I guess I´ll have to do it while I´m here

Intellektuell inkonsistent

Month: October, 2014

Einige beiläufige Gedanken zu Alcide Degasperi oder: wie ich begann, einen katholischen Spießer zu bewundern

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Ich beschäftige mich im Moment mit dem Leben der Ernesta Battisti Bittanti, die – unter anderem – eine der ersten europäischen politischen Journalistinnen war und zusammen mit ihrem Mann, dem 1916 durch die k.u.k.-Militärjustiz getöteten Cesare Battisti, in Trento bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges die sozialistische Tageszeitung „Il Popolo“ herausgab, an der für einige Monate im Jahr 1909 auch Benito Mussolini mitwirkte. Konkurrenziert wurde „Il Popolo“ in erster Linie durch zwei andere Tageszeitungen, die liberalkonservative „Alto Adige“ und die katholische „La Voce Cattolica“ (später in „Il Trentino“ umbenannt).

Das Trento der Vorkriegszeit war keineswegs, wie die spätere faschistische Propaganda glauben machen wollte, eine Stadt voller zu allem entschlossenen Irredentisten. Vielmehr dürfte die Bevölkerungsmehrheit nicht nur apathisch kaisertreu, sondern nach Jahrzehnten der Indoktrination durch die katholische Kirche gegen den im Konflikt mit dem Papst gegründeten italienischen Staat, sogar aktiv antisavoyianisch eingestellt gewesen sein.

Um ein besseres Gefühl für das Umfeld, in dem sich Bittanti Battisti bewegte und gegen das sie als Sozialistin publizistisch auch anschrieb, zu bekommen, begann ich, einige Jahrgänge dieser Zeitungen durchzusehen.

Dabei war schnell auffällig, dass „Il Trentino“ mehr noch als „Alto Adige“ in gewisser Weise den Gegenpol zum „Popolo“ der Battistis darstellte. Und die lauteste Stimme in dieser Zeitung ihr Chefredakteur, der damalige Reichsratsabgeordnete und spätere italienische Ministerpräsident, Alcide Degasperi war.

Degasperi war mir in meiner Schulzeit als eine Art italienischer Adenauer vermittelt worden, als muffig-katholischer Pater Patriae, der das Land nach dem Zweiten Weltkrieg mit strenger und gerechter Hand geeint und an den Westen gebunden habe. Ein frömmelnder humorloser Spießer, mit dem sich – trotz seiner unbestrittenen Verdienste – eine nähere Auseinandersetzung nicht mehr lohnte.

Ich war deshalb erstaunt, als die in den Jahren bis zum Kriegseintritt Italiens im Mai 1915 publizierten Artikel, Glossen und Briefe ein anderes Bild zeichneten. Neben viel öder katholischer Dogmatik, etwas weniger politischer Polemik und einiger miefiger Moralisiererei wurde nicht nur scharfzüngige Ironie (etwa in gegen die Zensur gerichteten Glossen), sondern auch ein von allen Zeitläuften unabhängiger Humanismus des Autors ersichtlich.

Degasperi war, zeigte sich, nicht an Staatsgrenzen oder Abstraktionen wie der Nation und ihrer Ehre interessiert. Sondern daran, seine Leute, die Bewohner „Welschtirols“, möglichst vor Schaden zu bewahren.

Am meisten schaden würde ihnen, wie er sich früh sicher war, ein Krieg. Jeder Krieg, aber besonders ein zwischen Österreich-Ungarn und Italien geführter. Egal wie er ausging. Ob das Trentino staatlich zu Italien gehörte oder zu Österreich-Ungarn, war für ihn zweitrangig. Jede der in Frage kommenden Alternativen hatte für die Bewohner des Trentino Vor- und Nachteile. Die Bauern im Etschtal profitierten mit ihren Produkten von der Grenze, die sie vor italienischer Konkurrenz schützte.

Die  Studierenden waren durch die gleiche Grenze benachteiligt, weil sie keinen freien Zugang zu einer Universität, in der in ihrer Muttersprache gelehrt wurden, hatten. Was im utilitaristischen Sinne für die Allgemeinheit besser war, konnte nicht gesagt werden.

Es ging darum, möglichst viele der bestehenden Vorteile zu erhalten und die Nachteile zu verringern. Durch Verhandlungen. Durch politischen Druck. Durch geschicktes Taktieren. Aber nicht durch Krieg.

Und so schrieb Degasperi im Juli 1914 gegen den Krieg, weil er nicht wollte, dass seine Freunde und Nachbarn nach Galizien oder Serbien in den Tod geschickt wurden, und so schrieb er im Frühjahr 1915 ebenfalls gegen den Krieg, weil er nicht wollte, dass seine dann noch verbliebenen Freunde und Nachbarn zu Kollateralschäden eines Gemetzels auf dem Schlachtfeld ihrer Heimat wurden.

