I guess I´ll have to do it while I´m here

Intellektuell inkonsistent

Category: Aus dem Leben einer Taugenichtsin

Magic of the Cup

Der Football Association Challenge Cup ist der älteste Fußballwettspielwettbewerb der Welt. Irgendwann vor langer, langer Zeit, so erzählten mir schon vor 10 Jahren alte huttragende Männer, sei diezser Wettbewerb der bedeutendste Fußballwettspielwettbewerb der Welt gewesen.

Wichtiger als jede Meisterschaft. Legendenbildend.

Und tatsächlich enthält jedes englische Fußballgeschichtsbuch viele Kapitel über legendäre FA-Cup-Finali. Das erste Finale in Wembley im neueröffneten – mit 200000 Zuschauern überfüllten – „Empire Stadium“ 1923, als die Bolton Wanderers den West Ham United F.C. besiegten. „The Matthews Final“ 1953, als der legendäre Stanley Matthews den Blackpool F.C. zu einem 4:3 über die Bolton Wanderers führte und damit den einzigen Titel seiner mehr als 30-jährigen Karriere errang. Das Finale 1956, in dem der ehemalige deutsche Kriegsgefangene Bert Trautmann als Tormann trotz eines Genickbruches bis zum Ende durchspielte und mit Manchester City den Cup gewann. Oder das Finale 1988, in dem die „Crazy Gang“ des Wimbledon F.C. den damaligen englischen Rekordmeister Liverpool besiegte.

Ich brachte dem FA Cup schon deshalb immer eine gewisse Zuneigung, entgegen, weil mein Lieblingsverein, der Tottenham Hotspur F.C., nicht nur der erste und einzige „Non-League“-Verein war, der den Cup gewann (im Jahr 1901), sondern auch 1961 als erster Verein im 20. Jahrhundert das Double aus Meisterschaft und Cup erreichte (und zudem mit 8 Cupsiegen immer noch nach dem Arsenal und Manchester United der dritterfolgreichste Verein in der Geschichte dieses Bewerbes ist.)

In den letzten Jahrzehnten verlor der FA Cup aber gegenüber der Champions League und der Premier League so an Relevanz, dass ein Verein wie Manchester United sogar schon freiwillig aus dem laufenden Bewerb ausgestiegen ist, um die Spieler für – insbesondere finanziell – wichtigere Bewerbe zu schonen. Wenn ich ehrlich bin, muss ich selber zugestehen, dass ich mich in den letzten Jahren, sobald die Spurs – meistens in einer der ersten Runden – ausgeschieden waren, frühestens ab dem Semifinale dafür zu interessieren begann, wer denn noch im Rennen um den Pokalsieg war.

Die Medien versuchen auch heuer – wie jedes Jahr  – den FA Cup mit Geschichten von erfolgreichen Underdogs, von angeblich charakteristisch-englischen Tugenden wie Fairness und Kampfgeist, die gerade in Pokalspielen zu „Shocks“ und „Upsets“ führen, aufzupolieren und seinen verlorenen Glanz wiederherzustellen. Mit Sagen vom „Magic oft the Cup“.

Irgendwie infizieren mich diese Artikel diesmal ein bisschen und ich lasse mich – inspiriert vom vielen melancholischen Gerede – von einem Bekannten überreden,  ins einige Kilometer entfernte Hartlepool zu fahren, um mir das Cup-Spiel des Letzten der vierten Profiliga, Hartlepool United, gegen den Siebtligaverein Blyth Spartans anzusehen und selbst zu überprüfen, wieviel Magie noch im Pokal steckt.

Obwohl die beiden Vereine 40 Meilen und drei Spielklassen von einander entfernt sind, wird das Spiel in der Presse als „Derby“ angepriesen, was allerdings in Zeiten, in denen Begegnungen zwischen Napoli und Catanzaro (Entfernung 404 km) als “Südderby“ bezeichnet werden, nur  mittelbefremdlich erscheint.

Ich habe keinen besonderen Bezug zu einem der beiden Vereine, entschließe mich aber, weil ich schon immer eine Abneigung gegen Sparta und alles spartanische hatte, der Heimmannschaft die Daumen zu drücken, zumal ein Verein, dessen Maskottchen H’Angus the Monkey zum Bürgermeister des Ortes gewählt wurde, Skurrilitätsbonuspunkte verdient.

Und so stehe ich eineinhalb Stunden vor Kickoff gut eingehüllt am Bahnhof von Hartlepool und machte mich auf den kurzen Fußweg zum Stadion.

Ich lasse mir auf dem Weg zum Stadion von meinem Begleiter zum ersten Mal widerwillig einen “mulled wine” überreichen und, bevor wir das Stadion betreten, schon weniger widerwillig einen zweiten. Es könnte ja sein, dass für dieses englische Alkoholwarmpanschgetränk recht ist, was für Reiswein oder Bardolino billig ist: dass es genau ein Umfeld gibt, in dem ein solches grundsätzlich ekelhaftes Gesöff genießbar ist. Und ein FA-Cup-Zweitrundenspiele gerade dieses eine, einzigartige, Umfeld darstellt.

Wir erreichen das Stadion in einer Gruppe Fans, die lautstark über Marlon Harewood, einen langjährigen Premiere-League-Stürmer, der als 35-jähriger seine Karriere in Hartlepool ausklingen lässt und wohl bisher eine bescheidene Saison erlebt hat, diskutieren.

Gestärkt von einem Pie begeben wir uns zu unseren Plätzen auf der Gegentribühne unmittelbar hinter der Bande. Vor uns sitzen zwei vielleicht zwölfjährige Mädchen – an der Bande angelehnt – im Gras und unterhalten sich über “Girl Online”, den Jugendbuchbestseller des Augenblicks. Ich blicke ein bisschen um mich herum. Im Stadion wird für “Smith & Graham, Solicitors”, “Betfred” und 150 Jahre lokale Brauereiexzellenz geworben anstatt für Samsung und Coca-Cola. Es sind vielleicht 3500 Zuschauer anwesend, das Stadion ist nicht annähernd ganz gefüllt, als angepfiffen wird.

Das Spiel entwickelt sich zunächst, wie zu erwarten war. Die höherklassige Heimmannschaft versucht Druck zu machen, in erster Linie durch hohe Bälle in Richtung des Strafraumes. Die Auswärtsmannschaft wehrt sich, so gut es geht, durch aggressiven Körpereinsatz. Der Ball befindet sich einen beträchtlichen Teil der Spielzeit in der Luft und überfliegt die Zone 30 Meter dies- und jenseits der Mittellinie in regelmäßigen Abständen. Noch vor der Halbzeit gelingt Hartlepool der Führungstreffer, und eine Zeit lang sieht es ganz so aus, als ob damit das Spiel entschieden wäre.

Es wird immer kälter und windiger im Stadion, aber der dritte Alkoholgewürztee des Abends, den ich in der Halbzeitpause gereicht erhalte, beginnt mir tatsächlich zu schmecken.

Nach der Pause ändert sich der Spielverlauf. Die Amateure müssen vom Trainer ermuntert worden sein, mehr zu riskieren, und beginnen, sich aus der Umklammerung zu befreien. Ihr auffälligster Spieler, die rothaarige Nr. 17, löst sich immer durch schnelle Antritte von seinen routinierten, bisher meist gut stehenden, aber behäbigen, Bewachern.

