I guess I´ll have to do it while I´m here

Intellektuell inkonsistent

Month: September, 2014

On the beach oder: Pornographie im 21. Jahrhundert

Vor einiger Zeit wurde mir erzählt, der Schriftsteller Paul Theroux vertrete die These, dass die Pornographie eines Landes ein wichtiger Indikator für die dort vorherrschende Befindlichkeit sei.

Auf der Suche nach einer Ausrede, die den Konsum anspruchsarmer Strandlektüre rechtfertigen könnte, erinnerte ich mich an diese Aussage und fasste den Entschluss, mich in den Dienst der Wissenschaft zu stellen und sie zu falsifizieren. Durch Lektüre pornographische Romane aus den Ländern, in denen ich über längere Zeiträume gelebt habe. Ich war mir sicher: die Bücher würden mir keinerlei Einblicke in die gesellschaftlichen Zustände der Länder, aus denen ihre Autoren kamen, bieten. Aber hoffentlich einige in die Abgründe mir bisher unbekannter erotischer Spielarten.

Um bei der Auswahl der Bücher eine gewisse Zufälligkeit zu gewährleisten, bat ich Freundinnen aus dem deutschen, italienischen und englischen Sprachraum um Empfehlungen. Vorgabe war, dass das empfohlene Werk vor nicht allzu langer Zeit erschienen war (weil ich der Gnade der späten Geburt wegen keine Rückschlüsse auf die 80er-Jahre ziehen konnte) und möglichst von einer Frau verfasst sein sollte (weil ich keine Lust verspürte, mich mit männlichen Dominanzphantasien auseinanderzusetzen).

Ich bat meine Ratgeberinnen allerdings auch, Fantasygeschichten zu meiden, da mir jede Neigung fehlte, Näheres über sexuelle Interaktionen zwischen Fabelwesen zu erfahren.

Schnell bekam ich drei Empfehlungen: „Joni´s submissive Journey“ (Autorin Mimi LaRouge); „Die Entdeckung der Schwerkraft“ (Autorin Laura V.) und Io ti guardo (Autorin Irene Cao).

Und begann, am Strand zu lesen. Weil ich in Italien war, mit dem italienischen Roman.

Über Elena, eine venezianische Restauratorin von erhabener Schönheit und vergeistigter Unschuld, die sich von Leonardo, einem Meisterkoch extraordinaire, der elegante Männlichkeit in Perfektion ausstrahlt, verführen lässt. Leonardo lehrt sie alles, was es über die körperliche Liebe zu wissen gilt. Aber erst, nachdem sie ihm zusagt, sich nie in ihn zu verlieben.

Es kommt, wie es kommen muss. Mehr oder weniger ausgefallene Turnübungen, gut verteilt auf die pittoreskesten Plätze der Serenissima, die nicht ohne Flair, aber sehr blumig, geschildert werden, führen zum Unvermeidlichen: aus körperlichem Verlangen entwickelt sich eine Amour Fou, die Leonardo dadurch beendet, dass er plötzlich verschwindet. Und dann beginnt die Suche, die in einem Schluss endet, der – sollte das geneigte Publikum danach lechzen – Fortsetzungen leicht ermöglichen würde.

Alles in allem ein leidlich gut geschriebenes Buch, das sich nicht nur von Sexualakt zu Sexualakt hantelt, sondern zumindest den Versuch macht, eine einigermaßen plausible Handlung zu konstruieren und den Hauptcharaktere Eigenleben zu verleihen. Das aber unter zwei großen Fehlern leidet, die auch in der italienischen Gesellschaft eine gewisse Verbreitung finden: einem veralteten Geschlechterbild und einer Neigung zur hochtrabenden Abstraktion.