Während Cesare Battisti im Winter 1914/1915 durch Italien reiste und mit feurigen Reden Stimmung für eine italienischen Kriegserklärung an Österreich-Ungarn machte, um das Trentino – nicht aber das heutige Südtirol – aus der österreichischen Unterdrückung zu befreien, versuchte Degasperi in Gesprächen mit österreichisch-ungarischen und italienischen Politikern, eine solche Kriegserklärung unter allen Umständen zu vermeiden. Weil ihm gleich wie Cesare Battisti bewusst war, welche Konsequenzen ein solcher Krieg, in dem das Trentino das Schlachtfeld sein würde, unausweichlich haben würde. Weil er aber anders als Cesare Battisti nicht bereit war, diese Konsequenzen eines undefinierten Fortschritts oder des Ruhmes einer Nation willen in Kauf zu nehmen.

Degasperi versuchte, mit Repräsentanten der italienischen und der österreichisch-ungarischen Regierung zu verhandeln, um dem Trentino den Krieg zu ersparen. In den Gesprächen mit dem italienischen Außenminister Sonnino erklärte er seine Bereitschaft, sich in Wien für eine Abtretung „Welschtirols“ (des Gebiets von Salurn bis Ala und von Riva bis Tezze) an Italien einzusetzen, wenn die italienische Regierung als Preis für die Beibehaltung ihrer Neutralität im Gegenzug von der österreichisch-ungarischen Regierung die Entlassung aller Trentiner aus dem Kriegsdienst, gleichzeitig von der russischen Regierung die sofortige Freilassung aller Trentiner Kriegsgefangenen einfordern würde.

Sein Bemühen scheiterte. Es war wohl in Anbetracht der dominierenden Kräfte auf Seiten aller beteiligten Mächte von vornherein zum Scheitern verurteilt. Zwölf Isonzoschlachten, drei Piaveschlachten und viele Gebirgsgefechte mit hunderttausenden Toten folgten.

In Anbetracht seiner starken Orientierung an den Vorgaben des Vatikans war es für Degasperi eine glückliche Fügung, dass die katholische Kirche gerade in dieser Zeit – und beschränkt auf diese einzige Frage – vernünftige und mit seiner eigenen Denkweise kompatible Ansichten vertrat. Ich hoffe, er hätte ähnlich gehandelt, auch wenn er sich vatikanischen Vorgaben widersetzen hätte müssen. Sicher bin ich mir nicht. Da wir Personen nur an ihren Handlungen messen können und nicht daran, was vielleicht unter anderen Verhältnissen sein hätte können, bleibt aber zu konstatieren:

Degasperi war in einer Zeit voller militaristischer und nationalistischer Schreihälse, die dazu aufriefen, freudig im Namen einer nationaler Ehre und eines nur vage konkretisierten Fortschrittes in den Krieg zu ziehen, ein konsistenter Kämpfer für den Frieden.

Das ist nicht wenig, gerade im Vergleich mit vielen anderen Politikern und Publizisten aus jener Zeit.

P.S. Degasperi ist im Jahre 1954 in seiner trentinischen Heimat in diesem Haus gestorben, ohne signifikantes Vermögen zu hinterlassen. Wie mir ein kluger Mann sinngemäß sagte: Wer nach einer langen politischen Karriere und fast 8-jähriger Tätigkeit als italienischer Ministerpräsident arm stirbt, darf ein kleines bisschen bewundert werden.

Unter Mackems, Geordies und Monkey Hangers, Teil I

Wer wie ich einige Zeit des Lebens in England verbracht hat, kommt zwangsläufig ein bisschen im Land herum. Irgendwann verschlägt es eine irgendwie auch nach Aylesbury, Exeter oder Thetford.

Selbst den in London und den Home Counties immer mehr vage als zu bewältigendes Problem („Tottenham face a long trip up north to Morecambe fort he third-round tie“) erwähnten und weniger geographisch präzise verorteten Norden habe ich früher bei Reisen schon gestreift.

Vom „Great North East“, der Gegend um Newcastle, Sunderland und Durham, die nie am Weg nach irgendwo durchquert wird – es sei denn, man wollte nach Stavanger segeln – hatte ich allerdings keine Ahnung. Sondern höchstens einige aus Fernsehserien wie „Auf Wiedersehen, Pet“, „Whatever happened to the Likely Lads?“ oder „Our friends in the North“ gespeiste Vorurteile. Von Selbstlaute absurd dehnenden, Wörter willkürlich falsch betonenden, trinkfesten und gutgelaunten Leuten, die sich ungesund ernährten und heruntergekommene Städte voller Industrieruinen bewohnten.

Ich begab mich also nach Neuland, als ich im Spätsommer meinen Lebensmittelpunkt nach Sunderland verlegte.