Dann, etwa nach einer Stunde fällt der Ausgleich durch einen direkt verwandelten Freistoß. “Glücklich, aber nicht unverdient”, würde der durchschnittliche Sportkommentator sagen. Und jetzt wird es aufregend: Altstar Harewood drückte den Ball aus kurzer Entfernung, wie es aussieht, über die Torlinie. Aber der Schiedsrichter ist der Ansicht, der Ball habe die Linie nicht mit seinem ganzen Durchmesser überschritten und gibt kein Tor. Als sich in der 90. Minute schon alle damit abgefunden zu haben scheinen, dass es ein Wiederholungsspiel in Blyth geben wird, drischt ein Mittelfeldspieler der Spartans den Ball nach vorne, ins rechte Halbfeld. Der Ball erreicht, bevor ihn die anstürmende Nummer 7 erlangen kann, einen Heimverteidiger, der ihn weggrätschen will, aber am Ball vorbeischlägt. So läuft in der letzten Minute des Spiels plötzlich der rechte Außenstürmer der Blyth Spartans allein auf das Tor zu, tänzelt kurz zuerst nach rechts, dann nach links, und schiebt den Ball routiniert links am Tormann vorbei zum 1:2.

Es folgen: ekstatischer Jubel bei den Spartanern, langeanhaltendes Kopfschütteln bei den Fans der Heimschaft und der Abpfiff.

Und als sich die Sieger von ihren mitgereisten Anhängern verabschieden und vom ganzen Stadion beklatscht werden, da erscheint mir der FA-Cup – vielleicht auch nur alkohol- oder kälteinduziert – wirklich einen Moment lang magisch.

Advertisements

Unter Mackems, Geordies und Monkey Hangers, Teil I

Wer wie ich einige Zeit des Lebens in England verbracht hat, kommt zwangsläufig ein bisschen im Land herum. Irgendwann verschlägt es eine irgendwie auch nach Aylesbury, Exeter oder Thetford.

Selbst den in London und den Home Counties immer mehr vage als zu bewältigendes Problem („Tottenham face a long trip up north to Morecambe fort he third-round tie“) erwähnten und weniger geographisch präzise verorteten Norden habe ich früher bei Reisen schon gestreift.

Vom „Great North East“, der Gegend um Newcastle, Sunderland und Durham, die nie am Weg nach irgendwo durchquert wird – es sei denn, man wollte nach Stavanger segeln – hatte ich allerdings keine Ahnung. Sondern höchstens einige aus Fernsehserien wie „Auf Wiedersehen, Pet“, „Whatever happened to the Likely Lads?“ oder „Our friends in the North“ gespeiste Vorurteile. Von Selbstlaute absurd dehnenden, Wörter willkürlich falsch betonenden, trinkfesten und gutgelaunten Leuten, die sich ungesund ernährten und heruntergekommene Städte voller Industrieruinen bewohnten.

Ich begab mich also nach Neuland, als ich im Spätsommer meinen Lebensmittelpunkt nach Sunderland verlegte.

Schnell fiel mir der vorherrschende Tribalismus auf. Es existierte eine Vielzahl selbstkreierter Stämme, die sich von anderen – ebenso willkürlich geschaffenen – Stämmen abgrenzten und sich wechselseitig mit mehr oder weniger herabwürdigenden Namen versahen. „Geordies“, „Mackems“, „Monkey Hangers“, „Pit Yackers“, „Smoggies“.

Die größte Rivalität bestand offensichtlich zwischen „Geordies“ und „Mackems“.

Auf den ersten Blick erschien sie einer Laiin wie mir überwiegend fußballbezogen (das Geordie-Heiligtum Newcastle United und die Mackem-Ikone AFC Sunderland sind die konkurrenzierenden und seit Jahrzehnten traditionell erfolglosen „massive football clubs“ der Gegend), aber ihre historischen Wurzeln lägen schon Jahrhunderte zurück, wie mir mein Vermieter, ein „Mackem“, in einem Privatissimum anlässlich der Wohnungsübergabe erläuterte.

Kurz vor dem Bürgerkrieg 1642 habe König Charles I. alle Rechte zum Handel mit Kohle im Nordosten des Landes den Kaufleuten von Newcastle übertragen, was diesen ein faktisches Kohlenmonopol und der englischen Sprache ein Sprichwort über die Zwecklosigkeit der Lieferung von Kohle nach Newcastle eingetragen habe. Die Händler im nahegelegenen Sunderland seien jedoch dadurch verarmt.

Aus Dankbarkeit für diese Privilegien habe sich das Gebiet um Newcastle im Bürgerkrieg auf die Seite des Königs geschlagen, während Sunderland die Parlamentsarmee Cromwells unterstützt und schließlich mit schottischer Unterstützung im Gefolge der Schlacht von Boldon Hill sogar die Stadt Newcastle besetzt habe.

Die heutigen Bezeichnungen dieser rivalisierenden Gruppen hätten sich erst später entwickelt.

Mackem“ stamme von „mack´em, tack´em“, weil die reicheren Bewohner von Newcastle (ausgesprochen „Nyurcassle“) die Einwohner Sunderlands dafür, dass sie Schiffe bauten („mack´em“), die dann aber von anderen übernommen („tack´em“) wurden, mit dieser Bezeichnung verhöhnt hätten.

Geordie“ hingegen sei eine Abwandlung des Namens “George“ und gehe auf die Unterstützung der Bevölkerung Newcastles für König George I. (oder George II.) in einer der Stuart-Rebellionen (1715 oder 1745) zurück. Oder auf vom berühmten Ingenieur George Stephenson entwickelte Lampen für den Kohlebergbau. Oder auf irgendetwas ganz anderes.

Faktum sei, dass nach der herrschenden Meinung „Geordies“ die Gegend zwischen Wylam im Westen und Tynemouth im Osten bewohnten, während „Mackems“ das Stadtgebiet von Sunderland bevölkerten. Puristen verlangten allerdings, dass ein „Geordie“ in Sichtweite des River Tyne, ein „Mackem“ in Sichtweite des River Wear geboren wurde.

Da von meinem Balkon aus bei guter Sicht der Wear zumindest erahnbar sei, könne ich mich ja als Adoptiv-Mackem verstehen, meinte der Vermieter, als er mir die Wohnungsschlüssel aushändigte.

Frau Moosmann trifft den Erzbischof von Banterbury und wird ausfällig

Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass Menschen den Drang verspüren, andere zu beeindrucken.  

Manche versuchen, durch ihren Körper und ihr Aussehen aufzufallen. Andere durch ihr Wissen und ihren Esprit. Wieder andere durch Witz und Charme. Und viele durch eine Kombination aus all dem.

Gegen diesen Drang ist nichts einzuwenden. Er sorgt dafür, dass wir uns anstrengen. Anstrengen, möglichst gut auszusehen. Anstrengen, möglichst kenntnis- und geistreich zu wirken. Und er spornt uns an, Dinge zu tun und uns Dinge anzueignen, die es uns erleichtern, so zu wirken, wie wir es uns wünschen.

Man könnte argumentieren, dass dieser Drang eine Antriebskraft der Zivilisation ist. Wenn wir uns bemühen, schöner, witziger, schlauer zu wirken, werden wir oft auch schöner, witziger und schlauer.