Leonardo, der Mann, lehrt und bestimmt. Elena, die Frau, lernt und bewundert. Und das, was geschieht und geschildert wird, zeichnet sich mehr durch nebulöse Erhabenheit als durch Anschaulichkeit und Nachvollziehbarkeit aus. Sexuelle Handlungen bewirken hier immer: das Erbeben des Körpers, den Vulkanausbruch der Lust, die Apotheose der Leidenschaft. Was sich konkret in der Vagina ereignet, bleibt ebenso unbeschrieben wie die Körperteile, deren Einsatz die metaphorischen Naturkatastrophen verursacht. Ein Außerirdischer, der dieses Buch läse, wäre am Ende weder in der Lage, zu beschreiben, wie Menschen konkret aussehen, noch wie der menschliche Sexualakt tatsächlich abläuft.

„Joni´s submissive Journey“ erreicht das bescheidene Niveau von Io ti guardo“ nicht annähernd. Das ganze Buch ist eine hingeschluderte Altherrendominanzphantasie, die es kaum vorstellbar erscheinen lässt, dass der Autor tatsächlich – wie angegeben – eine Frau ist. „Erzählt“ wird – im schalen  Kielwasser von „Fifty Shades of Grey“ dahintümpelnd – die Unterwerfung Jonis unter den Willen ihres Meisters John (bereits die Namenswahl ist so originell wie das gesamte Oeuvre) und dessen abstruse Phantasien. Allein die Beschreibungen der angeblichen Wahrnehmungen Jonis bei den diversen Sexualakten sind so hanebüchen, dass sie einen kurzen Moment lang, bevor man das Werk geekelt zur Seite legt, nein: nicht erregen. Aber belustigen.

Immer wieder leicht abgewandelte Sätze wie „…with a cock in her mouth, a dick in her ass and the other end of a double dildo in her pussy that was plunging in and out of a beautiful little doll whose clit was rubbing against Joni´s, driving her crazy…” sind Musterbeispiele für perfekte Ausgeburten stupider Einfalt. Entgegen der Ankündigung auf dem Klappentext wird auch der Reiz von BDSM-Praktiken nicht plausibel gemacht, sondern es werden die dümmsten Diffamierungen, die sich ein Piusbruder dazu ausdenken könnte, verbalisiert. Das Buch ist schlicht: misogyner Dreck. Selbst ein Großkritiker der angelsächsischen Welt wie Jakob Augstein müsste wohl zugestehen, dass dieses unsägliche Machwerk nichts repräsentiert außer die Dumm- und Verkommenheit seines Autors.

Ich schritt also entmutigt zum deutschen Erotikroman und stellte überrascht fest:

„Die Entdeckung der Schwerkraft“ ist nicht nur das mit Abstand am besten geschriebene der drei gelesenen Bücher. Sondern es enthält auch zumindest zwei sehr plastische Charaktere, Isabella und Alexandra, die sich – spoiler alert – unter lebensnah beschriebener Verwendung mir teilweise bisher unbekannter Hilfsmittel wechselseitig zuerst an- und dann ausziehen. Dazwischen wird die Geschichte durch essayistische Einschübe – etwa über den englischen Schriftsteller Trollope, die Verhandlungstaktik Andrej Gromykos und George Gershwins Interpretationskünste – aufgelockert. Besonders gut gelungen erscheinen mir einige humoristische Erotikszenen, in denen eitle Männer, die sich für Meisterwerke der Schöpfung halten, von Frauen auf ihre – etwa der Länge ihres unerigierten Penis entsprechende – tatsächliche Größe zurechtgestutzt werden. Vor allem aber ist es ein überwiegend aus Frauensicht geschriebenes, die weiblichen Erotikwahrnehmungen realitätsnah wiedergebendes, Buch, das unterhält und manchmal wirklich Lust macht.

Was immer das über den Zustand Deutschlands aussagt.

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Frau Moosmann trifft den Erzbischof von Banterbury und wird ausfällig

Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass Menschen den Drang verspüren, andere zu beeindrucken.  

Manche versuchen, durch ihren Körper und ihr Aussehen aufzufallen. Andere durch ihr Wissen und ihren Esprit. Wieder andere durch Witz und Charme. Und viele durch eine Kombination aus all dem.

