I guess I´ll have to do it while I´m here

Intellektuell inkonsistent

Month: November, 2016

What is truth?

Ich habe in diesem Monat mit Erstaunen zur Kenntnis genommen, wie viele Analysten schon sehr kurz nach dem überraschenden Wahlergebnis vom 08.11.2016 ganz genau wussten, weshalb Donald Trump die Präsidentenwahl gewonnen hat.

Weil die Analysen zwar mit großer Vehemenz vorgetragen wurden, die verschiedenen Diagnosen jedoch meist miteinander unvereinbar waren – hauptverantwortlich für Trumps Erfolg waren etwa der Feminismus, die Political Correctness, Hillary Clintons Versagen, die Globalisierung -, habe ich mir eine dieser Expertisen eines angesehenen Kommentators genauer angesehen: Thomas Pikettys vom 12.11.2016 datierenden Artikel „We must rethink globalism or Trumpism will prevail“.

Der Artikel beginnt mit einem starken Statement, das Ursache und notwendige Gegenmaßnahme bereits vorwegnimmt:

“Rising inequality is largely to blame for this electoral upset. Continuing with business as usual is not an option 

Let it be said at once: Trump’s victory is primarily due to the explosion in economic and geographic inequality in the United States over several decades and the inability of successive governments to deal with this.

Both the Clinton and the Obama administrations frequently went along with the market liberalization launched under Reagan and both Bush presidencies. At times they even outdid them: the financial and commercial deregulation carried out under Clinton is an example.” 

Piketty lässt hier keinen Raum für Zweifel: Hauptursache für Trumps Sieg ist die seit Jahrzehnten „explodierende“ ungleiche Einkommensverteilung in den USA.

Belege für diese kühne Behauptung führt er nicht an. Ich nehme daher eine kurze Google-Suche vor und finde heraus, dass die  transferbereinigte „Inequality“ in den USA nach dem GINI-Index im Jahr 1994 0,372 betragen hat, im Jahr 2010 0,373.  In den vergangenen 20 Jahren waren die Schwankungen dieses Koeffizienten in den USA insgesamt sehr gering (und deutlich geringer als in Ländern wie Deutschland und Spanien, in denen Rechtspopulisten keine oder eine sehr viel geringere politische Bedeutung als in den USA hatten und haben).

Wenn aber die Ungleichheit in den USA in den letzten 20 Jahren unverändert blieb, dann kann nach den Denkgesetzen der Aufstieg Trumps in den vergangenen 16 Monaten auch nicht „primarily“ durch die „explodierende“ Ungleichheit verursacht worden.

Weiter geht´s im Artikel so:

„What sealed the deal, though, was the suspicion that the Democrats were too close to Wall Street – and the inability of the Democratic media elite to learn the lessons from the Sanders vote.“

Hier statuiert Piketty – ebenfalls ohne Belege -, dass Bernie Sanders mit seinem Programm Trump besiegt hätte, wenn man ihn nur antreten hätte lassen. Der zu zentristische Wahlkampf Clintons sei also entscheidend –  aber nicht „primarily“? – für den Triumph Trumps gewesen.

Diese „Die-Linken-waren-nicht-links-genug“-Argumentation ist mir aus dem UK – etwa nach Millibands Wahlniederlage 2015 – gut bekannt, wird aber zumindest dort durch die Umfrageergebnisse, die den orthodox Linken Jeremy Corbyn und seine Labour Party momentan etwa bei 24% und damit 7 Prozentpunkte hinter dem Wahlergebnis von Ed Millibands linksliberaler Labour Party sehen, nicht gestützt.

Da bis heute noch nicht einmal ein endgültiges Wahlergebnis vorliegt, sind Untersuchungen, wie die Wahl ausgegangen wäre, wenn Sanders statt Clinton als demokratischer Kandidat zur Wahl gestanden wären, hochspekulativ. Es scheint jedoch bisher nicht den geringsten Anhaltspunkt, geschweige einen Beweis, dafür zu geben, dass Sanders ein besseres Wahlergebnis als Clinton erzielt hätte.

