Fino alla fine

by lisimoosmann

juve

Gestern hat Juventus gewonnen und ich habe mich darüber gefreut.

Das ist nicht selbstverständlich, weil ich keine Juventus-Anhängerin bin.

Ich bin einige Jahre in der Nähe von Mailand aufgewachsen. Juventus war in meinem Leben seit meiner Kindheit präsent: Mein Vater war Juventino, der von den großen Juventus-Mannschaften der Vergangenheit schwärmte, mir von Gaetano Scirea, Dino Zoff, Omar Sivori, John Charles erzählte. Das erste Champions-League-Finale, an das ich mich erinnern kann – vor allem weil ich meinen Vater selten so ausgelassen gesehen habe – wurde von Juventus gewonnen. Und Heini Kamke, der Held eines meiner Lieblingskinderbücher, „Elf Freunde müsst ihr sein“, war ein Verehrer des Juventus-Spielers Raimondo Orsi.

Aber in meinem Umfeld dominierten Inter-Anhänger. Und so wurde der F.C. Internazionale mein italienischer Lieblingsverein. Pazza Inter, die unberechenbare und chronisch hinter den Erwartungen zurückbleibende Inter, gleichsam die Antithese zur konstant erfolgreichen Juve.

Juventus war in Italien immer der Klub des nördlichen Establishments, den die (einfluss-)reiche Familie Agnelli so steuerte, dass Konkurrenz zwar – weil gut fürs Geschäft – zugelassen wurde, aber nie übermächtig werden konnte. Die Juve hatte im italienischen Fußball Prima inter Pares zu sein und zu bleiben. In der Regel ließ sich das mit zulässigen Mitteln – mit Geld, harter Arbeit, guter Organisation – bewerkstelligen. Und wenn diese zulässigen Mitteln ausnahmsweise nicht ausreichten, dann musste eben auf andere Weise nachgeholfen werden.

Für solche Fälle hielten sich die stilsicheren offiziellen oder inoffiziellen Lenker der Geschicke des Vereines aus der Familie Agnelli immer treue Adlaten, die keine Anweisungen brauchten, sondern selber wussten, wann was zu tun war. Leute wie Luciano Moggi und Antonio Giraudo, denen klar war, dass die Familie Agnelli niemals unsportliches oder gar ungesetzliches Treiben bei ihrer Juve tolerieren hätte können. Leute, die handelten, wenn es notwendig war und wie es notwendig war.

Das notwendige Handeln mochte durchaus auch Schiedsrichterbesetzungen oder medizinisch avancierte Spielerbehandlungen betreffen. Und sorgte dafür, dass Juventus in einem durchschnittlichen Jahrzehnt vier- bis fünfmal den italienischen Meistertitel gewann. Es kam vor, dass – wie Ende der 80er-Jahre, als Silvio Berlusconi obszöne Geldmengen in die A.C. Milan steckte, um es dem Turiner Establishment, das auf ihn herabschaute, zu zeigen – einige Jahre nichts von Bedeutung gewonnen wurde.

Aber Italien wusste: vulgäre Neureiche wie Berlusconi oder Craxi, die Staub aufwirbeln, kommen und gehen. Wenn sich der Staub dann gesetzt hat, stellt sich die natürliche Ordnung der Dinge wieder her und die ewigen Institutionen übernehmen wieder die ihnen zustehende Herrschaftsrolle: Institutionen wie der Juventus F.C. oder die Democrazia Cristiana.

Die Frage, ob das gut oder schlecht war (und wenn ja, für wen), stellte sich nicht. Es war.

So wie die Kommunisten, die Radikalen, die Liberalen über Jahrzehnte die Dominanz der Democrazia Cristiana kritisierten, beklagten, akzeptierten und heimlich bewunderten, so wurde die Herrschaft der Juve über die Serie A von Milan-, Inter-, Roma- und Napolifans kritisiert, beklagt, akzeptiert und heimlich bewundert. „Furbizia“, stilvoll-schlaue Gerissenheit, ist das – eigentlich unübersetzbare – Schlüsselwort der italienischen Kultur. Es ist eine allgemein bekannte italienische Wahrheit, dass Furbizia belohnt werden muss. Und niemand war mehr „furba“ als die Juve oder die Democrazia Cristiana.

Bis irgendeinmal das bis dahin Undenkbare geschah und allgemein bekannte Wahrheiten außer Kraft gesetzt wurden. Furbizia wurde unvorhersehbarerweise auf einmal streng bestraft, 1992 bei der Democrazia Cristiana, 2006 bei Juventus.

Am Schicksal der Democrazia Cristiana bestätigte sich der wahre Kern des Sinnspruches „The things that make you live will kill you in the end.“ Die Grande Juventus wurde dafür, dass Unrecht plötzlich als Unrecht gewertet wurde, in die Serie B versetzt, fand sich an Mittwochabenden statt in Old Trafford im Stadio Ezio Scida in Crotone wieder.

Eine Serie A ohne Juventus, das bemerkten aber auch bald die Interisti, die zuerst über die Strafversetzung jubelten, war keine Serie A, die sie wollten. Statt im Derby d`Italia zu verlieren gegen Catania gewinnen? Ein Jahr lang nett, aber nichts auf Dauer Wünschenswertes.

Der Tenor unter den Fans der Konkurrenzvereine, die sich als ewige Opfer der Juve-Furbizia fühlten, war nach kurzer Zeit: Gut, dass Juventus die Flügel gestutzt wurden. Und gut, dass Juventus – nach einem Jahr in der Serie B – in die erste Liga zurückkehrte.

Ich sah das ähnlich. Freute mich, dass Juve ab 2007 wieder da war. Und freute mich auch, dass sie noch einige Jahre brauchte, um annähend die gewohnte Stärke zu erreichen. In Italien ist es ihr aufgrund der allgemeinen Krise der Serie A schon vor drei, vier Jahren gelungen, wieder dominant zu werden. In den Europapokalwettbewerben spielte sie aber seit 2006 keine Rolle.

In den letzten Jahren hat die Juve ein neues, schönes Stadium gebaut, das allen Erfordernissen an eine optimale Vermarktung entspricht. Die Vermarktung erfolgt unter der Catchphrase „fino alla fine“, also: bis zum Ende. Mir gefällt dieser Spruch nicht. Er klingt mir zu sehr nach dem „mia san mia“ des FC Bayern, den ich nicht sehr mag. Ich mag auch Juventus nicht. Aber Juventus gehört zu meinem Leben wie die Furbizia. Fino alla fine.

Gestern hat Juventus zum ersten Mal seit 2006 ein Champions-League-Viertelfinalspiel gewonnen und das ist gut so.

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