Magic of the Cup

by lisimoosmann

Der Football Association Challenge Cup ist der älteste Fußballwettspielwettbewerb der Welt. Irgendwann vor langer, langer Zeit, so erzählten mir schon vor 10 Jahren alte huttragende Männer, sei diezser Wettbewerb der bedeutendste Fußballwettspielwettbewerb der Welt gewesen.

Wichtiger als jede Meisterschaft. Legendenbildend.

Und tatsächlich enthält jedes englische Fußballgeschichtsbuch viele Kapitel über legendäre FA-Cup-Finali. Das erste Finale in Wembley im neueröffneten – mit 200000 Zuschauern überfüllten – „Empire Stadium“ 1923, als die Bolton Wanderers den West Ham United F.C. besiegten. „The Matthews Final“ 1953, als der legendäre Stanley Matthews den Blackpool F.C. zu einem 4:3 über die Bolton Wanderers führte und damit den einzigen Titel seiner mehr als 30-jährigen Karriere errang. Das Finale 1956, in dem der ehemalige deutsche Kriegsgefangene Bert Trautmann als Tormann trotz eines Genickbruches bis zum Ende durchspielte und mit Manchester City den Cup gewann. Oder das Finale 1988, in dem die „Crazy Gang“ des Wimbledon F.C. den damaligen englischen Rekordmeister Liverpool besiegte.

Ich brachte dem FA Cup schon deshalb immer eine gewisse Zuneigung, entgegen, weil mein Lieblingsverein, der Tottenham Hotspur F.C., nicht nur der erste und einzige „Non-League“-Verein war, der den Cup gewann (im Jahr 1901), sondern auch 1961 als erster Verein im 20. Jahrhundert das Double aus Meisterschaft und Cup erreichte (und zudem mit 8 Cupsiegen immer noch nach dem Arsenal und Manchester United der dritterfolgreichste Verein in der Geschichte dieses Bewerbes ist.)

In den letzten Jahrzehnten verlor der FA Cup aber gegenüber der Champions League und der Premier League so an Relevanz, dass ein Verein wie Manchester United sogar schon freiwillig aus dem laufenden Bewerb ausgestiegen ist, um die Spieler für – insbesondere finanziell – wichtigere Bewerbe zu schonen. Wenn ich ehrlich bin, muss ich selber zugestehen, dass ich mich in den letzten Jahren, sobald die Spurs – meistens in einer der ersten Runden – ausgeschieden waren, frühestens ab dem Semifinale dafür zu interessieren begann, wer denn noch im Rennen um den Pokalsieg war.

Die Medien versuchen auch heuer – wie jedes Jahr  – den FA Cup mit Geschichten von erfolgreichen Underdogs, von angeblich charakteristisch-englischen Tugenden wie Fairness und Kampfgeist, die gerade in Pokalspielen zu „Shocks“ und „Upsets“ führen, aufzupolieren und seinen verlorenen Glanz wiederherzustellen. Mit Sagen vom „Magic oft the Cup“.

Irgendwie infizieren mich diese Artikel diesmal ein bisschen und ich lasse mich – inspiriert vom vielen melancholischen Gerede – von einem Bekannten überreden,  ins einige Kilometer entfernte Hartlepool zu fahren, um mir das Cup-Spiel des Letzten der vierten Profiliga, Hartlepool United, gegen den Siebtligaverein Blyth Spartans anzusehen und selbst zu überprüfen, wieviel Magie noch im Pokal steckt.

Obwohl die beiden Vereine 40 Meilen und drei Spielklassen von einander entfernt sind, wird das Spiel in der Presse als „Derby“ angepriesen, was allerdings in Zeiten, in denen Begegnungen zwischen Napoli und Catanzaro (Entfernung 404 km) als “Südderby“ bezeichnet werden, nur  mittelbefremdlich erscheint.

Ich habe keinen besonderen Bezug zu einem der beiden Vereine, entschließe mich aber, weil ich schon immer eine Abneigung gegen Sparta und alles spartanische hatte, der Heimmannschaft die Daumen zu drücken, zumal ein Verein, dessen Maskottchen H’Angus the Monkey zum Bürgermeister des Ortes gewählt wurde, Skurrilitätsbonuspunkte verdient.

Und so stehe ich eineinhalb Stunden vor Kickoff gut eingehüllt am Bahnhof von Hartlepool und machte mich auf den kurzen Fußweg zum Stadion.

