I guess I´ll have to do it while I´m here

Intellektuell inkonsistent

Month: June, 2015

6 Bücher, die mich 2015 beeindruckt haben (und ein P.S.)

Sarah Helm, If this is a woman, Ravensbrück, Life and Death in Hitler´s Concentration Camp for Women

Eine umfangreiche Geschichte des Schicksals der Gefangenen im Konzentrationslager Ravensbrück, die den Mythos, dass die Opfer sich widerstandslos in ihr Schicksal ergeben hätten, eindrücklich widerlegt. Nicht nur eine erschütternde Anklage gegen die Naziverbrecher, sondern vor allem ein Denkmal für Katharina Waitz, Yevgenia Klemm, Vera Vanchenko, Else Krug und viele andere Heldinnen, die bewiesen, dass es möglich ist, unter den grauenhaftesten Umständen Mut und Menschlichkeit zu beweisen. Wie die ehemalige Gefangene Jeannie Rousseau, die sich weigerte, Waffen für die Nazis zu erzeugen, der Autorin erzählt: “You can refuse what is happening, or go along with it. I was in the refusal camp.” Inspirierend.

Sofja Tolstaja, Eine Frage der Schuld

Die literarische Antwort Sofja Tolstajas auf die schwer erträgliche „Kreutzersonate“ ihres berühmten Ehemannes. Wie der Kritikers Ron Rosenbaum zusammenfasst: „Thematically, she counters her husband’s rage against sex and love with what is, cumulatively, a deeply affecting defense of love. A portrait of love from a woman’s point of view unlike any you can find in Tolstoy.“

Robert MacFarlane, The Old Ways

Ich stapfte immer schon gerne irgendwelchen kaum erkennbaren Pfaden entlang. Robert MacFarlane erklärt mir, warum. Das Buch beschreibt Reisen durch Devon, durch die Äußeren Hebriden, durch das Westjordanland, in den Himalaja und in die kastilische Hochebene. Vor allem aber ist es eine „geographische Biographie“, eine Wanderung auf den Spuren des Dichters Edward Thomas, ein Buch „about the landscape and the human heart“.

John Hooper, The Italians

John Hooper, langjähriger Italienkorrespondent des „Economist“, hat ein Buch geschrieben, mit dem er versucht, Luigi Barzinis berühmtes „Porträt der italienischen Bevölkerung“ aus den 60er-Jahren in der Gegenwart neu zu schreiben. Natürlich driftet dieses Buch wie jeder journalistische Versuch einer Mentalitätsgeschichte ins Anekdotische ab, natürlich generalisiert der Autor unzulässigerweise. Aber das Buch erläutert auch sehr vergnüglich typisch italienische Konzepte, vom menefreghismo über die dietrologia bis zur furbezza. Ein unterhaltsames Begleitbuch für Italienurlaube.

Julie Welch, The Biography of Tottenham Hotspur

Die liebevolle Darstellung der Geschichte meines Lieblingsfußballklubs seit seiner Gründung durch einige Schulbuben aus Nordlondon im Jahre 1882. (Die Autorin Julie Welch war 1969 die erste Frau, die bei einer englischen Zeitung als Sportjournalistin beschäftigt wurde.)

Elena Ferrante, I giorni dell’abbandono

„Un pomeriggio d´aprile, subito dopo pranzo, mio marito mi annunciò che voleva lasciarmi.“ 

Ein elegant-beiläufiger Anfangssatz, der die Geschichte einer Frau einleitet, “who is, in effect, razed to the ground by her husband’s leaving her, but who rebuilds herself over time, after looking at herself from the outside, as if observing someone else.” Elsa Ferrante ist die wohl bedeutendste italienische Schriftstellerin der Gegenwart. „Her novels are intensely, violently personal, and because of this they seem to dangle bristling key chains of confession before the unsuspecting reader.“  Jedes ihrer Bücher ist wert, gelesen zu werden.

P.S.: Enttäuscht war ich von Kim Gordons “Girl in a Band”, einer sehr konventionellen Rockstarautobiografie voller ödem Celebrityklatsch. Ich musste nach der Lektüre “Goo”, “Dirty” und “Daydream Nation” mehrfach anhören, bevor ich Mrs. Gordon wieder Bewunderung entgegenbringen konnte.

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Aber das ist keine Frechheit. Das ist Verzweiflung.

Eine Kolumne von Lisi Moosmann, zurzeit in ihrem Büro

Immer wenn man denkt, es geht nicht mehr, kommt ein neuer Gipfel daher. Die Zeitschriftenhändlerin in Manhattan Beach riet mir, für die aktuelle “Vanity Fair”-Ausgabe lieber eine Vorbestellung zu hinterlassen, als ich mich am vergangenen Donnerstag bei ihr nach dem neuen Heft erkundigte. Die Geschichte ist ja auch einfach spektakulär: Die griechischen Botschaften, so konnte man neulich lesen, wurden angehalten, ihre Bargeldbestände nach Hause zu schicken. Jeder Cent zählt. Der österreichische Journalist Robert Misik hat neulich darauf aufmerksam gemacht. Aber der Balkan-Byzantinismus ist nicht so schnell kleinzukriegen.

Auf Deutschland übertragen wäre das so, als ob Franz Beckenbauer erklären würde, er habe immer im falschen Körper gelebt und nun im Abendkleid sein wahres Ich gefunden. Deshalb wird auch mit allen Kräften versucht, die Grenze zu überwinden, wenn man bei Geburt auf der falschen Seite gelandet ist.

Natur ist hier nur Natur bis zum Menschen, danach verliert sie ihre Macht.

Eine Ohrfeige für die Deutschen.

(Alle Sätze verdanke ich den SPON-Kolumnen der Alphaqualitätskolumnisten Augstein und Fleischhauer vom 4.6.2015 bzw. 9.6.2015.)