Fragmente eines sehr großen Sommers

by lisimoosmann

Ich hatte in diesem Sommer viel Zeit.

Zeit zu reisen, Zeit zu lesen, Zeit, lange Aufgeschobenes nachzuholen. Making love, making waves and not making sense.

Soundtrack dieses langen, heißen Sommers war für mich Courtney Barnetts “Sometimes I sit and think, and sometimes I just sit“. Manchmal auch Kendrick Lamars “To pimp a butterfly“. Und “Numero 9” von Ntò feat. Stirpe Nova.

Großen Spaß machte es, mit dem 1915 erschienenen Buch “Old Calabria” von Norman Douglas durch Kalabrien zu ziehen und festzustellen, wie viel sich in 100 Jahren verändert hat. Und: dass sich manche Dinge nie verändern.

Leichte Strandlektüre boten die zwischen scharfsinnigen Beobachtungen, parteiischen Wertungen und amüsantem Klatsch oszillierenden Tagebücher von Margot Asquith aus den Jahren 1914-1916.

In den Überresten des antiken Pompeii hätte ich mir keine bessere Begleiterin wünschen können als Mary Beard, die in “Pompeii – The Life of a Roman Town” etwa nachweist, dass es – entgegen allen Mythen – in Pompeii wahrscheinlich nur ein einziges Bordell gab, und auch erklärt, wie diese Stadt durch eine vornehmlich aus Eingeweiden hergestellte fermentierte Fischsauce zu Reichtum kam.

Neapel ist die Stadt Elena Ferrantes. Mit Blick auf das Castel dell’Ovo die “Storia della bambina perduta“, den abschließenden Band der “L’amica geniale”Saga gelesen zu haben: das wird mir lange in Erinnerung bleiben.

Mit Lyrik ergeht es mir leider allzu oft gleich wie Marianne Moore: I too dislike it. Aber Charles Reznikoff gelang das seltene Kunststück, in seinem Found Poem “Testimony: The United States (1885 – 1915)“, wie von Moore gefordert, “imaginary gardens with real toads” zu schaffen. Charles Simic schreibt dazu in der New York Review of Books: “It should not be surprising that “Testimony” is rarely assigned at our colleges and universities these days; it causes too much discomfort to those who prefer to know nothing about what goes on in the world. This may be precisely what Reznikoff intended with a book like this. Let whoever reads it be upset.” Er hat recht.

Der Bildband “Capa in Color” veränderte den Eindruck, den ich bisher von diesem berühmten Magnum-Fotografen hatte. Er zeigt keine Kriege, Grausamkeiten und menschlichen Tragödien, sondern optimistische Bilder von einer Nachkriegswelt im Aufbruch. Und oh my, wie schön Ava Gardner war.

Ein Artikel von Rory Stewart brachte mich – wenn die WLAN-Versorgung am Strand ausreichend war – dazu, im Gertrude-Bell-Archiv der Universität Newcastle zu stöbern. Die darin zugänglich gemachten Briefe, Fotos und Tagebücher bieten faszinierende Einblicke in Leben und Handeln einer hochintelligenten, mutigen und kreativen Frau, die – wie alle ihre Nachfolger bis heute – an der Aufgabe scheiterte, aus dem von Kurden sowie sunnitischen und schiitischen Arabern bewohnten Gebiet zwischen Dohuk und Basra einen kohärenten und stabilen Staat zu machen.

Erstmals mit Eric Ravilious konfrontiert wurde ich in Robert MacFarlanes Buch “The Old Ways“, in dem der Autor in einem Kapitel seine Wanderung durch die Marlborough Downs auf den Spuren von Ravilious beschreibt. Ein ungeplant lange dauernder Zwischenstopp auf der Rückreise aus Italien in London ermöglichte mir, einige Tage vor Ausstellungsende noch die erste große Sammelausstellung von Wasserfarbengemälden dieses Malers in der Dulwich Picture Gallery anzuschauen. Ich bin mir noch nicht sicher, wie Ravilious’s Werk einzuordnen ist. “Realist though they are, his paintings move towards dislocation, even abstraction, conjuring both past and present“, meint Jenny Uglow.

Der Sommer ist nun vorüber.

“‘Cause I love you more than ever now that the past is gone.”

Advertisements