I guess I´ll have to do it while I´m here

Intellektuell inkonsistent

Month: August, 2014

Hey, that’s no way to say goodbye

I don’t mean to suggest
that I loved you the best.
I can’t keep track of each fallen robin.

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Frau Moosmann testet, wie es sich anfühlt, wenn man als Ahnungslose Empfehlungen abgibt

Im vergangenen Jahr, das ich in Italien verbracht habe, wurde ich einige Male von deutschsprachigen Bekannten gefragt, welche Werke der italienischen Literatur ich zur Lektüre empfehlen würde.

Ich gestehe freimütig zu, dass mir jede Qualifikation zur fundierten Beantwortung dieser Frage fehlt, und versuche, trotz mangelnder Kompetenz einige Bücher vorzuschlagen, die nichts repräsentieren außer meinen – auf sehr beschränkten Kenntnissen beruhenden – Idiosynkrasien.

Um den Rahmen eines Blogposts nicht zu sprengen, habe ich mich entschieden, die Auswahl auf elf Bücher zu beschränken und jede Autorin/jeden Autor, so schwer es mir bei manchen auch fiel, nur einmal zu erwähnen.

Schriftsteller wie Dante, Marco Polo, Boccaccio oder Machiavelli, die unstrittigerweise bedeutend und auch immer noch interessant sind, aber wohl kaum noch mehr als quergelesen werden, fielen unter den Tisch. Meine Auswahl, chronologisch geordnet:

 

Alessandro Manzoni, Die Brautleute (I promessi sposi)

„La ragione e il torto non si dividon mai con un taglio così netto, che ogni parte abbia soltanto dell’una o dell’altro.“ (Recht und Unrecht lassen sich nie mit einem so sauberen Schnitt durchtrennen, dass jeder Teil nur das eine oder das andere enthält.)

Der erste moderne italienische Roman. Vielleicht überhaupt einer der ersten moderne Romane. Voller essayistischer Einschübe, anschaulicher Beschreibungen und Perspektivenwechsel. Ein Vergleich mit Sir Walter Scott oder anderen Zeitgenossen zeigt, wie weit Manzoni seiner Zeit auch stilistisch voraus war. Durch seine spätere Überarbeitung des Buches in florentinischem Dialekt leistete Manzoni einen wichtigen Beitrag zur Ausbildung einer italienischen Hochsprache, weshalb das Buch italienische Schullehrpläne immer noch dominiert. Um Umberto Ecos Diktum über den Roman leicht abzuwandeln: Ich mag ihn sehr, weil ich das Glück hatte, nicht mit ihm in der Schule gequält zu werden.

 

Giacomo Leopardi, Gedanken (Zibaldone di Pensieri)

“Il piacere è sempre o passato o futuro, non mai presente.” (Vergnügen ist immer vergangen oder zukünftig, nie gegenwärtig).

Ich kann den oft zu hörenden Vergleich mit Montaigne nicht nachvollziehen. Niemand könnte diesem Vergleich standhalten, auch nicht Leopardi.

Der „Zibaldone“ (das Sammelsurium) ist, scheint mir, eher in manchem Nietzsches „Wille zur Macht“ ähnlicher, als es von der Einmaligkeit ihres Helden überzeugte Nietzscheaner wahrhaben wollen. Vor allem ist er aber eine Sammlung von interessanten Gedanken und Aphorismen, die sich ihrer Widersprüchlichkeit bewusst zu sein scheinen. Leopardi erblickt in der Suche nach einer objektiven, wissenschaftlichen „Wahrheit“ die Hauptursache für den Nihilismus, den er für zivilisationszerstörend hielt. Und macht sich selbst mit den Mitteln von Wissenschaft und Logik auf die Wahrheitssuche, die ihn am Ende zum – unerwünschten – Schluss führt, dass alles, was ist (einschließlich all dessen, das „Geist“ oder „Seele“ genannt wird), Materie ist. Und nichts absolut. Außer dem Schicksal des Menschen, unglücklich sein zu müssen.