Das kann in Einzelfällen kontraproduktiv sein und einstudiert oder sogar lächerlich erscheinen. Aber grundsätzlich gilt: wer von anderen positiv wahrgenommen werden will, gibt sich Mühe, seine Schattenseiten zu verbergen. Weshalb eine wie ich, die diesem Drang folgend oft selbst unfreiwillig komisch gewirkt haben muss, und sich ihr Selbstbewusstsein im Glanze der Nachsicht anderer bewahrt hat, hoffentlich nie jemanden für ein sein Bemühen, besser zu scheinen, als zu sein (sei dieses vielleicht auch objektiv noch so missglückt), kritisieren wird.

Demgegenüber beabsichtige ich, all meine Kritikfähigkeit einer – vor allem bei jungen Männern – verstärkt zu beobachtenden Aberration dieses Dranges zu widmen: dem „Banter“.

„Banter“ wird – nicht nur in Großbritannien – jene oberflächliche Witzelei genannt, die jedes ernsthafte Gespräch dadurch verunmöglicht, dass sie anstrebt, mit allen Mitteln die Aufmerksamkeit vom Gesprächsthema – was immer das sein mag – auf den Gesprächspartner zu lenken.

Im „Banter“ wird nichts ernst genommen, alles ist „fair game“, und jedes noch so kindische Mittel recht, um „Punkte zu machen“ (die dann gerne noch selbst belacht, zustimmend kommentiert und dem eigenen Konto zugeschrieben werden).

Vor allem aber versucht man mit „Banter“ nicht, dadurch Eindruck zu erzielen, dass man sich von seiner besten Seite präsentiert. Sondern dadurch, dass man den „Mut“ hat, sich von der schlechtesten Seite darzustellen.

Vom expressiven Bewerben der eigenen Flatulenzen („Smells like teen spirit, bantabulous!“) über die Verächtlichmachung des Gesprächspartners („You look like a big turd, banteriffic!“) und die Glorifizierung der eigenen und fremder Geschlechtsteile bis hin zu offenem Sexismus und  Rassismus, oft nur eines idiotischen Wortwitzes willen. Alles, um sich in den Mittelpunkt zu stellen und zum „Bantersaurus Rex“ (Selbstbezeichnung!) zu werden. Und alles natürlich nur im Spaß, nicht böse gemeint. Sondern top, top bantz, an dem sich höchstens humorlose Spießerinnen, wie ich es eine bin, nicht erfreuen.

Als ich vor einigen Tagen in England eine neue Arbeitsstelle antrat, stellte sich mir ein im gleichen Stockwerk beschäftigter junger Mann grinsend als „Archbishop of Banterbury“ vor und teilte mir – auf meine Brüste deutend mit – er lebe gesund, weshalb er gerne Äpfel konsumiere, aber – und dabei setzte er mit einem Augenzwinkern an, meinen Hintern zu tätscheln – auch Melonen nicht verachte.

Ich brachte ihm gegenüber in der erforderlichen Deutlichkeit, aber gerade noch gewaltlos, zum Ausdruck, dass ich weder ihn noch seine Äußerungen zu tolerieren geneigt war, worauf er mir fast ein wenig verstört erklärte, er habe doch nur die Atmosphäre durch etwas „Banter“ auflockern wollen. Dann verabschiedete er sich, mir vorwurfsvoll zurufend: „Can´t you take a joke?“

Mir fiel darauf keine bantastischere Antwort ein als: „I could. But I won´t.“

Frau Moosmann begibt sich mit einem Erotikcomic in die Formatradiohölle und wundert sich, dass Porno wirkt

Viele Frauen, heißt es, gehen gerne zum Frisör.

Ich gehöre nicht zu diesen Frauen. Aus vielen Gründen. Ich werde nicht gerne stundenlang zwangsimmobilisiert. Ich mag es nicht, formatradiobeschallt zu werden. Ich habe eine Abneigung gegen die einfältige Formatradiomusik.

Ich mag die aufgedreht-lustig daherbrabbelnden Formatradiomoderatoren mit ihren dummen Formatradiogewinnspielen nicht. Und ich schätze auch die Formatradiohörer, die beim Formatradio anrufen, um ihre formatradiohörenden Freunde mit Formatradiomusik zu grüßen, oder ihre formatradiokompatiblen Weisheiten zu formatradiotypischen Diskussionsthemen abzusondern, nicht besonders. Vor allem aber: mich widert Lifestyle-Smalltalk an.

Da Frisörsalons nicht nur gesetzlich verpflichtet sein dürften, als Formatradioabspielstationen zu wirken, sondern die in ihnen tätigen Dienstleister auch dem Gebot zu unterliegen scheinen, ohne Pause auf ihre Kunden einzureden, meide ich sie, so lange es geht.

Aber dennoch: alle paar Wochen gibt es den Moment, an dem der morgendliche Blick in den Spiegel keinen anderen Ausweg mehr ermöglicht.

Als dieser Moment wieder einmal gekommen ist, sitze ich mit einem Bekannten beim Vormittagskaffee und klage ihm mein Schicksal.

Er schaut verständnisvoll, nickt, geht zu seinem Schreibtisch, öffnet die Schublade, holt eine Zeitschrift heraus und übergibt sie mir. Ich solle darin blättern, während ich im Frisörsalon bearbeitet würde, das werde nicht nur mich ablenken, sondern auch das anwesende Personal zum Verstummen bringen. Er handhabe das schon länger so, und genieße dadurch ungestörte Haarschnitte.

Ich nehme das Heft, schaue es an und sehe, dass es sich um einen Erotikcomic handelt.

Oh well, whatever, nevermind, denke ich mir und stecke das Heft in meinen Rucksack. Wir plaudern noch ein wenig, und ich mache mich auf, das Unvermeidliche zu erdulden.

Und so sitze ich kurz darauf mit nassen Haaren, in einen lächerlichen Latz gehüllt, auf einem Frauenarztstuhl ohne Fußstütze und leide. Happiness soll wohl eine warme Pistole sein, mit der auf das „Happy“ dudelnde Radio geschossen wurde, denke ich mir, und lasse einen Lehrling an meinen Haaren herumzerren. Und als „Happy“ endlich auch ohne gewaltsames Einschreiten verklungen ist, beginnt der sehr fröhliche Formatradiomoderator über das mutmaßliche Liebesleben Mario Balotellis zu plaudern und ruft die Formatradiohörer auf, dazu ihre persönlichen Einschätzungen dazu öffentlich zu verbreiten. Als mich dann der Friseurlehrling nach meiner Meinung zur Ernsthaftigkeit der Heiratsabsichten Herrn Balotellis befragt und sich durch mein uninteressiertes Grunzen nicht davon abhalten lässt, seine eigene Meinung zu dieser bedeutenden Problematik kundzutun, erinnere ich mich an das Sexjournal. Ich ersuche den Lehrling, mich kurz zu entschuldigen, stehe auf, gehe zu meinem Rucksack, hole das Heft, setzte mich wieder auf den Folterstuhl und beginne mit großer Geste zu lesen.

Der Lehrling schnattert munter weiter, bis er bemerkt, dass ich Zeichnungen kopulierender Menschen eingehend betrachte. Dann verstummt er.

Ich überprüfe sicherheitshalber nicht, ob sein Schweigen moralischer Entrüstung oder gesteigerter Aufmerksamkeit geschuldet ist, und blättere den Pornocomic durch. Er enthält Geschichten, in denen dreibrüstige Frauen von Außerirdischen im Circus Maximus gevögelt werden und in denen breithintrige Hexen von Faunen penetriert werden. Dazu kommen einige Varianten von lesbischem Oralsex zur Ergötzung hinter löchrigen Vorhängen verborgener glatzköpfiger Spanner und als Abschluss: eine hübsche Geschichte aus dem Hochadel, in der die Pferdeliebe einer Gräfin ihre Krönung in der fleischlichen Vereinigung mit einem Apfelschimmel, der den schönen Namen „Fulmine“ trägt, findet.

