I guess I´ll have to do it while I´m here

Intellektuell inkonsistent

Month: January, 2015

Juan Román Riquelme oder The Glory Game

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Vorgestern ist Juan Román Riquelme zurückgetreten.

Er hat mir einmal viel bedeutet.

Ich war eine ziemlich eigensinnige Jugendliche mit ziemlich eigenwilligen Vorlieben. Einige Dinge interessierten mich. Alle anderen: nicht.

Und ich hatte Probleme mit Autoritäten. Oder, wie ich damals gesagt hätte: Die Autoritäten hatten Probleme mit mir. Das führte dazu, dass ich in vielen Dingen nicht den Erfolg hatte, den ich mir verdient zu haben glaubte.

Schulnoten waren selbst dort, wo ich gut war, schlechter, als sie sein hätten dürfen. Preise, die, wie ich meinte, mir zustanden, gingen an andere.

Ich tat so, als ob mir das alles nichts ausmachte. Dass ich nicht nur keinen Wert auf irgendwelche Erfolge legte, sondern sie aus Prinzip ablehnte. Eine Pose natürlich. Aber eine, an deren Authentizität ich irgendwann selbst zu glauben begann.

Seit ich den ganz jungen Riquelme um die Jahrtausendwende einmal in der Bombonera spielen hatte sehen, hing sein Poster an der Wand meines Mädchenzimmers.

Ich bewunderte seine mühelos wirkende Eleganz in der Ballführung. Sein Geschick, in einem Spiel, das auf Schnelligkeit ausgerichtet war, paradoxerweise durch gezielt eingesetzte Langsamkeit entscheidende Überraschungsmomente zu schaffen. Seine Eigensinnigkeit, die dazu führte, dass er sich früher oder später mit jedem Trainer überwarf. Seinen, wie mir schien, immer traurig-trotzigen Blick. Vor allem aber bewunderte ich seinen Stil.

Es ging nur darum, alles richtig zu tun. Ob damit irgendein äußerlich messbarer Erfolg erzielt werden konnte, das war bedeutungslos. Der richtige Stil war für sich schon Erfolg genug. Besser im Provinzkaff Villarreal Dritter der Primera División zu werden, vermittelte mir Riquelmes Auftreten, als sich anzupassen und mit dem FC Barcelona die Meisterschaft gewinnen.

Und was für den großen Riquelme recht war, das war für ein 15, 16-jähriges Mädchen mit Allüren nur billig.

Ich und Riquelme, wir waren stilvoll erfolglos und in dieser Erfolglosigkeit glücklich, redete ich mir ein.

Bis ich 2006 sah, wie Riquelme im Halbfinale der Champions League gegen Arsenal in der 89. Minute einen Elfmeter verschoss und danach fassungslos-verzweifelt im Strafraum stand, während das Spiel um ihn herum weiterging und der mir besonders unsympathische Jens Lehmann triumphierte.

Das Bild des entsetzt in der Nähe des Elfmeterpunktes ruhig dastehenden Riquelme zeigte mir: Er war im Misserfolg nicht glücklich. Erfolg war klarerweise nicht alles. Auf Stil kam es an. Aber, wie schon Bob Dylan sang: Failure’s no success at all.

Kurz nach diesem Spiel im Frühjahr 2006 begannen sich meine Noten zu verbessern. Riquelme schied mit der argentinischen Nationalmannschaft im WM-Viertelfinale 2006 gegen Deutschland aus, gewann aber danach 2007 mit Boca Juniors die Copa Libertadores und mit Argentinien 2008 das Olympische Fußballturnier.

Ich würde lügen, wenn ich behauptete, sein Wirken in den letzten Jahren intensiv verfolgt zu haben. Den einen oder anderen Superclásico habe ich in instabilen Webstreams verfolgt. Montags suchte ich auf den Sportseiten immer nach den Wochenend-Resultaten seiner Vereine, der Boca Juniors und – im letzten Halbjahr – der Argentinos Juniors. Und selten, in sentimentalen Momenten, schaute ich mir You-Tube-Videos an. Etwa vom Champions-League-Viertelfinalrückspiel Villarreals 2006 gegen den F.C. Internazionale, in dem er Weltstars wie Figo und Veron zeigte, wie durch Spielintelligenz Räume geschaffen und ausgenützt werden können.