Ich lasse mir auf dem Weg zum Stadion von meinem Begleiter zum ersten Mal widerwillig einen “mulled wine” überreichen und, bevor wir das Stadion betreten, schon weniger widerwillig einen zweiten. Es könnte ja sein, dass für dieses englische Alkoholwarmpanschgetränk recht ist, was für Reiswein oder Bardolino billig ist: dass es genau ein Umfeld gibt, in dem ein solches grundsätzlich ekelhaftes Gesöff genießbar ist. Und ein FA-Cup-Zweitrundenspiele gerade dieses eine, einzigartige, Umfeld darstellt.

Wir erreichen das Stadion in einer Gruppe Fans, die lautstark über Marlon Harewood, einen langjährigen Premiere-League-Stürmer, der als 35-jähriger seine Karriere in Hartlepool ausklingen lässt und wohl bisher eine bescheidene Saison erlebt hat, diskutieren.

Gestärkt von einem Pie begeben wir uns zu unseren Plätzen auf der Gegentribühne unmittelbar hinter der Bande. Vor uns sitzen zwei vielleicht zwölfjährige Mädchen – an der Bande angelehnt – im Gras und unterhalten sich über “Girl Online”, den Jugendbuchbestseller des Augenblicks. Ich blicke ein bisschen um mich herum. Im Stadion wird für “Smith & Graham, Solicitors”, “Betfred” und 150 Jahre lokale Brauereiexzellenz geworben anstatt für Samsung und Coca-Cola. Es sind vielleicht 3500 Zuschauer anwesend, das Stadion ist nicht annähernd ganz gefüllt, als angepfiffen wird.

Das Spiel entwickelt sich zunächst, wie zu erwarten war. Die höherklassige Heimmannschaft versucht Druck zu machen, in erster Linie durch hohe Bälle in Richtung des Strafraumes. Die Auswärtsmannschaft wehrt sich, so gut es geht, durch aggressiven Körpereinsatz. Der Ball befindet sich einen beträchtlichen Teil der Spielzeit in der Luft und überfliegt die Zone 30 Meter dies- und jenseits der Mittellinie in regelmäßigen Abständen. Noch vor der Halbzeit gelingt Hartlepool der Führungstreffer, und eine Zeit lang sieht es ganz so aus, als ob damit das Spiel entschieden wäre.

Es wird immer kälter und windiger im Stadion, aber der dritte Alkoholgewürztee des Abends, den ich in der Halbzeitpause gereicht erhalte, beginnt mir tatsächlich zu schmecken.

Nach der Pause ändert sich der Spielverlauf. Die Amateure müssen vom Trainer ermuntert worden sein, mehr zu riskieren, und beginnen, sich aus der Umklammerung zu befreien. Ihr auffälligster Spieler, die rothaarige Nr. 17, löst sich immer durch schnelle Antritte von seinen routinierten, bisher meist gut stehenden, aber behäbigen, Bewachern.

Dann, etwa nach einer Stunde fällt der Ausgleich durch einen direkt verwandelten Freistoß. “Glücklich, aber nicht unverdient”, würde der durchschnittliche Sportkommentator sagen. Und jetzt wird es aufregend: Altstar Harewood drückte den Ball aus kurzer Entfernung, wie es aussieht, über die Torlinie. Aber der Schiedsrichter ist der Ansicht, der Ball habe die Linie nicht mit seinem ganzen Durchmesser überschritten und gibt kein Tor. Als sich in der 90. Minute schon alle damit abgefunden zu haben scheinen, dass es ein Wiederholungsspiel in Blyth geben wird, drischt ein Mittelfeldspieler der Spartans den Ball nach vorne, ins rechte Halbfeld. Der Ball erreicht, bevor ihn die anstürmende Nummer 7 erlangen kann, einen Heimverteidiger, der ihn weggrätschen will, aber am Ball vorbeischlägt. So läuft in der letzten Minute des Spiels plötzlich der rechte Außenstürmer der Blyth Spartans allein auf das Tor zu, tänzelt kurz zuerst nach rechts, dann nach links, und schiebt den Ball routiniert links am Tormann vorbei zum 1:2.

Es folgen: ekstatischer Jubel bei den Spartanern, langeanhaltendes Kopfschütteln bei den Fans der Heimschaft und der Abpfiff.

Und als sich die Sieger von ihren mitgereisten Anhängern verabschieden und vom ganzen Stadion beklatscht werden, da erscheint mir der FA-Cup – vielleicht auch nur alkohol- oder kälteinduziert – wirklich einen Moment lang magisch.

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