Alles zwar eher skurril als erotisch, und alle meine Vorurteile gegenüber Pornographie, aber eben auch die Einschätzung meines Bekannten, bestätigend: vom Formatradio ablenkend und die Umwelt zum Verstummen bringend.

Die gesamte weitere Prozedur, schneiden, färben, trocknen, wird nun vom Personal mit geschäftsmäßiger Zackigkeit abgewickelt, ohne, dass ich mich irgendeiner Ansprache ausgesetzt sähe.

Wenn ich mich konzentriere, bemerke ich zwar geheimnisvolles Tuscheln im Hintergrund, das aber keinerlei Störungsintensität entwickelt, sondern eher eine angenehm einschläfernde Geräuschkulisse, vergleichbar einem vorbeiplätschernden Bach, erzeugt, und mich dazu bringt, eine Zeit lang trotz des Formatradiogeplärres meine Augen meditativ zu schließen, bis ich durch Verrichtungen an meinem Kopf aus dem Halbschlaf gezerrt werde.

Als ich nach Abschluß des Föhnens und der üblichen Bespiegelung mein Heftchen zusammenrolle und mich damit zum Bezahlen an die Kasse begebe, bemerke ich, dass mir von allen Seiten interessierte Blicke zugeworfen werden.

Die Frisur scheint also objektiv einigermaßen gelungen zu sein und alles war halb so wild, denke ich mir zufrieden, und zeige mich beim Trinkgeld besonders großzügig.

Frau Moosmann führt Tresengespräche und gelangt zur Erkenntnis, dass das Schönste nicht unbedingt schön sein muss

Eine der angenehmen Nebenerscheinungen des Lebens in Italien ist, dass, wenn vielleicht auch nicht weniger getrunken, so doch weniger gesoffen wird.

Das bringt mit sich, dass in Lokalen zu später Stunde nicht überwiegend illuminierte Geistesgrößen anzufinden sind, die anwesende Frauen auf mehr oder weniger appetitliche Art anmachen, sondern auch Arbeiter, die nach Schichtende noch ein Glas Wein trinken oder Studenten, die eine Lernpause einlegen und sich mit Kaffee stärken. Leute, mit denen man auch um zwei Uhr morgens noch Gespräche führen kann.

Ich habe mir deshalb angewöhnt, ab und zu abends vor dem Schlafengehen noch einen Sprung in die Bar ums Eck zu gehen, ein Glas Merlot zu trinken, dazu ein paar Erdnüsse zu knabbern, und eine halbe Stunde mit den gerade Anwesenden am Tresen zu plaudern.

Unsere Unterhaltungen drehen sich um Belangloses. Die neueste Dummheit Umberto Bossis oder Silvio Berlusconis. Eine Restaurantneueröffnung in der Stadt. Das Kinoprogramm. Und Fußball. Früher oder später kommen wir meistens auf Fußball zu sprechen.

Vor einigen Tagen mäanderten wir – in diesem Fall: Renzo, der Barkeeper; Giorgio, der Eisenbahner; Paolo, der Psychologiestudent; und Laura, die Universitätsassistentin – von einer Äußerung des Papstes zur Abtreibung über die Golden-Globe-Verleihung und die richtige Art, Polenta zuzubereiten, auf verschlungenen Pfaden zum Thema Stadionarchitektur.

Renzo, ein Juventus-Fan, erzählte von seinem Besuch in der neuen Juventus-Arena und schwärmte von ihren Vorteilen gegenüber dem trostlosen Stadio delle Alpi, in dem Juventus die letzten Jahrzehnte die Heimspiele ausgetragen hatte. Laura schilderte, sie sei während eines Studienaufenthaltes in Heidelberg im Stadion der TSG Hoffenheim gewesen und halte seither architektonisch und atmosphärisch wenig von den Mode gewordenen Arenen, die auf Wiesen mit Autobahnanschluss stehen. Giorgio schwärmte von mitten in der Innenstadt erbauten englischen Stadien. Ich berichtete von der White Hart Lane mit ihren schmalen Eingängen und engen Stiegenaufgängen, und Paolo, der aus dem Friaul stammt, erläuterte die Trostlosigkeit alter Betonschüsseln wie des Stadio Friuli, in dem sein Heimatverein Udinese immer noch spielen muss.

Und dann stellte Renzo die Frage: Qual’è secondo voi lo stadio di calcio più bello del mondo?

Das Stadion unseres Lieblingsvereines müssten wir bei der Auswahl selbstverständlich ignorieren, der Objektivität halber.

Wir suchten mögliche Maßstäbe für die einigermaßen objektiven Beurteilung der Stadienschönheit, kamen aber zu keinem schlüssigen Ergebnis. Der Wein war inzwischen ausgetrunken, die Erdnüsse waren aufgegessen, und so verabschiedete ich mich und ging nach Hause, ohne die gestellte Frage beantwortet zu haben.

Daheim legte ich mich schlafen und dachte nicht mehr an Fußballstadien.  Bis zwei Tage später das Musikabspielgerät während meines Abendlaufes den Geist aufgab und ich gezwungen war, mich bei der Sportausübung von der Kraft meiner eigenen Gedanken antreiben zu lassen.

Ich suchte, vor mich hin trabend, zunächst wieder nach Kriterien, die ein Stadion schön machen könnten. Pittoreske Lage. Architektonische Avanciertheit. Stilistische Geschlossenheit. Komfort für den Besucher. Sie erschienen offensichtlich. Und vollkommen falsch, wenn ich an die Stadien dachte, die mir instinktiv überhaupt in Frage zu kommen schienen.

Das Stadion, für das ich mich entschieden hätte, wenn Renzo auf einer Antwort bestanden hätte, liegt in einem wenig vornehmen Randgebiet einer zentraleuropäischen Großstadt, zwischen mehr oder weniger heruntergekommenen Wohnsilos.

Einen bestimmten Stil kann man ihm nicht zuordnen, weil es im Verlauf seiner fast 90-jährigen Existenz so oft umgebaut, modifiziert, erweitert, ergänzt wurde, dass es objektiv gesehen eine architektonische Monstrosität sui generis wurde. Eigentlich eine mit nach unklaren Kriterien verteilten großen runden Betonpfeilern gestützte hohe, graue, Riesenkasserolle, an der oben an den Ecken rostrote Metallstreben befestigt sind, als ob sie das Heben der Schüssel vom Herd erleichtern sollen.

Und Komfort bietet es der Besucherin mit seinen steilen Stiegen, die schon das Erreichen des zugewiesenen Platzes zur heiklen Aufgabe machen, und den schmalen Plätzen ohne Beinfreiheit, wenig. Die Luftzirkulation in ihm ist so schlecht, dass schon vor Jahren ein Rauchverbot verordnet wurde, weil der Gestank sich von selbst nicht und nicht verzog.

Die Akustik ist allerdings für ein Fußballstadion, wohl aufgrund der steilen Tribünen, gut.

Schön im Sinne ästhetischer Perfektion ist am Stadio Giuseppe Meazza in Mailand, San Siro, also nichts.

