Ungeordnete Gedanken zu Courtney Barnetts “Sometimes I sit and think, and sometimes I just sit” und einige Empfehlungen

by lisimoosmann

“Hey hey, my my
Rock and roll can never die.”

Neil Young sang vor bald 40 Jahren vor dem Hintergrund der Punk Revolution und dem Tod von Elvis Presley seine Hymne an die angebliche Unsterblichkeit der Rockmusik, die sich (“The king is gone but he’s not forgotten, is this the story of Johnny Rotten?”) ständig selbst erneuere. Jede Generation, so unterstellte Young hoffnungsvoll, werde ihre eigenen Teenage Kicks in Rockmusik kanalisieren.

Ich hatte schon lange Zweifel an der beschworenen Selbsterneuerungsfähigkeit der Rockmusik, in denen mich jede erfolgreiche Stadiontour reicher Rockherren im Pensionsalter bestärkte.

Eine Kunstgattung, deren Fachpresse ganz unironisch feierte, wenn der 70-jährige Paul McCartney mit dem 65-jährigen Billy Joel oder dem bald 50-jährigen Dave Grohl I saw her standing there (“Well, she was just seventeen, and you know what I mean, and the way she looked was way beyond compare”) in irgendeinem vollständig bestuhlten Riesenauditorium vor zehntausenden wohlsituierten Herrschaften meist gehobenen Alters vortrug, wirkte auf mich wie ihre eigene Karikatur.

Ich investierte also in den letzten Jahren nicht viel Geld in Rockmusik.

Das hat sich auch, nachdem ich Courtney BarnettsSometimes I sit and think, and sometimes I just sit im Frühjahr erworben habe, nicht wesentlich geändert. Und dennoch, zum ersten Mal in meinem Erwachsenenleben erzeugte bei mir ein neuerschienenes Rockalbum das Gefühl, direkt angesprochen zu werden. Warum das so war, das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen.

Musikalisch innovativ ist Courtney Barnett nicht. Aber musikalisch innovativ kann Rockmusik wahrscheinlich gar nicht mehr sein. Ich mag ihre hübschen Melodien, ihre Hooks, ihr oft aggressives Gitarrenspiel. Und ich war immer schon ein kleines bisschen in den angloaustralischen Akzent verliebt. Barnett wirkt sympathisch-charismatisch und gleichzeitig unsicher-schüchtern, eine Mischung, die mich immer anspricht. Aber all das ist nicht außergewöhnlich und erklärt nicht, weshalb Barnett in mir ein Gefühl der Nähe und Verbundenheit auslöst, das selbst Sleater-Kinney nicht bewirken.

Es müssen also die Texte sein.

Irgendwo las ich, “Sometimes I sit and think, and sometimes I just sit” fühle sich an wie eine vertonte Kurzgeschichtenanthologie. Das scheint mir eine treffende Beschreibung zu sein. Eine Kurzgeschichtenanthologie einer Frau meines Alters, die einen ähnlichen Mikrokosmos zu bewohnen scheint wie ich. Und die sich als “pedestrian at best” einschätzt.

All der selbstgerechte Bombast, der mir die Rockmusik in den letzten Jahre oft vergällt hat, fehlt Barnetts Songs.

Es bleiben: Beobachtungen auf der Wohnungssuche

(You said we should look out further, I guess it wouldn’t hurt us
We don’t have to be around all these coffee shops
Now we’ve got that percolator, never made a latte greater
I’m saving twenty three dollars a week“),

Selbstzweifel

(“I’m sorry for all of my insecurities, but they’re just a part of me
“Envy is thin because it bites but never eats”
That’s what a nice old Spanish lady once told me
“Hey Debbie-Downer turn that frown upside down and just be happy“),

Gedanken beim Autofahren

(“More people die on the road than they do in the ocean

Maybe we should mull over culling cars instead of sharks
Or just lock them up in parks where we can go and view them“)

oder im Supermarkt

(“Jen insists that we buy organic vegetables
And I must admit that I was a little skeptical at first
A little pesticide can’t hurt
Never having too much money, I get the cheap stuff at the supermarket”).

Dinge, die unsereiner so durch den Kopf geht, wenn uns etwas durch den Kopf geht.

Außerdem geht´s mir wie Courtney Barnett: ich mag Velvet Underground. Und: I’m not that good at breathing in.

P.S. Was ich in letzter Zeit auch oft und gerne hörte:

Kendrick Lamar, To pimp a butterfly

Sleater-Kinney, No cities to love

Vince Staples, Summertime 06

Father John Misty, I love you, honeybear

Napalm Death, Apex Predator – Easy Meat

Mbongwana Star, From Kinshasa

Natalie Prass, Natalie Prass

Donnie Trumpet & The Social Experiment, Surf

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