Dann führt Piketty aus: “Hillary won the popular vote by a whisker (60.1 million votes as against 59.8 million for Trump, out of a total adult population of 240 million), but the participation of the youngest and the lowest income groups was much too low to enable key states to be won.“

Auch die in diesem Satz aufgestellten Behauptungen sind gefühlt, nicht evidenzbasiert:

Clinton gewann 2 Millionen Stimmen mehr als Trump, und es gibt bis zum heutigen Tag zumindest keine mir zugängliche Datengrundlage für die Behauptung, die ärmsten Bevölkerungsgruppen hätten weit überproportional demokratisch gewählt, wenn sie in größerer Zahl zur Wahl gegangen wären. (Nate Silver spricht demgegenüber etwa davon, dass sich eine “educational gap” feststellen ließe: die weniger formal Gebildeten hätten überproportional Trump gewählt.)

Der Rest des Piketty-Artikels beschäftigt sich dann mit den Maßnahmen, mit denen Politiker wie Trump zukünftig wirksam bekämpft werden können. Sie entsprechen im wesentlichen dem, was Piketty schon seit Jahren fordert: Stärkung des ArbeitnehmerInnenschutzes bei Handelsabkommen, höhere Steuern für Großunternehmen, Verhinderung von Schiedsgerichten in Handelsabkommen und Beschränkung des Investorenschutzes. Dazu werden for good measure noch zwei Absätze zum „Klimaschutz“ eingefügt, der, soweit erkennbar, auch nach Pikettys Ansicht nicht relevant für den Wahlausgang war, aber von ihm – richtigerweise – für bedeutsam gehalten wird.

Während die erste Hälfte seines Artikels – der Teil Ursachenforschung – also mit Fakten, vornehm ausgedrückt, sehr kreativ umgeht und keine Truth sucht, sondern Truthiness statuiert, gibt die zweite Hälfte des Artikels das, was der Autor immer schon für gut und wichtig erachtet hat, als notwendige Lehre aus Trumps Erfolg aus. Insoweit unterscheidet sich auch dieser angesehene Ökonom methodisch nicht relevant von den medialen Meinungsschleuderern, die täglich auf alle Fragen sofort eine Antwort haben.

Ich weiß auch nicht, was „die Ursache“ für Trumps Wahlsieg ist. Ich vermute, es ist kompliziert. Und wäre froh, wenn mehr Menschen dieser Vermutung nachgingen.

Podcasts

Momentan hat ja medial so ziemlich alles Digitale eine schlechte Nachrede. Me, I like me my Internet. Es macht mich gescheiter, weil es mir einfachen Zugriff aus sehr viele interessante und amüsante Dinge ermöglicht, von denen ich früher vermutlich nie gehört hätte.

Zugreisen, Autofahrten, Spaziergänge ohne diese Podcasts mag ich mir gar nicht mehr vorstellen:

– This American Life

Life, liberty and the pursuit of happiness. As good as it gets.

– Football Weekly

Seit der elften Schulstufe zweimal wöchentlich meine Laufbegleitung. Ich mag gerade jetzt Gary Lineker sehr. Aber James Richardson ist der perfekte Fußballmoderator: humorvoll, geistreich, europhil, belesen, an allem interessiert. Ein Crush seit über 10 Jahren. What else can I say?

– Talk Nerdy

Cara Santa Maria führt Interviews mit WissenschaftlerInnen. Die Themen sind weit gefächert: vom Berglöwen über Atheismus, von Dinosauriern bis zum Weltraumteleskop Hubble und zur Amundsen-Scott-Südpolstation.

– Serial

“This-American-Life”-Spinoff. Von Sarah Koenig. Season 2 erzählt die Geschichte Bowe Bergdahls, der als US-Soldat in Afghanistan das Army-Lager verließ, von den Taliban entführt und 5 Jahre lang gefangengehalten wurde, bis er 2014 in einem Gefangenenaustausch frei kam. Was das Medium Podcast optimalerweise sein könnte: Serial zeigt es.

– Longform

Wöchentlich ein ausführliches  Gespräch mit einer Nonfiction-AutorIn. Ziemlich diverses Themenspektrum. Doreen St. Félix war vor 14 Tagen Gast, Emily Witt vor drei Wochen.