Und dennoch: es gibt für mich kaum einen schöneren Anblick, als den, der sich an einem kalten November- oder Februarabend bietet, wenn man an der Piazza Axum aus dem Bus aussteigt, den Weg an der Pferderennbahn vorbei zu den erleuchteten Betonpfeilern in einem Strom singender Fans beschreitet, über den großen Stadionvorplatz an den gestikulierenden, schreienden Schwarzhändlern und den Vereinsdevotionalienverkäufern vorbei einen der Betonpfeiler betritt, die Rampe in ihm nach oben geht, durch die Betonöffnungen die Lichter der Pferderennbahn und der Stadt sieht, und oben, am Ende der Rampe angekommen, den Blick ins Stadioninnere wirft.

Über die steil abfallenden Tribünen nach unten auf die einlaufenden Spieler, während die Lautsprecheranlage die einfältige, schmierige, ergreifende Interhymne abspielt und zigtausend Leute mitgröhlen.

Mir vermittelt keine von Stararchitekten errichtete Arena und kein hübsch „historisch“ saniertes Stadion so gut wie dieser alte Betontopf an der Mailänder Peripherie die vielschichtige Schönheit des modernen Stadionerlebnisses, weil das Stadio Giuseppe Meazza die dem modernen Fußball inhärenten Widersprüche nicht versteckt, sondern sie offenlegt.

Das Spannungsverhältnis zwischen dem zunehmend gentrifizierten Publikum, das sich „Atmosphäre“ wünscht, die es selber nicht erzeugen kann, und den „Ultras“, die es fürchtet und gleichzeitig braucht, verdeutlicht schon ein Schwenk von der Haupttribüne zur Curva Nord.

Auch der Widerspruch zwischen der Loyalität der Fans zum als Organismus verstandenen „Verein“, dem Bedürfnis nach „Authentizität“, historischer Kontinuität und ihrem Wunsch, Stars in der Mannschaft zu sehen, um welchen Preis auch immer, und sei es den des Verkaufs der Identität, springt einer sofort ins Auge: Die „Ultras“ schwenken Fahnen mit den Bildern von Mazzola, Meazza, Herrera, Bergomi. Die unzähligen Werbetafeln wechseln alle 30 Sekunden ihre Botschaft. In den neu eingerichteten VIP-Bereichen halten Herren und Damen in Designerkleidung Champagnerkelche, während vor dem Tunnel, durch den schon Giacinto Facchetti  aus den Katakomben aufs Spielfeld gelangt ist, Fernsehkameras und Sponsorenschilder aufgebaut sind. Und der große Javier Zanetti, Inter-Spieler seit fast 20 Jahren, im Scheinwerferlicht Interviews gibt.

Vielleicht ist das im richtigen Leben auch so, rede ich mir ein, während ich, wieder zuhause, die Mütze abnehme und verschwitzt, mit zerstrubeltem Haar, in den Spiegel sehe. Und Schönheit hat manchmal gar nichts mit schön zu tun.

Bild

Frau Moosmann sitzt am Platz, an dem Cesare Battisti militärjustizermordet wurde und versucht, Clarks „Schlafwandler“-These durchzudenken

1957

Wenn es das Wetter zulässt, gehe ich am Mittag gerne eine halbe Stunde an die frische Luft und esse mein Jausenbrot an einem ruhigen Plätzchen. Manchmal nehme ich ein Buch mit und blättere beim Essen darin.

In Trento bietet sich dafür der Garten des Castello del Buonconsiglio, eines auf einer Anhöhe am Rand der Altstadt errichteten, mittelalterlichen Schlosses, das früher einmal Sitz der örtlichen Fürsterzbischöfe war, an.

Der ruhigste Ort in diesem Garten ist der nördliche Graben, heute eine von den alten Schlossmauern eingefasste Wiese mit Blick auf die Dächer der Stadt.  In diesem Graben wurde am 12. Juli 1916 der Trentiner Reichsratsabgeordnete Cesare Battisti, der als italienischer Soldat in österreichisch-ungarische Gefangenschaft geriet, gehenkt.

Das Bild, das dokumentiert, wie ein selbstzufrieden-dumm grinsender fettleibiger Scharfrichter den getöteten Battisti wie ein erlegtes Raubtier stolz lächelnden Gaffern präsentiert, hat eine gewisse Berühmtheit erlangt, weil es von Karl Kraus als „Gruppenbild des k.k. Menschentums“ bezeichnet wurde.

Ich sitze also an einem sonnigen Wintertag im Schlossgraben, konsumiere mein Schinkenbrot und blättere – gegenüber des noch gut erkennbaren „Richtplatzes“  – in Christopher Clarks Buch „The Sleepwalkers“.

In ihm vertritt der Autor in eleganten Sätzen die These, der Erste Weltkrieg sei von niemandem (vielleicht mit Ausnahme des garstigen  „Serbien“ – der Autor liebt es, Länder zu personalisieren) verschuldet, sondern von den politischen und militärischen Akteuren aller Länder durch – von einer Krise der Männlichkeit angetriebenes – schlafwandlerisches Stolpern ausgelöst worden.

Viele Anekdoten in Clarks Buch belegen auch schön, dass in den Staatskanzleien und Generalstabsbüros aller beteiligten Länder viele Idioten arbeiteten, die sich oft der Tragweite ihrer Handlungen nicht bewusst waren, diese fehleinschätzten oder sich einfach gar nichts dachten, sondern einfach weiter das taten, was immer schon getan wurde.

Was ich bei Clark lese, stößt mir dennoch unangenehm auf, ohne dass ich zunächst genau weiß, warum.

Gegen die Fakten, die Clark präsentiert, ist nicht viel einzuwenden.

Seine Auswahl der präsentierten Fakten ist schon problematischer, weil ja auch die selektive Präsentation für sich nicht zu beanstandender Fakten ein falsches Gesamtbild ergibt. Schon auf den ersten Blick fällt auf, dass die starke Betonung der Rolle „Serbiens“ das Handeln anderer Beteiligter in ein falsches Verhältnis setzt. Das spricht nicht dafür, dass der Autor versucht hat, so objektiv, wie es eben möglich ist, zu sein. Kann aber von der halbgebildeten Leserin verschmerzt werden, weil sie – einigermaßen – in der Lage ist, das Dargebotene selbst zu werten, rede ich mir ein.

Und blicke auf die Steinplatte, die anzeigt, wo das Leben des Cesare Battisti, eines Publizisten, Geographen, Sozialisten, der – aus der Gedankenwelt der damaligen Zeit und aufgrund der Behandlung der italienischsprachigen Minderheit durch die österreichisch-ungarischen Autoritäten nachvollziehbar – die Abtretung seiner italienischsprachigen Heimat (nicht aber Südtirols) an das damalige  Königreich Italien wünschte, beendet wurde. Von Staatsfunktionären, die wie Clarks „Schlafwandler“ Schritt für Schritt von Dummheit zu Dummheit voranstolperten, bis Battisti endlich erdrosselt war.

Eigentlich, denke ich mir, ist das Grundproblem an Christopher Clarks Buch nicht, dass er Tatsachen unrichtig oder unvollständig darstellt.

Sondern seine These, deren Untermauerung alle präsentierten Fakten dienen.

Wenn niemand an einem bestimmten Ereignis schuld ist, nur weil er die Konsequenzen seines Tuns nicht bedenkt, diese nicht richtig einschätzt oder die Folgen seiner Handlungen nicht zutreffend vorhersieht, ist niemand für irgendetwas verantwortlich.