Schnell fiel mir der vorherrschende Tribalismus auf. Es existierte eine Vielzahl selbstkreierter Stämme, die sich von anderen – ebenso willkürlich geschaffenen – Stämmen abgrenzten und sich wechselseitig mit mehr oder weniger herabwürdigenden Namen versahen. „Geordies“, „Mackems“, „Monkey Hangers“, „Pit Yackers“, „Smoggies“.

Die größte Rivalität bestand offensichtlich zwischen „Geordies“ und „Mackems“.

Auf den ersten Blick erschien sie einer Laiin wie mir überwiegend fußballbezogen (das Geordie-Heiligtum Newcastle United und die Mackem-Ikone AFC Sunderland sind die konkurrenzierenden und seit Jahrzehnten traditionell erfolglosen „massive football clubs“ der Gegend), aber ihre historischen Wurzeln lägen schon Jahrhunderte zurück, wie mir mein Vermieter, ein „Mackem“, in einem Privatissimum anlässlich der Wohnungsübergabe erläuterte.

Kurz vor dem Bürgerkrieg 1642 habe König Charles I. alle Rechte zum Handel mit Kohle im Nordosten des Landes den Kaufleuten von Newcastle übertragen, was diesen ein faktisches Kohlenmonopol und der englischen Sprache ein Sprichwort über die Zwecklosigkeit der Lieferung von Kohle nach Newcastle eingetragen habe. Die Händler im nahegelegenen Sunderland seien jedoch dadurch verarmt.

Aus Dankbarkeit für diese Privilegien habe sich das Gebiet um Newcastle im Bürgerkrieg auf die Seite des Königs geschlagen, während Sunderland die Parlamentsarmee Cromwells unterstützt und schließlich mit schottischer Unterstützung im Gefolge der Schlacht von Boldon Hill sogar die Stadt Newcastle besetzt habe.

Die heutigen Bezeichnungen dieser rivalisierenden Gruppen hätten sich erst später entwickelt.

Mackem“ stamme von „mack´em, tack´em“, weil die reicheren Bewohner von Newcastle (ausgesprochen „Nyurcassle“) die Einwohner Sunderlands dafür, dass sie Schiffe bauten („mack´em“), die dann aber von anderen übernommen („tack´em“) wurden, mit dieser Bezeichnung verhöhnt hätten.

Geordie“ hingegen sei eine Abwandlung des Namens “George“ und gehe auf die Unterstützung der Bevölkerung Newcastles für König George I. (oder George II.) in einer der Stuart-Rebellionen (1715 oder 1745) zurück. Oder auf vom berühmten Ingenieur George Stephenson entwickelte Lampen für den Kohlebergbau. Oder auf irgendetwas ganz anderes.

Faktum sei, dass nach der herrschenden Meinung „Geordies“ die Gegend zwischen Wylam im Westen und Tynemouth im Osten bewohnten, während „Mackems“ das Stadtgebiet von Sunderland bevölkerten. Puristen verlangten allerdings, dass ein „Geordie“ in Sichtweite des River Tyne, ein „Mackem“ in Sichtweite des River Wear geboren wurde.

Da von meinem Balkon aus bei guter Sicht der Wear zumindest erahnbar sei, könne ich mich ja als Adoptiv-Mackem verstehen, meinte der Vermieter, als er mir die Wohnungsschlüssel aushändigte.

Desert Island Discs

Danke an Stefan Hechl für die Einladung, “Desert Island Discs” auszuwählen.

OneLovelyBlogAward

Ich danke http://viertermann.com/ für die Nominierung zum OneLovelyBlogAward.

Sieben Fakten über mich:

  1. Ich habe keine Ahnung.
  2. Allerdings kann ich die Mannschaft des Tottenham Hotspur F.C., die 2008 den Ligapokal gewonnen hat, zu jeder Tages und Nachtzeit aufzählen (Ersatzspieler inklusive).
  3. Mein Lieblingsfilm ist „Red River“.
  4. Wu-Tang Forever.
  5. Ich habe Bücher von Hayek und von Keynes gerne gelesen.
  6. An meinem Geburtstag war „Fight the Power“ von Public Enemy Number-One-Billboard-Hot-Rap-Single.
  7. Life, Liberty and the pursuit of Happiness.

Ich nominiere:

-Frau Zschokke http://welcometoshoeboxcastle.wordpress.com/
-Herrn Bruckner http://brucki.blogspot.co.uk/
-Frau Koller http://karinkoller.wordpress.com/
-Herrn Kofler http://herrkofler.wordpress.com/
-Herrn Sander http://www.georgsander.at/
-Herrn Eydinger http://www.sensatzionell.blogspot.de/
-Herrn Hechl http://stefanhechl.wordpress.com/