I guess I´ll have to do it while I´m here

Intellektuell inkonsistent

Category: .*txt

Wünschen oder whatever gets you thru the night (it´s alright, alright)

Ein Beitrag zum Projekt *.txt von Dominik Leitner.

In gewisser Weise fand sie es immer noch erstaunlich.

Wenn sie gefragt hatte, was man gerne zum Abendessen serviert erhalten würde, waren die Antworten meist ziemlich konkret. Lasagne mit besonders viel Béchamelsauce, aber ohne Champignons. Danach Schokoladenpudding mit Schlagobers und kandierten Kirschen. Dazu einen möglichst nicht zu fruchtigen Rotwein.

Auch nachdem das gewünschte Essen auf dem Tisch stand, waren Verbesserungswünsche nicht selten. Ein bisschen Salz. Eine etwas größere Portion Schlagobers. Den Wein vielleicht doch noch 5 Minuten in den Kühlschrank stellen, weil er nur bei 17 Grad seinen Geschmack optimal entfaltet. Und die zweite Portion dann ohne die kandierten Kirschen. Doch zu süß, so ein Pudding mit kandierten Kirschen.

Daran, dass Menschen ihr gegenüber grundsätzlich Vorstellungen nicht zum Ausdruck bringen wollten, konnte es also nicht liegen. In vielen Alltagssituationen hätte sie es durchaus ertragen, weniger detaillierte Anregungen zu erhalten.

Sobald es aber um Sex ging, änderte sich die Bereitschaft zur präzisen Beschreibung. Statt exakten Vorgaben wurden hochtrabende rhetorische Figuren geboten.

Selbst der forsche junge Herr, der sie telefonisch ersucht hatte, zu einem romantischen Abendessen WC-Papier („Vierlagiges, bitte!“) mitzubringen, stotterte auf ihre Frage, welche sexuelle Stimulationen er bevorzuge, nur unschlüssig. Und flüchtete sich schließlich in Abstraktionen und windschiefe Metaphern von “distanzloser Vereinigung” und “tantrischer Explosion”. Was immer das bedeuten mochte.

Leute, die nicht vor der Verlautbarung zurückschreckten, dass sie ein Ribeye-Steak nur medium rare zubereitet für verdaubar hielten, und für die es kein richtiges Leben mit der falschen Zahnpasta („Ich ertrage nur Colgate Max Fresh.“) gab, wollten sexuellen Vorlieben nicht verraten.

Diese nebulösen Andeutungen verunsicherten. Sie versuchte daher, sich irgendwie metaphorisch zu verhalten.

Die Erfolge hielten sich in Grenzen, weil ihr bald klar wurde: die Metaphernmeister mochten vielleicht wissen, was sie wollten. Aber mit den Metaphern, die ihnen entfleucht waren, hatte es jedenfalls nichts zu tun.

Auf Dauer war, schien ihr, niemandem geholfen, wenn sie sich eigene Floskeln zurechtlegte, um vermurkste Turnübungen nachträglich schön zu reden.

Also entschloss sie sich, deutlich zu machen, was sie wollte. Durch Handlungsanweisungen, die frei von Vulkanausbrüchen, Erdbeben und anderen metaphorischen Naturkatastrophen waren.

Erstaunlicherweise erlebte sie keinen Widerstand, sondern fast erleichtert wirkende Kooperation.

Gespräche über Sex blieben weiterhin reich an Tropen und Euphemismen.

Warum das so war, wusste sie immer noch nicht. Aber das Nichtwissen beeinträchtigte ihr Leben nicht mehr.

Gratwanderung

Ein Beitrag von Daniel Kosak zum Projekt *.txt von Dominik Leitner

grat

Ich mache das jetzt mal auf die herkömmliche Art: Wenn ich nicht weiß, worum’s gehen soll, dann google ich mal. Wenn man „Grat“ googlet, dann ist das erste Ergebnis die „Gruppe angepasste Technologie“, ein wissenschaftlicher Verein an der Technischen Universität Wien, der sich für einen umweltverträglichen Umgang mit Technik und ihren Folgen einsetzt. Tolle Sache wahrscheinlich, aber vielleicht auch nicht das, was hier erwartet wird.

Mit dem zweiten Ergebnis kommen wir der Sache schon näher, hier wirft die Suchmaschine den Schweizer Berg „Grat“ als Ergebnis aus. Wobei der Begriff „Berg“ in diesem Fall vielleicht übertrieben ist, es handelt sich um einen 991 Meter hohen Hügel, der aber immerhin der höchste Punkt des Kantons Thurgau ist.

So weit, so uninteressant.

Ich suche nun nach „Gratwanderung“, und zwar in der Bildersuche. Es erscheint dieses Bild. Jetzt bin ich dort, wo ich hin will. Ein Berg mit einem Grat, auf dem Menschen wandern. „Gratwanderung“ dient meistens als Synonym für die Gefahr, auf einer der beiden Seiten runterfallen zu können. Menschen benutzen das Wort, wenn sie beschreiben wollen, dass sie sich nicht zwischen der einen oder anderen Seite entscheiden konnten, als Synonym des Leidens und der Unsicherheit. In vielen Texten ist das Wort auch als Metapher für andere Situationen. Für eine Weggabelung etwa, an der Menschen sich entscheiden mussten, ob sie den einen oder den anderen Weg nehmen. Oder als Tanz auf dem Seil, unsicher und schwankend, ständig fürchtend, dass man ungesichert runterfällt.

Was mir nicht untergekommen ist: Die Gratwanderung als Metapher für etwas Schönes. Wenn man das Bild betrachtet, auf dem Menschen auf einem grünen Bergrücken gehen, dann wirkt das für mich bedrohlich. Man kann auf jedem Grat gehen und die Schönheiten sehen, die sich links und rechts auftun, wenn man runterschaut. Der Blick ins Tal von einem hohen Punkt, auf beide Seiten, auf denen sich unterschiedliche, aber schöne Welten auftun können. Das würde mir als Metapher besser gefallen. Abseits von gekünstelter „Feel-good-Attitüde habe ich oft den Eindruck, dass viele Menschen ihren Fokus auf Gefahr, Bedrohung und Empörung legen. Aufregung und Erregung sind die Säulen, auf denen auch weite Teile der sozialen Medien beruhen. Ungeprüft natürlich, gepostet und geteilt wird meistens ohne zu hinterfragen, die eigene Empörung wird mit „Arg, oder?“ als Kommentar hinzugefügt.

Dieses Verhalten begrenzt sich selbst nicht nur in sozialen Netzwerken, auch Medien funktionieren inzwischen oft so. Und nicht nur am Boulevard. Das emotionslose, aber Wissen schaffende „einerseits-andererseits“, das den Leser seine Schlüsse selbst ziehen lässt, gibt es nicht mehr oft. Meinung machen, Informationen liefern. Oder nur jene Informationen bereitstellen, die die eigene Meinung untermauern.

Ich wünsche mir, dass Gratwanderungen zumindest manchmal auch als etwas anderes gesehen werden. Als eine Möglichkeit einen Blick auf beide Seiten zu werfen. Physisch, aber eben auch metaphorisch.