 

Giovanni Verga, Rosso Malpelo

“Malpelo si chiamava così perché aveva i capelli rossi; ed aveva i capelli rossi perché era un ragazzo malizioso e cattivo, che prometteva di riescire un fior di birbone.” (Malpelo wurde so genannt, weil er rote Haare hatte, und er hatte rote Haare, weil er ein boshafter und schlechter Junge war, bei dem sich abzeichnete, dass er ein Schurke werden würde.)

Giovanni Verga, einer der Hauptvertreter des Verismo, Librettist der Oper „Cavalleria Rusticana“, hat zumindest einen auch heute noch gut lesbaren Roman, „I Malavoglia“, geschrieben. Als sein eindrücklichstes Werk erscheint mir aber die Novelle „Rosso Malpelo“, die Tim Parks hier besser beschreibt, als ich es je könnte.

 

Italo Svevo, Zenos Gewissen (La coscienza di Zeno)

“Naturalmente io non sono un ingenuo e scuso il dottore di vedere nella mia vita stessa una manifestazione di malattia. La vita somiglia un poco alla malattia come procede per crisi e lisi ed ha i giornalieri miglioramenti e peggioramenti. A differenza delle altre malattie la vita è sempre mortale. Non sopporta cure.” (Natürlich bin ich nicht naiv und verzeihe dem Doktor, dass er in meinem Leben eine Manifestation einer Krankheit sieht. Das Leben gleicht ein wenig einer Krankheit, so wie es von Krise zu Chance verläuft und täglich Verbesserungen und Verschlechterungen kennt. Im Unterschied zu den anderen Krankheiten ist das Leben aber immer tödlich. Es erlaubt keine Behandlung.)

Coscienza bedeutet Gewissen. Die deutsche Übersetzung “Zenos Gewissen” ist also nicht falsch.

Sie ist aber auch nicht richtig, weil sie unterschlägt – unterschlagen muss -, dass coscienza auch Bewusstsein heißt. Und sie kann daher schon im Titel die Doppelbödigkeit von Svevos Roman nicht vollständig vermitteln. Der Bedeutungsverlust durch die Übersetzung ist bei Svevos Hauptwerk wahrscheinlich nicht größer als bei den meisten Büchern. Er wiegt aber besonders schwer, weil das, was verlorengeht, einem der interessantesten Bücher der Moderne fehlt, das, wie Jane Smiley darlegt, den Bogen zwischen Boccaccio und James Joyce spannt. Ein Lieblingsbuch.

 

Emilio Lussu, Ein Jahr auf der Hochebene (Un anno sul altipiano)

“Fare la guerra è una cosa, uccidere un uomo è un’altra cosa.” (Krieg zu führen ist eine Sache, einen Menschen zu töten eine andere.)

Was mir zu diesem Buch einfällt, habe ich hier darzustellen versucht.

 

Giuseppe Tomasi di Lampedusa, Der Leopard (Il gattopardo)

“Se vogliamo che tutto rimanga come è, bisogna che tutto cambi.” (Wenn wir wollen, dass alles so bleibt wie es ist, muss sich alles ändern.)

Ein langsamer, lyrischer Roman aus dem 19. Jahrhundert, der in der Mitte des 20. Jahrhunderts geschrieben wurde. Ein ironisch-melancholischer Abgesang, weniger auf das, was war, als auf das, was vielleicht sein hätte können. One of a kind.

