Der vorbildliche Franz Conrad von Hötzendorf

Foto (13)

Vor kurzem habe ich erfahren, dass immer noch Kasernen der Republik Österreich nach dem k.u.k-Feldmarschall Franz Conrad von Hötzendorf benannt sind. Im österreichischen Bundesheer gelte Conrad, so der ehemalige Generalstabschef Edmund Entacher, als „vorbildlicher Offizier“.

Ich überlegte mir, was einen staatlich zertifiziert vorbildlichen österreichischen Offizier ausmachen könnte. Durch Blättern in Conrads eigenen Schriften lernte ich, dass die entscheidenden Kriterien für Vorbildhaftigkeit “Charakter und Leistung” seien.

Der Charakter Conrads war durchaus repräsentativ für die aristokratische Offiziers- und Beamtenkaste, der er entstammte, und hob ihn wenig aus der Masse der führenden Funktionäre der Donaumonarchie heraus:

Er war stolzer Rassist, Sozialdarwinist und hielt es für „besser, 100 Leute zu viel einzusperren, als einen zu wenig.“ Er war unfähig, sich selbst Fehler einzugestehen, und daher auch unfähig, aus Fehlern zu lernen. Er hasste Slawen und Italiener geradezu pathologisch. Er suchte für alle Rückschläge Sündenböcke und schob die Verantwortung für jeden Misserfolg auf andere. Empathie kannte er nicht, nur Selbstmitleid.

Die Leistungen Conrads sind demgegenüber zweifelsfrei außergewöhnlich:

Er war, wie sogar Christopher Clark zugesteht, durch sein jahrelanges Drängen auf einen Präventivkrieg gegen Serbien, Montenegro, Russland, Rumänien und Italien hauptverantwortlich dafür, dass den politischen Verantwortungsträgern der Donaumonarchie im Sommer 1914 ein Krieg als Allheilmittel zur Lösung aller innen- und außenpolitischen Probleme erschien. (K.u.k.-Außenminister Berchtold, einer der anderen Hauptschuldigen am Ersten Weltkrieg, paraphrasierte die Forderungen Conrads an die politischen Entscheidungsträger in den Tagen nach dem Attentat von Sarajewo mit den Worten: „Krieg! Krieg! Krieg!“)

Weil aber die Republik Österreich die Verursachung eines Weltkriegs für sich allein als noch nicht als hinreichenden Grund für die Benennung von Amtsgebäuden zu werten scheint (Berchtold-Kasernen gibt es ja nicht), müssen andere Leistungen des Feldherrn Grundlage seiner Würdigung durch den Staat gewesen sein.

Unstrittig ist unter Historikern,

– dass Conrad als Generalstabschef seit 1906 verantwortlich dafür war, dass die k.u.k.-Armee das unfähigste Offizierkorps aller kriegsführenden Mächte hatte (auf dessen Inkompetenz Conrad dann auch alle Debakel des ersten Kriegsjahres schob);

Foto (11)

– dass die Mobilisationspläne Conrads voller Fehler waren, die dazu führten, dass die k.u.k.-Armee langsamer mobilisierte als jede andere am Krieg beteiligte Armee;

Foto (4)

– dass Conrad, weil er aufgrund von Planänderungen notwendig gewordene Umstellungen – aus Furcht, sein Gesicht zu verlieren – nicht veranlasste (und deshalb Truppen auf einem Umweg von 1000 km über Bosnien nach Galizien transportieren ließ), das verspätete Einlangen von Truppen im Bereich der Front zu Russland verschuldete, was zu den militärischen Debakeln des Herbstes 1914 führte;

– dass Conrad durch die der Armee verordnete veraltete Offensivdoktrin mit ihrer Betonung des Angriffes durch manövrierende Infanterie erreichte, dass es nicht nur keine sinnvolle taktische Abstimmung zwischen den verschiedenen Waffengattungen gab, sondern Infanterieeinheiten in geschlossenen Formationen in aussichtslose Gefechte mit gegnerischer Artillerie gezwungen wurden;

– dass die – in Manövern bereits empirisch falsifizierten und dennoch unverändert umgesetzten – Pläne Conrads, die einer Offensive gegen Serbien halbherzig Priorität gegenüber der Verteidigung der galizischen Front einräumten, zum Scheitern der Offensive gegen Serbien und den Niederlagen in Galizien beitrugen;

Foto (14)

– dass Conrad als faktischer Armeeführer verantwortlich für die rassistisch motivierte (übrigens auch militärisch kontraproduktive) Unterdrückung der Zivilbevölkerung durch die Militärbehörden (insbesondere in Tschechien, Galizien und Serbien)

Foto (17)

und die von der Militärführung aus den gleichen rassistischen Motiven geschürte hysterischen Angst vor „slawischen“ Spionen, die zu Massakern an Zivilisten führten, war;

Foto (12)

–  dass die Offensive Conrads 1916 im Trentino in Anbetracht der vorhersehbaren Brusilow-Offensive nicht nur unverantwortlich, sondern, weil sie aus 1200 km Entfernung vom Operationsgebiet auf Basis veralteter taktischer Ansätze und ohne auf die örtlichen Wetter- und Bodenverhältnisse Rücksicht zu nehmen, geplant wurde, von vornherein zum Scheitern verurteilt war;

Foto (6)

–  dass Conrad jede zweckmäßige Koordinierung mit den Verbündeten aufgrund seiner Eifersucht und seines Eigensinns unterließ;

– dass Conrad aufgrund der Entfernung seines komfortablen Hauptquartiers in Teschen von den zentralen Kriegsschauplätzen und aufgrund seiner Ahnungslosigkeit über die Gegebenheiten an der Front eine Vielzahl leicht vermeidbarer taktischer Fehler machte;

– und dass Conrad im Laufe des Krieges mehrfach das Leben zehntausender Menschen dem Versuch der Verwirklichung absurder Hirngespinste von kühnen Siegesplänen opferte, nur um mit dem dadurch angestrebten Ruhm seine Liebhaberin und spätere Frau zu beeindrucken.

Foto (15)

Wenn ungewöhnliche Verbrechen und Fehlleistungen und ein sehr gewöhnlicher Charakter zusammenwirken, dann entsteht also: ein Held der Republik Österreich.

Tu felix Austria.

(Ein Beitrag zum Projekt *.txt von Dominik Leitner.)

Advertisements