On the beach oder: Pornographie im 21. Jahrhundert

by lisimoosmann

Vor einiger Zeit wurde mir erzählt, der Schriftsteller Paul Theroux vertrete die These, dass die Pornographie eines Landes ein wichtiger Indikator für die dort vorherrschende Befindlichkeit sei.

Auf der Suche nach einer Ausrede, die den Konsum anspruchsarmer Strandlektüre rechtfertigen könnte, erinnerte ich mich an diese Aussage und fasste den Entschluss, mich in den Dienst der Wissenschaft zu stellen und sie zu falsifizieren. Durch Lektüre pornographische Romane aus den Ländern, in denen ich über längere Zeiträume gelebt habe. Ich war mir sicher: die Bücher würden mir keinerlei Einblicke in die gesellschaftlichen Zustände der Länder, aus denen ihre Autoren kamen, bieten. Aber hoffentlich einige in die Abgründe mir bisher unbekannter erotischer Spielarten.

Um bei der Auswahl der Bücher eine gewisse Zufälligkeit zu gewährleisten, bat ich Freundinnen aus dem deutschen, italienischen und englischen Sprachraum um Empfehlungen. Vorgabe war, dass das empfohlene Werk vor nicht allzu langer Zeit erschienen war (weil ich der Gnade der späten Geburt wegen keine Rückschlüsse auf die 80er-Jahre ziehen konnte) und möglichst von einer Frau verfasst sein sollte (weil ich keine Lust verspürte, mich mit männlichen Dominanzphantasien auseinanderzusetzen).

Ich bat meine Ratgeberinnen allerdings auch, Fantasygeschichten zu meiden, da mir jede Neigung fehlte, Näheres über sexuelle Interaktionen zwischen Fabelwesen zu erfahren.

Schnell bekam ich drei Empfehlungen: „Joni´s submissive Journey“ (Autorin Mimi LaRouge); „Die Entdeckung der Schwerkraft“ (Autorin Laura V.) und Io ti guardo (Autorin Irene Cao).

Und begann, am Strand zu lesen. Weil ich in Italien war, mit dem italienischen Roman.

Über Elena, eine venezianische Restauratorin von erhabener Schönheit und vergeistigter Unschuld, die sich von Leonardo, einem Meisterkoch extraordinaire, der elegante Männlichkeit in Perfektion ausstrahlt, verführen lässt. Leonardo lehrt sie alles, was es über die körperliche Liebe zu wissen gilt. Aber erst, nachdem sie ihm zusagt, sich nie in ihn zu verlieben.

Es kommt, wie es kommen muss. Mehr oder weniger ausgefallene Turnübungen, gut verteilt auf die pittoreskesten Plätze der Serenissima, die nicht ohne Flair, aber sehr blumig, geschildert werden, führen zum Unvermeidlichen: aus körperlichem Verlangen entwickelt sich eine Amour Fou, die Leonardo dadurch beendet, dass er plötzlich verschwindet. Und dann beginnt die Suche, die in einem Schluss endet, der – sollte das geneigte Publikum danach lechzen – Fortsetzungen leicht ermöglichen würde.

Alles in allem ein leidlich gut geschriebenes Buch, das sich nicht nur von Sexualakt zu Sexualakt hantelt, sondern zumindest den Versuch macht, eine einigermaßen plausible Handlung zu konstruieren und den Hauptcharaktere Eigenleben zu verleihen. Das aber unter zwei großen Fehlern leidet, die auch in der italienischen Gesellschaft eine gewisse Verbreitung finden: einem veralteten Geschlechterbild und einer Neigung zur hochtrabenden Abstraktion.

Leonardo, der Mann, lehrt und bestimmt. Elena, die Frau, lernt und bewundert. Und das, was geschieht und geschildert wird, zeichnet sich mehr durch nebulöse Erhabenheit als durch Anschaulichkeit und Nachvollziehbarkeit aus. Sexuelle Handlungen bewirken hier immer: das Erbeben des Körpers, den Vulkanausbruch der Lust, die Apotheose der Leidenschaft. Was sich konkret in der Vagina ereignet, bleibt ebenso unbeschrieben wie die Körperteile, deren Einsatz die metaphorischen Naturkatastrophen verursacht. Ein Außerirdischer, der dieses Buch läse, wäre am Ende weder in der Lage, zu beschreiben, wie Menschen konkret aussehen, noch wie der menschliche Sexualakt tatsächlich abläuft.

„Joni´s submissive Journey“ erreicht das bescheidene Niveau von Io ti guardo“ nicht annähernd. Das ganze Buch ist eine hingeschluderte Altherrendominanzphantasie, die es kaum vorstellbar erscheinen lässt, dass der Autor tatsächlich – wie angegeben – eine Frau ist. „Erzählt“ wird – im schalen  Kielwasser von „Fifty Shades of Grey“ dahintümpelnd – die Unterwerfung Jonis unter den Willen ihres Meisters John (bereits die Namenswahl ist so originell wie das gesamte Oeuvre) und dessen abstruse Phantasien. Allein die Beschreibungen der angeblichen Wahrnehmungen Jonis bei den diversen Sexualakten sind so hanebüchen, dass sie einen kurzen Moment lang, bevor man das Werk geekelt zur Seite legt, nein: nicht erregen. Aber belustigen.

Immer wieder leicht abgewandelte Sätze wie „…with a cock in her mouth, a dick in her ass and the other end of a double dildo in her pussy that was plunging in and out of a beautiful little doll whose clit was rubbing against Joni´s, driving her crazy…” sind Musterbeispiele für perfekte Ausgeburten stupider Einfalt. Entgegen der Ankündigung auf dem Klappentext wird auch der Reiz von BDSM-Praktiken nicht plausibel gemacht, sondern es werden die dümmsten Diffamierungen, die sich ein Piusbruder dazu ausdenken könnte, verbalisiert. Das Buch ist schlicht: misogyner Dreck. Selbst ein Großkritiker der angelsächsischen Welt wie Jakob Augstein müsste wohl zugestehen, dass dieses unsägliche Machwerk nichts repräsentiert außer die Dumm- und Verkommenheit seines Autors.

Ich schritt also entmutigt zum deutschen Erotikroman und stellte überrascht fest:

„Die Entdeckung der Schwerkraft“ ist nicht nur das mit Abstand am besten geschriebene der drei gelesenen Bücher. Sondern es enthält auch zumindest zwei sehr plastische Charaktere, Isabella und Alexandra, die sich – spoiler alert – unter lebensnah beschriebener Verwendung mir teilweise bisher unbekannter Hilfsmittel wechselseitig zuerst an- und dann ausziehen. Dazwischen wird die Geschichte durch essayistische Einschübe – etwa über den englischen Schriftsteller Trollope, die Verhandlungstaktik Andrej Gromykos und George Gershwins Interpretationskünste – aufgelockert. Besonders gut gelungen erscheinen mir einige humoristische Erotikszenen, in denen eitle Männer, die sich für Meisterwerke der Schöpfung halten, von Frauen auf ihre – etwa der Länge ihres unerigierten Penis entsprechende – tatsächliche Größe zurechtgestutzt werden. Vor allem aber ist es ein überwiegend aus Frauensicht geschriebenes, die weiblichen Erotikwahrnehmungen realitätsnah wiedergebendes, Buch, das unterhält und manchmal wirklich Lust macht.

Was immer das über den Zustand Deutschlands aussagt.

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