– Startup

Alex Blumberg gibt seine Stelle als Produzent bei “This American Life” auf, um ein Podcast-Startup, Gimlet Media, zu gründen und macht einen Podcast über seine Erfahrungen dabei. Sehr meta, aber gleichzeitig sehr real.

– Freakonomics Radio

Stephen Dubner über Wirtschaft im weitesten Sinn. Uber, das Lob des Inkrementalismus, Wahrscheinlichkeit, Flugangst. Kulturgeschichtlicher Background immer inklusive.

– n+1 Podcast

“n+1” ist neben der “Paris Review” das mir am nächsten stehende Artsfartsy-Magazin. Der Podcast erscheint unregelmäßig. Aber: wer sich für Gespräche über den patriotischen Hymnenfetischismus im US-Sport, moderne Liebe oder Heroin interessiert, nimmt das gerne in Kauf.

– Collinas Erben

Von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Die beiden Moderatoren beweisen, dass talentierte Menschen alles interessant machen können, wenn sie sich bemühen. Sogar Schiedsrichtertaktik. Auch sprachlich unübertroffen. Der beste deutschsprachige Podcast, den ich kenne.

– Tiny Desk Concerts

Konzerte im Kammerl. Von NPR. Aufgrund der Prämissen zwangsläufig indie- und songwriterlastig.

– TLS Voices

Wöchentlicher Podcast des Times Literary Supplement, über TLS-Themen. Oft – aber immer noch zu selten – mit Mary Beard. Not totally sold on Stig Abell. Hearting Thea Lenarduzzi, though.

– In Our Time

Podcast über die “History of Ideas”. Melvyn Bragg und wechselnde ExpertInnen sprechen wöchentlich über ein Thema. Das kann Turners “Fighting Temeraire” oder “Aurora Leigh” sein. Diversity rules.

The Secret History of Hollywood

Adam Roche erzählt ausführlich Geschichten aus der großen Zeit Hollywoods. Leider ist das Archiv mit Ausnahme der Warner-Brothers-Geschichte “Bullet and Blood” zumindest im Moment nicht mehr frei zugänglich. Unglaublich polished.

– My Dad Wrote A Porn

Sein Vater schrieb einen Porno, “Belinda blinks”.. Er liest ihn vor, ein Freund und eine Freundin kommentieren. Funny stuff.

– The Canon

Amy Nicholson und Devin Faraci schauen sich in jeder Episode einen klassischen Film an und diskutieren, ob der Film in den Kanon der All-Time-Greats gehört. Am besten mit anderen zusammen genossen, nachdem man sich in der Gruppe den thematisierten Film gemeinsam angesehen hat. Mein Montagabendvergnügen im Herbst und Winter.

Es gibt darüberhinaus natürlich eine Vielzahl weiterer interessanter Podcasts, die ich, wann immer es die Zeit zulässt, gerne konsumiere: Radiorebell, The Long View, Rasenfunk, Second Captains, You must remember this, Chunky Glasses. Gerade neu begonnen habe ich mit Tell me something I don´t know. Und Crimetown, das in den nächsten Tagen startet, klingt auch hörenswert.

P.S. Für Empfehlungen bin ich immer dankbar. Sowohl Podcasts als auch  Lesestoff betreffend.

 

 

 

(What’s so funny ’bout) peace, love, and understanding?

  1. Der Versuch, mehr oder weniger willkürlich und oft biologistisch definierte Gruppen nach Art des Inquisitionsverfahrens zu Verantwortlichen  zu erklären, ist weder progressiv noch zielführend.
  2. Ängste um den eigenen Status und der Wunsch, diesen Status von einem starken Staat vor jeder Veränderung schützen zu lassen, sind ebenso wie Ressentiments nicht gruppenspezifisch.
  3. Ökonomische Faktoren erklären nicht alles.
  4. In manchen Situationen reichen die kleinen Tugenden nicht aus.
  5. Es ist kompliziert.
  6. Was Winston Churchill sagt: meanwhile, never flinch, never weary, never despair.
  7. The planet goes on being round.
  8. Was Heinz Kamke sagt: weiter bin ich noch nicht.

P.S.: Ketzerischer Gedanke: ob die Menschen, die Trump gewählt haben, hauptverantwortlich für den Trump-Erfolg gewesen sein könnten?