich mache mich auf, das Unvermeidliche zu erdulden.

Und so sitze ich kurz darauf mit nassen Haaren, in einen lächerlichen Latz gehüllt, auf einem Frauenarztstuhl ohne Fußstütze und leide. Happiness soll wohl eine warme Pistole sein, mit der auf das „Happy“ dudelnde Radio geschossen wurde, denke ich mir, und lasse einen Lehrling an meinen Haaren herumzerren. Und als „Happy“ endlich auch ohne gewaltsames Einschreiten verklungen ist, beginnt der sehr fröhliche Formatradiomoderator über das mutmaßliche Liebesleben Mario Balotellis zu plaudern und ruft die Formatradiohörer auf, dazu ihre persönlichen Einschätzungen dazu öffentlich zu verbreiten. Als mich dann der Friseurlehrling nach meiner Meinung zur Ernsthaftigkeit der Heiratsabsichten Herrn Balotellis befragt und sich durch mein uninteressiertes Grunzen nicht davon abhalten lässt, seine eigene Meinung zu dieser bedeutenden Problematik kundzutun, erinnere ich mich an das Sexjournal. Ich ersuche den Lehrling, mich kurz zu entschuldigen, stehe auf, gehe zu meinem Rucksack, hole das Heft, setzte mich wieder auf den Folterstuhl und beginne mit großer Geste zu lesen.

Der Lehrling schnattert munter weiter, bis er bemerkt, dass ich Zeichnungen kopulierender Menschen eingehend betrachte. Dann verstummt er.

Ich überprüfe sicherheitshalber nicht, ob sein Schweigen moralischer Entrüstung oder gesteigerter Aufmerksamkeit geschuldet ist, und blättere den Pornocomic durch. Er enthält Geschichten, in denen dreibrüstige Frauen von Außerirdischen im Circus Maximus gevögelt werden und in denen breithintrige Hexen von Faunen penetriert werden. Dazu kommen einige Varianten von lesbischem Oralsex zur Ergötzung hinter löchrigen Vorhängen verborgener glatzköpfiger Spanner und als Abschluss: eine hübsche Geschichte aus dem Hochadel, in der die Pferdeliebe einer Gräfin ihre Krönung in der fleischlichen Vereinigung mit einem Apfelschimmel, der den schönen Namen „Fulmine“ trägt, findet.

Alles zwar eher skurril als erotisch, und alle meine Vorurteile gegenüber Pornographie, aber eben auch die Einschätzung meines Bekannten, bestätigend: vom Formatradio ablenkend und die Umwelt zum Verstummen bringend.

Die gesamte weitere Prozedur, schneiden, färben, trocknen, wird nun vom Personal mit geschäftsmäßiger Zackigkeit abgewickelt, ohne, dass ich mich irgendeiner Ansprache ausgesetzt sähe.

Wenn ich mich konzentriere, bemerke ich zwar geheimnisvolles Tuscheln im Hintergrund, das aber keinerlei Störungsintensität entwickelt, sondern eher eine angenehm einschläfernde Geräuschkulisse, vergleichbar einem vorbeiplätschernden Bach, erzeugt, und mich dazu bringt, eine Zeit lang trotz des Formatradiogeplärres meine Augen meditativ zu schließen, bis ich durch Verrichtungen an meinem Kopf aus dem Halbschlaf gezerrt werde.

Als ich nach Abschluß des Föhnens und der üblichen Bespiegelung mein Heftchen zusammenrolle und mich damit zum Bezahlen an die Kasse begebe, bemerke ich, dass mir von allen Seiten interessierte Blicke zugeworfen werden.

Die Frisur scheint also objektiv einigermaßen gelungen zu sein und alles war halb so wild, denke ich mir zufrieden, und zeige mich beim Trinkgeld besonders großzügig.

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