 

Natalia Ginzburg, Familienlexikon (Lessico famigliare)

“Mio padre aveva fatto una volta un comizio, in quegli anni. Gli avevano chiesto di mettere il suo nome nella lista dei candidati al Fronte popolare … Lui aveva accettato. Gli avevano detto che doveva fare almeno un comizio, uno solo. Lo invitarono a dire quello che gli pareva. Lo condussero in un teatro, lo fecero salire sul palco: e mio padre cominci il suo comizio con queste parole: “La scienza è la ricerca della verità”. Non parlò che della scienza, per una ventina di minuti: e la gente taceva, stupita. Disse, a un certo punto, che le ricerche scientifiche erano, in America, più progredite che in Russia. La gente, sempre piu disorientata, taceva. Tuttavia nominò a un tratto, incidentalmente, Mussolini, che lui usava chiamare l’asino di Predappio. Scoppiò allora un fragoroso applauso: e mio padre si guardò attorno stupito, disorientato a sua volta. E questo fu il comizio di mio padre.” (Auch mein Vater hat einmal in diesen Jahren eine Rede gehalten. Er war gebeten worden, seinen Namen auf die Liste der Volksfrontkandidaten zu setzen. (…) Er hat zugesagt. Man bat ihn, wenigstens einmal eine Rede zu halten, nur ein einziges Mal zu sagen, was er für richtig halte. Man führte ihn in ein Theater, stellte ihn auf eine Bühne. Und mein Vater begann seine Rede mit den Worten: “Die Wissenschaft ist die Suche nach der Wahrheit.” Er sprach zwanzig Minuten nur von der Wissenschaft. Die Leute schwiegen erstaunt. An einer gewissen Stelle erklärte er, dass die Wissenschaft in Amerika weiter fortgeschritten sei als in Russland. Die Leute schwiegen immer verwirrter. Bis er plötzlich und eher zufällig Mussolini erwähnte, den er als Esel von Predappio zu bezeichnen pflegte. Da brach ein stürmischer Applaus los, und mein Vater schaute nun verwirrt und erstaunt um sich. Das war die Wahlrede meines Vaters.)

Die Ginzburg ist meine Lieblingsschriftstellerin. Alles, was sie geschrieben hat, ist lesenswert. Familienlexikon erzählt ironisch und unsentimental die Geschichte ihrer Familie vom Ende des Ersten Weltkrieg bis zu Beginn der 50er-Jahre anhand von Gewohnheiten, (oft skurrilen) Verhaltensweisen und – vor allem sprachlichen – Eigenheiten.

Es ist ihr zugänglichstes Werk. Wer Walter Kempowskis Deutsche Chronik oder Proust mag, wird „Familienlexikon” lieben. Wer nicht: auch.

 

Ignazio Silone, Fontamara

“Il primo di giugno dell´anno scorso Fontamara rimase per la prima volta senza illuminazione elletrica. (…) Che fare? Dopo tante pene e tanti lutti, tante lacrime e tante piaghe, tanto odio, tante ingiustizie e tanta disperazione, che fare?” (Am ersten Juni des vergangenen Jahres blieb Fontamara das erste Mal ohne elektrische Beleuchtung. (…) Was tun? Nach so vielen Strafen, so vielen Kämpfen, nach so vielen Tränen und so vielen Leiden, nach so viel Hass, so viel Verzweiflung und so viel Ungerechtigkeit, was tun?)

Der Autor Silone, „Christ ohne Kirche, Sozialist ohne Partei“, vom Kommunisten zum Demokraten Gewandelter, ist einer der ideologisch umstrittensten Schriftsteller Italiens. Fontamara, die Geschichte einiger Bewohner eines fiktiven Abbruzzendorf in der Zeit des aufkeimenden Faschismus, ist das Beste seiner guten Bücher.