Dann ist aber die These Clarks nicht nur auf den Ersten Weltkrieg, ja nicht nur auf die Mehrzahl aller Konflikte und Kriege der Menschheitsgeschichte, sondern sogar auf die Mehrzahl aller Verbrechen anwendbar.

Die Schreibtischmörder, die Cesare Battisti töten ließen, wären diesfalls an seinem Tod ebenso wenig schuld, wie etwa Saddam Hussein oder Ajatollah Khomeini an den hunderttausenden Toten im ersten Golfkrieg.

Sie taten ja alle nur das, was ihnen aus ihren vorigen Handlungen und ihrer beschränkten Sicht als folgerichtig erschien, ohne die Konsequenzen zu bedenken oder abzuschätzen. Auch wenn diese Konsequenzen für die Opfer ihrer Handlungen mörderisch waren.

Eine solche These, die jene, denen man sich in Loyalität verbunden fühlt, ihrer subjektiven Verantwortung enthebt, ist natürlich populär, wie der Erfolg von Clarks Buch gerade im deutschen Sprachraum beweist.

Aber sie ist falsch. Nicht nur moralisch, sondern auch historisch. Weil sie zwar alles erklärt, aber nichts versteht.

Und damit das Andenken Cesare Battistis und der Millionen Opfer des Ersten Weltkrieges beleidigt, aus deren sinnlosem Tod nicht einmal Lehren gezogen werden.

Ich stecke Clarks Buch in meine Tasche, stehe auf und gehe vorbei an den an der Mauer in Schaukästen ausgestellten Fotos, die Cesare Battistis letzte Lebensminuten dokumentieren, zum Kaffeehaus im Schlosshof, um einen Espresso trinken.

Frau Moosmann bekommt einen Schwips und einen Job

Nachdem er mir vorhin erzählt hat, dass der Malvasier im Spätmittelalter wegen seiner außergewöhnlichen Süße so begehrt gewesen ist, stelle ich mich auf ein Geschmackserlebnis nach Art der Beerenauslesen, die in vornehmen Restaurants zum Dessert gereicht werden, ein, und beginne etwas widerwillig am Glas zu nippen.

Erfreut stelle ich fest, dass entweder im Mittelalter eine andere Vorstellung von Süße dominiert hat als heutzutage, oder sich der Malvasier über die Jahrhunderte verändert hat. Er schmeckt nicht unähnlich einem Neuburger oder Grünen Veltliner, also keineswegs übersüß.

Ich trinke das Glas relativ zügig aus, bekomme sofort nachgeschenkt, nehme noch ein, zwei Schlucke und bemerke, wie ich beginne, locker vor mich hin zu plaudern, die Befangenheit abzulegen. Normalerweise ist das kein gutes Zeichen. Es geht ja um einen Job. Befangenheit schützt einen davor, Sachen zu sagen, die irgendwie kontroversiell sein oder missverstanden werden könnten. Und alles Kontroversielle oder Missverständliche reduziert die Chancen in einem Bewerbungsgespräch. Lernt man in Ratgebern.

Das ist mir durchaus bewusst. Einerseits. Andererseits rechne ich mir aber eh keine Chancen auf den Job aus. Und der Malvasier mundet.

Ich beginne also von meiner Kindheit in London zu erzählen (unkontroversiell), und taste mich über die Schilderung meiner Liebe zum Tottenham Hotspur F.C. (ein bisschen kontroversiell, weil sich der gerötete Herr als Fan des FC Arsenal zu erkennen gibt und sogar irgendwie mit der Familie Bracewell Smith, die lange einen beträchtlichen Teil der Anteile an diesem Club hielt, verwandt zu sein behauptet) zur zustimmenden Zitierung John Stuart Mills, der die Tories als „stupid party“ bezeichnete (sehr kontroversiell, weil der Herr schon jahrzehntelang Mitglied dieser „stupid party“ ist, wie er anmerkt).

Die Nachspeise (Semifreddo, vorzüglich)  kommt, eine zweite Flasche Malvasier (immer noch ausgezeichnet-süffig) wird geliefert, und ich ertappe mich dabei, wie ich den Londoner Bürgermeister Boris Johnson (stupid party, Eton, Balliol College) als populistischen Vollidioten bezeichne.

Der Esquire lächelt mich an und teilt mir süffig mit, dass er den guten Bekannten Boris bei einem der nächsten Treffen über meine Bewertung informieren wird.

Dass ich damit einen Volltreffer gelandet habe, mit dem ich, wenn ich jemals irgendwelche Chancen auf die Stelle gehabt haben sollte, diese Chancen auf Null reduziert habe, ist mir sogar im Zustand der alkoholinduzierten Bewusstseinserweiterung klar. Also entscheide ich mich, chancenlos wie ich bin, immerhin meine Würde zu wahren und meine unvornehm-verkürzte Einschätzung Boris Johnsons argumentativ zu unterfüttern. Ich setze also zu einer Suada an, in der ich meine inhaltlichen Einwände gegen Johnsons „Euroskeptizismus“, seine populistisch-klischeehafte Ausländerfeindlichkeit und seinen Snobismus darlege, dann Johnsons absurd-bescheuerten Äußerungen über die Bewohner Liverpools kritisiere, aber immerhin, um nicht unausgewogen zu wirken, sein volles Haar lobe.

Als ich damit fertig bin, mich erschöpft zurücklehne und einen tiefen Schluck aus meinem Glas nehme, stellt er das Glas ab, blickt mir in die Augen und sagt, dass ich überzeugend argumentieren kann. Und: „You´ve got a point.“

Das erstaunt mich, und ich frage etwas verunsichert, wie er das meint. Er erläutert mir eingehend, dass er die populistische Europafeindlichkeit, die Menschen wie Boris Johnson und die meisten großen englischen Zeitungen ständig befeuerten, für eine Geißel seines Landes und seiner Partei hält. Und sich schon seit Jahren dagegen engagiert, im Gefolge des ehemaligen Schatzkanzlers Kenneth Clarke.

Dann fragt er mich unvermutet, ob ich bereit bin, für ihn zu arbeiten.

Ich bin.

Wir schütteln uns die Hände. Er bestellt, um auf unsere Zusammenarbeit anzustoßen, Schnaps. Ich mag keinen Schnaps. Finde aber, dass ich heute schon kontroversiell genug war, und lehne also nicht ab, sondern schütte mir das Gesöff todesmutig die Kehle hinunter. Es schüttelt mich. Widerlich.

Er erläutert mir die Modalitäten der Stelle, lässt sich meine Mailadresse geben, um mir den Vertrag und Instruktionen zu übermitteln. Dann bezahlt er. Wir verlassen das Lokal gemeinsam. Er erklärt mir, dass sich sein Hotel nur zwei Straßen weiter befinde und fragt mich, wo ich abgestiegen bin.

Zu sagen, dass ich kein Hotelzimmer gebucht habe und mir in meinem Zustand nichts übrig bleibt, als zu versuchen, auf der Rückbank des Autos irgendwie einzuschlafen, erscheint mir inopportun. Also brabble ich irgendetwas hoffentlich unverständliches von einem Hotel, das in der entgegengesetzten Richtung zu seinem Weg liegt, bedanke mich für das Essen, verabschiede mich und gehe einige hundert Meter so die Straße entlang, als ob ich ein Ziel hätte.

Dann bleibe ich stehen, versichere mich, dass er nicht mehr zu sehen ist, warte sicherheitshalber noch einige Minuten. Und drehe dann um, zurück zum Parkplatz. Zurück zum Auto.