Das Riquelme-Poster hängt immer noch in meinem ehemaligen Zimmer im Haus meiner Eltern, glaube ich. Ich war schon lange nicht mehr dort. Wenn ich das nächste Mal hinkomme, werde ich es abnehmen und zu meinen Tagebüchern aus der Teenagerzeit, den Schulzeugnissen und alten Liebesbriefen legen. Meine Jugend ist nun endgültig vorbei.

Gratwanderung

Ein Beitrag von Daniel Kosak zum Projekt *.txt von Dominik Leitner

grat

Ich mache das jetzt mal auf die herkömmliche Art: Wenn ich nicht weiß, worum’s gehen soll, dann google ich mal. Wenn man „Grat“ googlet, dann ist das erste Ergebnis die „Gruppe angepasste Technologie“, ein wissenschaftlicher Verein an der Technischen Universität Wien, der sich für einen umweltverträglichen Umgang mit Technik und ihren Folgen einsetzt. Tolle Sache wahrscheinlich, aber vielleicht auch nicht das, was hier erwartet wird.

Mit dem zweiten Ergebnis kommen wir der Sache schon näher, hier wirft die Suchmaschine den Schweizer Berg „Grat“ als Ergebnis aus. Wobei der Begriff „Berg“ in diesem Fall vielleicht übertrieben ist, es handelt sich um einen 991 Meter hohen Hügel, der aber immerhin der höchste Punkt des Kantons Thurgau ist.

So weit, so uninteressant.

Ich suche nun nach „Gratwanderung“, und zwar in der Bildersuche. Es erscheint dieses Bild. Jetzt bin ich dort, wo ich hin will. Ein Berg mit einem Grat, auf dem Menschen wandern. „Gratwanderung“ dient meistens als Synonym für die Gefahr, auf einer der beiden Seiten runterfallen zu können. Menschen benutzen das Wort, wenn sie beschreiben wollen, dass sie sich nicht zwischen der einen oder anderen Seite entscheiden konnten, als Synonym des Leidens und der Unsicherheit. In vielen Texten ist das Wort auch als Metapher für andere Situationen. Für eine Weggabelung etwa, an der Menschen sich entscheiden mussten, ob sie den einen oder den anderen Weg nehmen. Oder als Tanz auf dem Seil, unsicher und schwankend, ständig fürchtend, dass man ungesichert runterfällt.

Was mir nicht untergekommen ist: Die Gratwanderung als Metapher für etwas Schönes. Wenn man das Bild betrachtet, auf dem Menschen auf einem grünen Bergrücken gehen, dann wirkt das für mich bedrohlich. Man kann auf jedem Grat gehen und die Schönheiten sehen, die sich links und rechts auftun, wenn man runterschaut. Der Blick ins Tal von einem hohen Punkt, auf beide Seiten, auf denen sich unterschiedliche, aber schöne Welten auftun können. Das würde mir als Metapher besser gefallen. Abseits von gekünstelter „Feel-good-Attitüde habe ich oft den Eindruck, dass viele Menschen ihren Fokus auf Gefahr, Bedrohung und Empörung legen. Aufregung und Erregung sind die Säulen, auf denen auch weite Teile der sozialen Medien beruhen. Ungeprüft natürlich, gepostet und geteilt wird meistens ohne zu hinterfragen, die eigene Empörung wird mit „Arg, oder?“ als Kommentar hinzugefügt.

Dieses Verhalten begrenzt sich selbst nicht nur in sozialen Netzwerken, auch Medien funktionieren inzwischen oft so. Und nicht nur am Boulevard. Das emotionslose, aber Wissen schaffende „einerseits-andererseits“, das den Leser seine Schlüsse selbst ziehen lässt, gibt es nicht mehr oft. Meinung machen, Informationen liefern. Oder nur jene Informationen bereitstellen, die die eigene Meinung untermauern.

Ich wünsche mir, dass Gratwanderungen zumindest manchmal auch als etwas anderes gesehen werden. Als eine Möglichkeit einen Blick auf beide Seiten zu werfen. Physisch, aber eben auch metaphorisch.