Gratwanderung

by lisimoosmann

Ein Beitrag von Daniel Kosak zum Projekt *.txt von Dominik Leitner

grat

Ich mache das jetzt mal auf die herkömmliche Art: Wenn ich nicht weiß, worum’s gehen soll, dann google ich mal. Wenn man „Grat“ googlet, dann ist das erste Ergebnis die „Gruppe angepasste Technologie“, ein wissenschaftlicher Verein an der Technischen Universität Wien, der sich für einen umweltverträglichen Umgang mit Technik und ihren Folgen einsetzt. Tolle Sache wahrscheinlich, aber vielleicht auch nicht das, was hier erwartet wird.

Mit dem zweiten Ergebnis kommen wir der Sache schon näher, hier wirft die Suchmaschine den Schweizer Berg „Grat“ als Ergebnis aus. Wobei der Begriff „Berg“ in diesem Fall vielleicht übertrieben ist, es handelt sich um einen 991 Meter hohen Hügel, der aber immerhin der höchste Punkt des Kantons Thurgau ist.

So weit, so uninteressant.

Ich suche nun nach „Gratwanderung“, und zwar in der Bildersuche. Es erscheint dieses Bild. Jetzt bin ich dort, wo ich hin will. Ein Berg mit einem Grat, auf dem Menschen wandern. „Gratwanderung“ dient meistens als Synonym für die Gefahr, auf einer der beiden Seiten runterfallen zu können. Menschen benutzen das Wort, wenn sie beschreiben wollen, dass sie sich nicht zwischen der einen oder anderen Seite entscheiden konnten, als Synonym des Leidens und der Unsicherheit. In vielen Texten ist das Wort auch als Metapher für andere Situationen. Für eine Weggabelung etwa, an der Menschen sich entscheiden mussten, ob sie den einen oder den anderen Weg nehmen. Oder als Tanz auf dem Seil, unsicher und schwankend, ständig fürchtend, dass man ungesichert runterfällt.

Was mir nicht untergekommen ist: Die Gratwanderung als Metapher für etwas Schönes. Wenn man das Bild betrachtet, auf dem Menschen auf einem grünen Bergrücken gehen, dann wirkt das für mich bedrohlich. Man kann auf jedem Grat gehen und die Schönheiten sehen, die sich links und rechts auftun, wenn man runterschaut. Der Blick ins Tal von einem hohen Punkt, auf beide Seiten, auf denen sich unterschiedliche, aber schöne Welten auftun können. Das würde mir als Metapher besser gefallen. Abseits von gekünstelter „Feel-good-Attitüde habe ich oft den Eindruck, dass viele Menschen ihren Fokus auf Gefahr, Bedrohung und Empörung legen. Aufregung und Erregung sind die Säulen, auf denen auch weite Teile der sozialen Medien beruhen. Ungeprüft natürlich, gepostet und geteilt wird meistens ohne zu hinterfragen, die eigene Empörung wird mit „Arg, oder?“ als Kommentar hinzugefügt.

Dieses Verhalten begrenzt sich selbst nicht nur in sozialen Netzwerken, auch Medien funktionieren inzwischen oft so. Und nicht nur am Boulevard. Das emotionslose, aber Wissen schaffende „einerseits-andererseits“, das den Leser seine Schlüsse selbst ziehen lässt, gibt es nicht mehr oft. Meinung machen, Informationen liefern. Oder nur jene Informationen bereitstellen, die die eigene Meinung untermauern.

Ich wünsche mir, dass Gratwanderungen zumindest manchmal auch als etwas anderes gesehen werden. Als eine Möglichkeit einen Blick auf beide Seiten zu werfen. Physisch, aber eben auch metaphorisch.

Advertisements