Frau Moosmann zitiert Nirvana und trinkt Malvasier

Ich bin baff.

Die Unterhaltung älterer Herren gehört nicht zu meinen Lebenzielen.  Und ich sehe mich weder neigungs- noch talentmäßig als Entertainerin. Also sage ich das, was mir immer assoziativ einfällt, wenn jemand für sich Entertainment einfordert: oh well, whatever, nevermind. Gleichzeitig lege ich meine Serviette auf den Tisch und erhebe mich. Ich denke mir, es wäre ganz nett gewesen, das rohe Fleisch zu kosten. Aber nicht so nett, dass ich bereit bin, dafür als Hofnarr aufzutreten.

Meine Reaktion scheint den Esquire zu erstaunen. Mir kommt fast vor, sein Gesicht errötet noch ein bisschen mehr. Gerade, als ich mich verabschieden will, beugt er sich vor, räuspert sich. Und sagt, dass er sich für sein Verhalten entschuldige. Ich solle ihm nicht böse sein, die übermäßige Sonneneinstrahlung auf seinen Kopf während des Tages habe wohl seine Denkfähigkeit beeinträchtigt. Natürlich gehe es nicht darum, ihn zu unterhalten. Sondern um kompetente Arbeit. Ob ich nicht so nett sein wolle, wieder Platz zu nehmen, und ihm meine Sprachkenntnisse zu erläutern. Und ihm zu erklären, wie der Erste Weltkrieg in Österreich heute öffentlich wahrgenommen wird.

Ich bin in einem Land mit einer Entschuldigungspraxis nach Art des inzwischen ins Walhalla aufgefahrenen national-sozialen Opportunisten Jörg Haider aufgewachsen. Mir wurde also massenmedial eingetrichtert, dass jede Entschuldigung zuerst so lange wie möglich hinausgezögert werden muss und schlussendlich, wenn sie nicht mehr vermieden werden kann, mit einem „von mir aus tut es mir halt leid, wenn sich jemand durch mich idiotischerweise beleidigt fühlen sollte, weil er meine Worte unbedingt falsch verstehen wollte“, zu qualifizieren ist. Also bin ich erstaunt über das prompte und ganz unzweideutige „I´m very sorry“ des Esquire, denke mir, eine vorbehaltlose Entschuldigung soll belohnt werden und setze mich wieder.

Er nimmt das sichtlich erfreut zur Kenntnis, wiederholt nochmals, dass er sein Verhalten bedaure, und beginnt, über den Wein zu plaudern. Er nimmt einen kleinen Schluck, zutzelt und spricht von Terroir und Tanninen.

Ich gehöre, wie die meisten Studentinnen, schon aus ökonomischen Gründen zum Lager der Biertrinkerinnen und habe mich mit Wein bisher kaum beschäftigt. Aber, was er mir erzählt, über Böden, Rebstöcke, Rebsorten, klingt interessant. Und bald landet er auch wieder bei Oswald von Wolkenstein, der bei einem Schiffbruch durch ein Malvasier-Fass  gerettet worden sein soll. Der Malvasier habe seinen Namen von der peloponnesischen Hafenstadt Monemvasia, die Venezianer hätten im Mittelalter mit dem wegen seiner Süße begehrten Wein regen Handel betrieben, weshalb jedes Mittelmeerschiff voll von Malvasierfässern gewesen sei. Oswalds Intimfeind, der Brixner Bischof, habe große Malvasiervorräte in Brixen angehäuft, einmal sogar Oswald damit bewirtet, wofür sich dieser aber mit einem Faustschlag bedankt habe und ihn gefangengesetzt habe.

Ich beobachte, wie die Anekdoten aus ihm heraussprudeln und er dabei die Rotweinflasche im Alleingang leert, während ich an meinem Glas nippe und Mineralwasser trinke. Als die Flasche gleichzeitig mit den Vorspeisentellern endgültig leer ist, winkt er den Kellner zu sich, und bittet ihn, uns nun eine Flasche eines bestimmten Malvasier-Weines zu bringen. Der Kellner nickt, leicht pikiert, und verlässt den Tisch. Verschwörerisch wendet sich der Esquire mir zu und flüstert, wir seien nun als Banausen verschrien, weil wir zum roten Fleisch Weißwein trinken würden. Aber, weil ich ja von seiner Assistentin als unkonventionell zertifiziert worden sei, wage er so einen Fauxpas mit mir. Zumal mein bescheidener Rotweinzuspruch ja keinen anderen Schluss zulasse, als dass ich eine Weißweintrinkerin sei. Was als Österreicherin  nur natürlich sei, weil in Österreich ja Weißweine von exzellenter Qualität produziert würden.

Als der Kellner die Weinflasche bringt und einschenkt, bittet er mich, nun auch einen adäquaten Beitrag zum Weinkonsum zu leisten. Und ich entschließe mich, dieser Bitte Folge zu leisten.

Frau Moosmann sieht ihre Vorurteile auf eine harte Probe gestellt, Part II

Ich stehe etwas unsicher neben dem Kellner, der mit einem Räuspern auf unsere erfolgte Annäherung aufmerksam zu machen versucht. Der rosahemdige Herr scheint sich entweder schwer vom Buch, in das er vertieft ist, lösen zu können, oder schwerhörig zu sein.

Meiner natürlichen Ungeduld nachgebend und meine Chancen- und Hoffnungslosigkeit ausnützend, entschließe ich mich, die Ketten der Etikette zu sprengen und strecke ihm einfach meine Hand über das Buch hinweg ins Gesicht. Weil´s eh wurscht ist.

Er schaut zunächst ein wenig peinlich berührt über solch jugendliches Ungestüm, scheint sich dann aber zu entschließen, aus der Situation das Beste zu machen, erhebt sich und schüttelt mir die Hand. Dann ringt er sich ein mildes Lächeln ab und bittet mich, ihm gegenüber Platz zu nehmen.

Mein Outfit interessiert ihn offensichtlich nicht, was ich als Anregung werte, zukünftig meinem Instinkt zu trauen und mir keine Sorgen mehr um Dinge zu machen, von denen ich mir nicht sehr sicher bin, dass sich das Sorgenmachen um sie lohnt.

Wir tauschen zwei, drei Platitüden über das Wetter aus, bis der Kellner unsere Bestellung aufnehmen will. Der Esquire winkt die hingehaltene Karte mit einer unwirschen Geste weg und fragt mich – mit, mir scheint, bohrendem Blick -, ob ich „Vegetarierin, Veganerin oder Angehörige einer anderen lustfeindlichen Sekte“ bin. Als ich das wahrheitsgemäß verneine, hellt sich sein Gesicht auf, und er bestellt für uns beide zur Vorspeise rohes Fleisch, zur Hauptspeise halbrohes Fleisch, dazu Rotwein einer von mir bisher nie konsumierten Preisklasse.

Um danach die stockende Konversation in Gang zu bringen, frage ich ihn, nachdem seine Gesichtshautfarbe diese Frage aufdrängt, ob er heute gewandert sei. Er nickt, beginnt zu erzählen, wie er morgens vom Hotel aus der Stadt zum Kloster Neustift gegangen sei, der Grabplatte Oswald von Wolkensteins wegen, die sich dort befinde. Und sich dabei verlaufen habe, wovon auch sein Sonnenbrand zeuge. Aber er verlaufe sich gerne, man finde die interessantesten Sachen, wenn man sich verlaufe. Eigentlich habe er sich sein ganzes bisheriges Leben lang immer verlaufen, und das wolle er so beibehalten, weil, wenn man ein Ziel erreiche, sei man doch immer enttäuscht, sodass es nur vernünftig sei, jede Zielerreichung so lange wie möglich hinauszuzögern.