Gegen diesen Drang ist nichts einzuwenden. Er sorgt dafür, dass wir uns anstrengen. Anstrengen, möglichst gut auszusehen. Anstrengen, möglichst kenntnis- und geistreich zu wirken. Und er spornt uns an, Dinge zu tun und uns Dinge anzueignen, die es uns erleichtern, so zu wirken, wie wir es uns wünschen.

Man könnte argumentieren, dass dieser Drang eine Antriebskraft der Zivilisation ist. Wenn wir uns bemühen, schöner, witziger, schlauer zu wirken, werden wir oft auch schöner, witziger und schlauer.

Das kann in Einzelfällen kontraproduktiv sein und einstudiert oder sogar lächerlich erscheinen. Aber grundsätzlich gilt: wer von anderen positiv wahrgenommen werden will, gibt sich Mühe, seine Schattenseiten zu verbergen. Weshalb eine wie ich, die diesem Drang folgend oft selbst unfreiwillig komisch gewirkt haben muss, und sich ihr Selbstbewusstsein im Glanze der Nachsicht anderer bewahrt hat, hoffentlich nie jemanden für ein sein Bemühen, besser zu scheinen, als zu sein (sei dieses vielleicht auch objektiv noch so missglückt), kritisieren wird.

Demgegenüber beabsichtige ich, all meine Kritikfähigkeit einer – vor allem bei jungen Männern – verstärkt zu beobachtenden Aberration dieses Dranges zu widmen: dem „Banter“.

„Banter“ wird – nicht nur in Großbritannien – jene oberflächliche Witzelei genannt, die jedes ernsthafte Gespräch dadurch verunmöglicht, dass sie anstrebt, mit allen Mitteln die Aufmerksamkeit vom Gesprächsthema – was immer das sein mag – auf den Gesprächspartner zu lenken.

Im „Banter“ wird nichts ernst genommen, alles ist „fair game“, und jedes noch so kindische Mittel recht, um „Punkte zu machen“ (die dann gerne noch selbst belacht, zustimmend kommentiert und dem eigenen Konto zugeschrieben werden).

Vor allem aber versucht man mit „Banter“ nicht, dadurch Eindruck zu erzielen, dass man sich von seiner besten Seite präsentiert. Sondern dadurch, dass man den „Mut“ hat, sich von der schlechtesten Seite darzustellen.

Vom expressiven Bewerben der eigenen Flatulenzen („Smells like teen spirit, bantabulous!“) über die Verächtlichmachung des Gesprächspartners („You look like a big turd, banteriffic!“) und die Glorifizierung der eigenen und fremder Geschlechtsteile bis hin zu offenem Sexismus und  Rassismus, oft nur eines idiotischen Wortwitzes willen. Alles, um sich in den Mittelpunkt zu stellen und zum „Bantersaurus Rex“ (Selbstbezeichnung!) zu werden. Und alles natürlich nur im Spaß, nicht böse gemeint. Sondern top, top bantz, an dem sich höchstens humorlose Spießerinnen, wie ich es eine bin, nicht erfreuen.

Als ich vor einigen Tagen in England eine neue Arbeitsstelle antrat, stellte sich mir ein im gleichen Stockwerk beschäftigter junger Mann grinsend als „Archbishop of Banterbury“ vor und teilte mir – auf meine Brüste deutend mit – er lebe gesund, weshalb er gerne Äpfel konsumiere, aber – und dabei setzte er mit einem Augenzwinkern an, meinen Hintern zu tätscheln – auch Melonen nicht verachte.

Ich brachte ihm gegenüber in der erforderlichen Deutlichkeit, aber gerade noch gewaltlos, zum Ausdruck, dass ich weder ihn noch seine Äußerungen zu tolerieren geneigt war, worauf er mir fast ein wenig verstört erklärte, er habe doch nur die Atmosphäre durch etwas „Banter“ auflockern wollen. Dann verabschiedete er sich, mir vorwurfsvoll zurufend: „Can´t you take a joke?“

Mir fiel darauf keine bantastischere Antwort ein als: „I could. But I won´t.“