Unter Mackems, Geordies und Monkey Hangers, Teil I

by lisimoosmann

Wer wie ich einige Zeit des Lebens in England verbracht hat, kommt zwangsläufig ein bisschen im Land herum. Irgendwann verschlägt es eine irgendwie auch nach Aylesbury, Exeter oder Thetford.

Selbst den in London und den Home Counties immer mehr vage als zu bewältigendes Problem („Tottenham face a long trip up north to Morecambe fort he third-round tie“) erwähnten und weniger geographisch präzise verorteten Norden habe ich früher bei Reisen schon gestreift.

Vom „Great North East“, der Gegend um Newcastle, Sunderland und Durham, die nie am Weg nach irgendwo durchquert wird – es sei denn, man wollte nach Stavanger segeln – hatte ich allerdings keine Ahnung. Sondern höchstens einige aus Fernsehserien wie „Auf Wiedersehen, Pet“, „Whatever happened to the Likely Lads?“ oder „Our friends in the North“ gespeiste Vorurteile. Von Selbstlaute absurd dehnenden, Wörter willkürlich falsch betonenden, trinkfesten und gutgelaunten Leuten, die sich ungesund ernährten und heruntergekommene Städte voller Industrieruinen bewohnten.

Ich begab mich also nach Neuland, als ich im Spätsommer meinen Lebensmittelpunkt nach Sunderland verlegte.

Schnell fiel mir der vorherrschende Tribalismus auf. Es existierte eine Vielzahl selbstkreierter Stämme, die sich von anderen – ebenso willkürlich geschaffenen – Stämmen abgrenzten und sich wechselseitig mit mehr oder weniger herabwürdigenden Namen versahen. „Geordies“, „Mackems“, „Monkey Hangers“, „Pit Yackers“, „Smoggies“.

Die größte Rivalität bestand offensichtlich zwischen „Geordies“ und „Mackems“.

Auf den ersten Blick erschien sie einer Laiin wie mir überwiegend fußballbezogen (das Geordie-Heiligtum Newcastle United und die Mackem-Ikone AFC Sunderland sind die konkurrenzierenden und seit Jahrzehnten traditionell erfolglosen „massive football clubs“ der Gegend), aber ihre historischen Wurzeln lägen schon Jahrhunderte zurück, wie mir mein Vermieter, ein „Mackem“, in einem Privatissimum anlässlich der Wohnungsübergabe erläuterte.

Kurz vor dem Bürgerkrieg 1642 habe König Charles I. alle Rechte zum Handel mit Kohle im Nordosten des Landes den Kaufleuten von Newcastle übertragen, was diesen ein faktisches Kohlenmonopol und der englischen Sprache ein Sprichwort über die Zwecklosigkeit der Lieferung von Kohle nach Newcastle eingetragen habe. Die Händler im nahegelegenen Sunderland seien jedoch dadurch verarmt.

Aus Dankbarkeit für diese Privilegien habe sich das Gebiet um Newcastle im Bürgerkrieg auf die Seite des Königs geschlagen, während Sunderland die Parlamentsarmee Cromwells unterstützt und schließlich mit schottischer Unterstützung im Gefolge der Schlacht von Boldon Hill sogar die Stadt Newcastle besetzt habe.

Die heutigen Bezeichnungen dieser rivalisierenden Gruppen hätten sich erst später entwickelt.

Mackem“ stamme von „mack´em, tack´em“, weil die reicheren Bewohner von Newcastle (ausgesprochen „Nyurcassle“) die Einwohner Sunderlands dafür, dass sie Schiffe bauten („mack´em“), die dann aber von anderen übernommen („tack´em“) wurden, mit dieser Bezeichnung verhöhnt hätten.

Geordie“ hingegen sei eine Abwandlung des Namens “George“ und gehe auf die Unterstützung der Bevölkerung Newcastles für König George I. (oder George II.) in einer der Stuart-Rebellionen (1715 oder 1745) zurück. Oder auf vom berühmten Ingenieur George Stephenson entwickelte Lampen für den Kohlebergbau. Oder auf irgendetwas ganz anderes.

Faktum sei, dass nach der herrschenden Meinung „Geordies“ die Gegend zwischen Wylam im Westen und Tynemouth im Osten bewohnten, während „Mackems“ das Stadtgebiet von Sunderland bevölkerten. Puristen verlangten allerdings, dass ein „Geordie“ in Sichtweite des River Tyne, ein „Mackem“ in Sichtweite des River Wear geboren wurde.

Da von meinem Balkon aus bei guter Sicht der Wear zumindest erahnbar sei, könne ich mich ja als Adoptiv-Mackem verstehen, meinte der Vermieter, als er mir die Wohnungsschlüssel aushändigte.

Advertisements