Dann erzählt er mir, bis die Vorspeise serviert wird, Geschichten aus dem Leben Oswald von Wolkensteins, der es ihm sehr angetan zu haben scheint.

Als der Trüffelcarpaccio vor uns steht, und wir mit dem sehr teuren Rotwein anstoßen, sagt er zu mir: „You know, I´m a Die-hard Tory. I´m hoping you´re a Firebrand Lefty. To our political differences.“

Ich bin mir nicht ganz sicher, wie ernst das gemeint ist, lache höflich und nütze die bewährte Taktik, eine direkte Antwort durch eine Gegenfrage zu vermeiden.

Warum er das denn hofft, und ob meine politischen Ansichten für den Job, um den ich mich beworben habe, relevant sind. Natürlich seien sie das grundsätzlich nicht, meint er. Aber er hasse Langweile. Und Langweiler.

Weil der Job ja, gerade weil er auch Übersetzdienste beinhalte, längeres Zusammensein auf Autofahrten usw. erforderlich mache, könne er ihn – leider – an keinen Langweiler vergeben, so qualifiziert dieser auch sein möge.

Und, weil er gerne interessanten Widerspruch habe, könne es  nicht schaden, wenn man politisch ganz gegensätzlicher Meinung sei. Außerdem habe er festgestellt, dass nur „Libertarians, Firebrand Lefties und Die-hard Conservatives“ unkonventionell seien. Da ich ihm ja als unkonventionell beschrieben worden sei, und ich schon von meinem Erscheinungsbild her nicht wie ein Mitglied der „Young Conservatives“ aussähe, habe er einen “Informed Guess” gewagt.

Damit lehnt er sich zurück, lächelt mich an, nimmt einen Schluck aus seinem Rotweinglas und sagt: „So, entertain me.“

Frau Moosmann sieht ihre Vorurteile auf eine harte Probe gestellt, Part I

In Brixen angekommen kontaktiere ich, nachdem ich durch Espressozufuhr den Kreislauf hinreichend in Schwung gebracht habe, den Herrn aus England telefonisch. Er scheint sich erfreulicherweise an mich zu erinnern und weist mich an, ihn um 20.30 zum Abendessen in einem seinem Tiernamen nach nicht besonders nobel klingenden Lokal zu treffen. Ich soll mich „casually“ bekleiden, gibt er mir vor der Verabschiedung noch mit.

Da ich prinzipiell nicht dazu neige, mir Gedanken über Bekleidungsvorschriften zu machen, nehme ich das zur Kenntnis, ohne nachzufragen, was konkret damit gemeint ist, und denke mir, ich werde für den Besuch eines Tiernamensgasthauses schon etwas hinreichend Vornehmes eingepackt haben.

Ich besichtige die Stadt, verbringe einige Zeit in den überraschend gut sortierten Buchhandlungen, gehe nobler, als es ökonomisch sinnvoll erscheint, speisen, und lege mich dann für ein Nickerchen in eine Wiese. Als ich vor mich hindöse, fällt mir ein, dass gerade in England Dresscodes bei semioffiziellen Anlässen sehr ernst genommen werden. Also entschließe ich mich, nach Beendigung der Mittagsruhe den – interessanterweise massenmedial oft so genannten – „Internetnachrichtendienst“ Twitter zur Klärung, was mit „casually“ nun konkret gemeint sein könnte, zu bemühen.

Auf meine Frage hin erhalte ich widersprüchliche Antworten, die sich nur in einem Punkt einig sind: Jeans und T-Shirt, also meine Standardbekleidung, fallen nicht unter diesen Dresscode.

Ein Blick in die Tasche lässt erkennen, dass ich nur ein Badekleid eingepackt habe, das den Dresscodeanforderungen auch nicht entsprechen dürfte. Also stellt sich die Frage: soll ich mir für das Gespräch ein neues Kleid kaufen, um meine von vornherein minimalen Chancen auf den Job zu wahren. Oder soll ich auf den Dresscode pfeifen, in der Kleidung, die mir nun eben zur Verfügung steht, auftauchen, mir den Bauch vollschlagen und wieder zurückfahren, weil´s eh egal ist?

Nach einigem Überlegen entscheide ich mich als gute Österreicherin für einen schicksalergebenen Kompromiss, und entschließe mich, das erste Kleidergeschäft, an dem ich vorbeikomme, zu betreten, und mir, wenn ich dort ein adäquates preiswertes Kleid finde, dieses zu kaufen. Für den Fall, dass ich dort keines finde, beschließe ich, dem Unglück seinen Lauf zu lassen und seiner Lordschaft in Jeans und T-Shirt gegenüberzutreten.

Ich biege in die erste Laubengasse ein und stehe vor einer kleinen Boutique, die einen Ausverkauf bewirbt. Ich betrete sie, und sehe an einer Schaufensterpuppe ein hübsches leichtes kurzes schwarzes Kleidchen mit weißen Knöpfen, das auf 50 Euro reduziert ist und zumindest den Dresscode-Minimalanforderungen genügen würde.

Kurzentschlossen probiere ich das Kleid, bezahle es, und lasse es, nachdem ich ja aus Kostengründen kein Hotelzimmer gebucht habe und Umkleidemanöver im Auto nach dem morgendlichen Desaster vermeiden will, gleich an.

Dann setze ich mich in einen Gastgarten, lese und warte, bis es Abend wird. Gegen 20 Uhr gehe ich zum Auto, um mich auf den Weg zum Gasthaus zu machen. Als ich meine Schminksachen suche, stelle ich fest, dass ich auch die im Zimmer am Meer vergessen habe. Glücklicherweise finde ich im Handschuhfach noch einen alten Mascara-Stift, mit dem sich zumindest die Augen bearbeiten lassen. Und treffe dann im neuen Kleidchen, aber ansonsten im wesentlichen die ungeschminkte Wahrheit darstellend, kurz vor dem vereinbarten Zeitpunkt vor dem Tiernamengasthaus ein.

Als ich das Lokal betrete, stelle ich fest, dass sich meine Erwartungen nicht erfüllt haben und auch Tiernamensgasthäuser durchaus nicht nur vornehm, sondern geradezu nobel sein können.

Ich stehe etwas deplatziert im Eingangsbereich und beobachte durch eine offene Terrassentüre Gasttische, an denen vornehme Damen, die in Haute-Couture-Kleidern in sommerlichen Designeranzügen gekleideten Herren, die urbane Weltläufigkeit versprühen, gegenübersitzen und aperolspritzgefüllte Gläser hin- und herschwenken. Und einen Tisch, an dem ein Mann mittleren Alters in einem kurzärmeligen rosa Hemd, an dem die obersten drei Knöpfe geöffnet sind, mit pink gefärbtem Gesicht, offenbar als Folge einer nicht ausreichenden Sonnenschutzverwendung, alleine sitzt und in einem Buch liest, während er einen tiefen Zug aus einem Weißbierglas nimmt.

Ein Kellner fragt mich, was ich hier will und ich teile ihm mit, dass mich Mister Soundso, Esquire, erwartet. Er nickt wissend, bittet mich, ihm zu folgen, und führt mich in den Gastgarten. An den Tisch des Herren im rosa Hemd.