Wie er in einem anderen Buch ausführt: „Freiheit ist die Möglichkeit, zu zweifeln, die Möglichkeit, zu scheitern, die Möglichkeit zu suchen, zu experimentieren, die Möglichkeit, jeder Autorität gegenüber, sei sie literarisch, künstlerisch, philosophisch, religiös, sozial oder auch politisch, nein zu sagen.“

 

Primo Levi, Ist das ein Mensch? (Se questo è un uomo)

“A molti, individui o popoli, può accadere di ritenere, più o meno consapevolmente, che „ogni straniero ènemico“. Per lo più questa convinzione giace in fondo agli animi come una infezione latente; si manifesta solo in atti saltuari e incoordinati, e non sta all’origine di un sistema di pensiero. Ma quando questo avviene, quando il dogma inespresso diventa premessa maggiore di un sillogismo, allora, al termine della catena, sta il Lager. Esso è il prodotto di una concezione del mondo portata alle sue conseguenze con rigorosa coerenza: finché la concezione sussiste, le conseguenze ci minacciano. La storia dei campi di distruzione dovrebbe venire intesa da tutti come un sinistro segnale di pericolo.” (Viele von uns, Einzelne oder Völker, unterliegen der bewussten oder unbewussten Vorstellung ‚Jeder Fremde ist ein Feind’. Meistens liegt diese Überzeugung am Boden der Gemüter wie eine latente Infektion; sie manifestiert sich nur in vereinzelten, nicht unkoordinierten Handlungen und bildet kein Gedankensystem. Doch wenn es dazu kommt, dass das unausgesprochene Dogma in den Rang einer wichtigen Prämisse eines Syllogismus erhoben wird, dann steht am Ende des logischen Prozesses das Lager. Das heißt, das Ergebnis einer mit rigoroser Kohärenz bis zu ihren äußersten Folgen getriebenen Weltsicht: so lange es diese Sicht gibt, bedrohen uns diese Konsequenzen. Möge die Geschichte der Vernichtungslager uns allen wie ein Unheil verkündendes Alarmsignal klingen.)

Eines der wichtigsten Bücher des 20. Jahrhunderts.

 

Italo Calvino, Die argentinische Ameise (La formica argentina)

“Noi non sapevamo delle formiche quando venimmo a stabilirci qui.” (Als wir hier herzogen, wussten wir noch nichts von den Ameisen.)

Ein Prosastück Italo Calvinos aus seinem Gesamtwerk hervorzuheben ist, wie EIN Foto von André Kertész oder EINEN Essay von Natalie Zemon Davis oder EINEN Track des Wu-Tang Clan auszusuchen: eigentlich unmöglich. So eine Auswahl kann nur aus dem Bauch heraus getroffen werden. Also: Die Novelle „Die argentinische Ameise.“

Weil: wie Gore Vidal zutreffend sagt: „Calvino’s first sentence is rather better than God’s “in the beginning was the word.” Und alle weiteren Sätze dem ersten Satz nicht nachstehen.

 

Elsa Morante, La storia

“Non troppe novità, nel gran mondo. Come già tutti i secoli e millennii che l’hanno preceduto sulla terra, anche il nuovo secolo si regola sul noto principio immobile della dinamica storica: agli uni il potere, e agli altri la servitù.” (Nicht viele Neuigkeiten auf der großen, weiten Welt. Wie in allen Jahrhunderten und Jahrtausenden zuvor, regelt sich auch im neuen Jahrhundert alles nach dem bekannten unbeweglichen Prinzip der dynamischen Geschichte: den einen die Macht, den anderen die Knechtschaft.)

Natalia Ginzburg hat Morantes „La Storia“ den schönsten Roman des 20. Jahrhunderts genannt, aller Kritik an der „ideologischen“ Unschuld (oder, wie ihr vorgeworfen wurde: am naiven Fatalismus) der gefühlvollen Erzählung, die in unsentimentaler Sprache die Geschichte der Halbjüdin Ida Ramundo und ihrer Söhne Nino und Useppe in den Jahren 1941-47 mit den historischen Ereignissen verknüpft, zum Trotz. Wer bin ich, der großen Ginzburg zu widersprechen?

(Die Übersetzungen, die ich, weil mir keine deutschen Übersetzungen der erwähnten Bücher vorlagen, selbst zusammengeschustert habe, bitte ich zu entschuldigen.)